Schwerpunkte

Marokko | 1,5 Grad | E-Mobilität

Kohle-Ausstieg schützt vor Quecksilber

Ein rascher Kohleausstieg hätte – neben Klimaschutz und Landschaftserhalt – auch einen ganz unmittelbaren Nutzen: Die Belastung durch das extrem giftige Quecksilber würde, wie eine Studie zeigt, drastisch sinken. Die neuen EU-Grenzwerte würden das auch schaffen, werden hierzulande aber gar nicht wirksam.

Aus Berlin Jörg Staude

An Zahlen und Fakten, die die Gefährlichkeit von Quecksilber nachweisen und seine Quellen aufdecken, besteht inzwischen wahrlich kein Mangel. Das Schwermetall gehört zu den drei giftigsten Substanzen, mit denen Mann, Frau und Kind täglich in Kontakt kommen – mit allen drastischen Folgen für Gesundheit und Umwelt.

BildDie ungewöhnlichen Eigenschaften des Quecksilbers machen das flüssige Metall zu einem gefährlichen Giftstoff. (Foto: Elizabeth Ellis/Flickr)

Rund 70 Prozent des giftigen Schwermetalls werden in Deutschland durch den Energiesektor freigesetzt. Das hatte bereits eine Mitte 2013 von den Grünen im Bundestag vorgelegte mehrjährige Studie nachgewiesen. Die größten "Metallschleudern" sind demnach Kohlekraftwerke. Allein die acht größten Braunkohlemeiler sorgten 2012 mit einem Ausstoß von jeweils mehreren hundert Kilogramm Quecksilber für rund 40 Prozent der gesamten Emissionen in Deutschland.

Zwar liegt der Anteil des Schwermetalls im Brennstoff nur zwischen 0,01 und etwa einem Milligramm je Kilogramm, doch bei den Millionen Tonnen Kohle, die große Kraftwerksblöcke jährlich durch den Kessel jagen, summiert sich der Quecksilberausstoß schnell auf mehrere Tonnen.

Kein deutsches Kohlekraftwerk hält den US-Grenzwert ein

Geändert hat sich in den letzten zweieinhalb Jahren praktisch nichts, wie eine neue Studie des Hamburger Instituts Ökopol zeigt, die ebenfalls von der Grünen-Fraktion in Auftrag gegeben wurde und klimaretter.info vorliegt. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass nur ein einziges der 53 inländischen Kohlekraftwerke den strengen US-Grenzwert für Quecksilber einhalten würde – ja, "würde", denn bei der Anlage handelt es sich um die mittlerweile stillgelegten Steinkohleblöcke in Datteln.

In den USA gelten seit drei Jahren für Kohlekraftwerke die weltweit niedrigsten Grenzwerte für Quecksilber von – umgerechnet – etwa 1,5 Mikrogramm je Kubikmeter. In Deutschland sind die Betreiber von Kraftwerken und anderen Verbrennungsanlagen nur verpflichtet, einen Tagesmittelwert von 30 Mikrogramm je Kubikmeter einzuhalten.

Dieser enorme Unterschied sorgt dafür, dass die Bundesrepubik mit einer Freistzung von zehn Tonnen Quecksilber im Jahr zusammen mit Griechenland und Polen trauriger Spitzenreiter bei der langsamen Vergiftung der Umwelt ist, wie in der Ökopol-Studie nachzulesen ist. Und wie bisher gilt: Rund 70 Prozent des Quecksilbers, absolut also sieben Tonnen, stammen aus Kohlekraftwerken – 2013 allein 3,4 Tonnen aus 16 Braunkohlekraftwerken.

"Die USA – wahrlich kein Hort des Umweltschutzes – hat strengere Quecksilber-Grenzwerte als Deutschland: Das ist ein Armutszeugnis für die schwarz-rote Bundesregierung, die hier auf Kosten der Gesundheit von Mensch und Natur nicht handelt", prangert der grüne Fraktionsvize Oliver Krischer die Koalition an.

An fehlender Technik liegt es nicht

Erstmals ließen die Grünen jetzt auch untersuchen, wie sich die Schadstoff-Fracht verringern ließe. Technisch ist das kein großes Problem. Sogar ein Grenzwert von einem Mikrogramm je Kubikmeter könnte eingehalten werden. 85 Prozent der Emissionen großer Braun- und Steinkohlekraftwerke wären vermeidbar, so Ökopol. Zu den erprobten Techniken – zum Teil in Deutschland entwickelt – gehört zum Beispiel die Zugabe von Bromid. Die relativ kostengünstige Methode wird seit Jahren angewandt – allerdings nicht in Deutschland.

Zwar hat die EU Mitte vergangenen Jahres beschlossen, dass voraussichtlich ab 2017 der US-Grenzwert auch in Europa für große Kraftwerke gelten soll. Bestehende Anlagen sollen ihn aber erst ab 2021 wirklich einhalten müssen. Und ob das in Deutschland dann auch so kommt, ist fraglich.

Denn die neuen EU-Vorgaben schreiben nicht zwingend die Anwendung quecksilbermindernder Techniken vor, sondern sie lassen – worauf Ökopol hinweist – ein höheres Emissionsniveau zu. Und zwar dann, wenn – wie in der Bundesrepublik üblich – die Kraftwerks-Abgase von Staub und Schwefeldioxid gereinigt werden, was als "Zusatznutzen" auch deren Quecksilbergehalt mindert. Für Steinkohlekraftwerke sollen dann bis zu vier Mikrogramm und für Braunkohle-Anlagen bis sieben Mikrogramm je Kubikmeter erlaubt sein. Diese Emissionswerte werden, stellt Ökopol weiter fest, in Deutschland überwiegend bereits erreicht, so dass die Mindestvorgabe der EU im Jahr 2021 keine Quecksilberminderung bewirken werde.

BildDas inzwischen stillgelegte Steinkohlekraftwerk in Datteln wäre die einzige Anlage gewesen, die in Deutschland die strengen US-Standards bei Quecksilber erfüllt hätte. (Foto: Arnold Paul/Wikimedia Commons)

Auf die EU zu vertrauen, scheint also nicht ratsam. Oliver Krischer fordert Union und SPD deshalb nicht nur auf, in Deutschland nach US-Vorbild endlich strengere Grenzwerte einzuführen. Die Koalition müsse "endlich auch ein Konzept für einen Kohleausstieg vorlegen", verlangt der Grüne – getreu dem Grundsatz: Besser Emissionen vermeiden als diese aufwendig reinigen und die Schadstoffe irgendwohin entsorgen.

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen