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Globaltemperatur um 1 Grad gestiegen

Der britische meteorologische Dienst meldet einen neuen Temperaturrekord. 2015 ist auf dem Weg, das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen zu werden. Auch die Daten der Welt-Meteorologie-Organisation WMO bestätigen den Trend.

Von Nick Reimer und Friederike Meier

Hiobsbotschaft vom Met Office, dem britischen meteorologischen Dienst: Das Jahr 2015 war bislang ein volles Grad wärmer als die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts – also jene Zeit, die als "vorindustrielle Referenzperiode" in der Klimawissenschaft als Basis genommen wird. 2015 ist damit auf dem Weg, das wärmste Jahr zu werden, das seit Beginn der Wetteraufzeichnungen registriert wurde. Die Meteorologen machen einerseits das Wetterphänomen El Niño für die neue Rekordmarke verantwortlich, andererseits die zunehmende "Verschmutzung" der Atmosphäre mit Treibhausgasen.

BildSonnenenergie: Quelle des Lebens, aber zunehmend auch eine Bedrohung, weil Menschen die Atmosphäre verändern. (Foto: Reimer)

"Starke El Niños haben die Meteorologen auch schon in der Vergangenheit registriert", erklärte Stephen Belcher vom Met Office. "Aber nie stieg die Temperatur bis zur Ein-Grad-Schwelle – ein klares Zeichen für den zunehmenden Einfluss des Menschen auf das Klima."

Ein Grad wärmer bedeutet, dass die Hälfte zum Zwei-Grad-Limit bereits erreicht ist: Die Weltgemeinschaft hatte 2010 auf dem Klimagipfel COP 10 im mexikanischen Cancún beschlossen, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, um "gefährliche Störungen" des Weltklimas zu verhindern.

Die Wissenschaft hat inzwischen relativ genau berechnet, ab welchem Punkt "gefährliche Störungen" eintreten werden. Jenseits einer CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 450 ppm (parts per million) wird die globale Oberflächentemperatur um zwei Grad im Durchschnitt ansteigen. Die Forschung hat sogenannte "Kipp-Elemente" ausgemacht, die dann die Erderwärmung verselbständigen. Etwa die Permafrostböden: Unter der dauergefrorenen Erde Sibiriens und Nordamerikas sind Millionen von Milliarden Kubikmeter Methan "eingesperrt", ein rund 30-mal so starkes Treibhausgas wie Kohlendioxid. Ab zwei Grad mehr taut dieser Boden auf. Klimaschutz wäre dann fast egal: Die Erderwärmung würde sich verselbständigen.

400 ppm erstmals überschritten

Auf Drängen der Allianz der kleinen Inselstaaten AOSIS und vieler afrikanischer Staaten war auf der Klimakonferenz in Cancún 2010 ein Passus in den Beschluss eingefügt worden, dass bei der diesjährigen Klimakonferenz überprüft werden soll, ob es notwendig ist, die Erwärmung auf 1,5 Grad statt auf zwei Grad zu begrenzen. Denn die Klimawissenschaft ist sich nur zu 70 Prozent sicher, dass bei einem Zwei-Grad-Limit gefährliche Veränderungen im Weltklima ausgeschlossen werden können. Wirkliche Sicherheit gebe es nur bei einem 1,5-Grad-Ziel.

Zur Meldung aus Großbritannien passt ein Bericht der Welt-Meteorologie-Organisation WMO, der heute vor einer weiter steigenden Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre warnt. Nach WMO-Daten ist die CO2-Konzentration im Frühjahr 2015 erstmals auch im globalen Durchschnitt über 400 ppm gestiegen. Der Treibhauseffekt hat der Organisation zufolge im Zeitraum von 1990 bis 2014 um 36 Prozent zugenommen.

Im Jahr 2012 waren an einzelnen Mess-Stationen zum ersten Mal Konzentrationen von über 400 ppm gemessen worden. In den ersten Monaten dieses Jahres betrug nun erstmals die globale Durchschnitts-Konzentration mehr als 400 ppm. Im Frühling, bevor die Pflanzenwelt auf den Landmassen der Nordhalbkugel zu wachsen anfängt, enthält die Atmosphäre mehr Kohlendioxid als im Winter. "Bald werden die CO2-Konzentrationen weltweit immer über 400 ppm liegen", sagte der Generalsekretär der WMO Michael Jarraud.

Übers gesamte Jahr 2014 gesehen lag die CO2-Konzentration in der Atmosphäre bei 397,7 ppm, die Konzentration von Methan erreichte einen Höchststand von 1.833 ppb (parts per billion), die von Lachgas von 327,1 ppb.

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Die Rückstrahlung der Sonnenenergie ins All wird durch Kohlendioxid, Methan, Lachgas und Co aufgehalten – der sogenannte Treibhauseffekt. (Foto: Reimer)

Die UN-Organisation warnt auch vor Rückkopplungs-Effekten durch den Anstieg des CO2 in der Atmosphäre: "Die zusätzliche Energie, die durch die Treibhausgase in der Atmosphäre bleibt, heizt die Erdoberfläche auf und sorgt so dafür, dass mehr Wasser verdunstet", erläuterte WMO-Chef Jarraud. Warme Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen, der dann ebenfalls zum Treibhauseffekt beiträgt. Ein weiterer CO2-Anstieg hätte also überproportional große Folgen für das Klimasystem.

[Erklärung]  
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