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Die verblichenen Korallenparadiese

Die US-Wetterbehörde NOAA warnt vor der "globalen Korallenbleiche". Für die Korallen ist der Farbverlust Symptom eines lebensbedrohlichen Vorgangs, stammt ihr typisches Rot doch von Symbionten. Diese liefern den Tieren notwendige Nährstoffe, bleiben aber derzeit oft aus. Schuld ist die steigende Temperatur der Meere.

Von Friederike Meier

Unter Tauchern gilt Samoa als Geheimtipp. Wer in der Gegend der Pazifikinsel nordöstlich von Fidschi ins Wasser springt, der muss sich nicht mit anderen Tauchern balgen, versprechen Internetforen. Unberührte Unterwasserwelten, die noch nicht einmal benannt worden sind, würden einen erwarten. Aber auch das "letzte Paradies" scheint nun zu verschwinden.

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Samoa: Das "letzte Paradies" ist bedroht. (Foto: Stephen Glauser/Wikimedia Commons)

Samoa ist besonders heftig betroffen von einem weltweiten Korallensterben. An den Riffen vor der Südseeinsel finden Taucher statt bunter Korallen und farbenfroher Papageienfische nur noch gelblich-blasse Skelette vor. Das Phänomen heißt Korallenbleiche. Im Sommer vergangenen Jahres hatte es im Nordpazifik begonnen, dann verblassten die Korallenriffe auch im Südpazifik und im Indischen Ozean. Jetzt ist auch die Küste der USA betroffen.

Die US-amerikanische Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA warnte in der vergangenen Woche vor einer "globalen Korallenbleiche". Es ist nach 1998 und 2010 das dritte Mal, dass dieses Phänomen zu beobachten ist. 38 Prozent der Korallen könnten weltweit in Gefahr sein. Nach den Berechnungen der Wissenschaftler wird die Bleiche bis 2016 andauern und sich möglicherweise zum schlimmsten jemals gemessenen Korallensterben entwickeln. Die NOAA schätzt, dass die Korallenriffe auf einer Fläche von 12.000 Quadratkilometern absterben werden.

Für die Farbe der Korallen sorgen winzige Algen, die in der Korallenhaut leben und die Nesseltiere mit Zucker aus der Photosynthese versorgen. Im Gegenzug erhalten die Algen Nährstoffe, welche die Korallen ausscheiden. Eine perfekte Symbiose. Geraten die Korallen aber in Stress, stoßen sie ihre kleinen Helfer ab – und bleichen aus. Das Kalkskelett ist dann durch die transparenten Tiere zu sehen.

Der Stress kann viele Gründe haben: "Zu hohe oder zu niedrige Temperaturen, zu starke Sonneneinstrahlung oder verschmutztes Wasser sorgen dafür, dass die Korallen die Algen abstoßen", sagt Philipp Kanstinger, Korallenexperte der Naturschutzstiftung WWF. "Einige Wochen können sie das überleben, aber wenn sie zu lange weiß sind, verhungern sie."

Warme Meere schaden Korallen

Zu schaffen macht den Korallen derzeit vor allem der besonders heftige El Niño. Das Wetterphänomen führt dazu, dass sich die Oberfläche des tropischen Pazifiks erwärmt und die dortigen Temperaturen über Monate mindestens ein halbes Grad Celsius über dem Mittelwert liegen. Auch die weltweiten Korallenbleichen von 1998 und 2010 fielen mit einem El Niño zusammen.

Allerdings gab es, wenn auch nur in der Karibik, auch 2005 eine größere Bleiche – einem Jahr ganz ohne El-Niño-Ereignis. Damals verblich die Hälfte der Korallen. "Die Hintergrundtemperaturen sind mittlerweile so hoch, dass es gar keinen El Niño mehr für ein großes Korallensterben braucht", sagt Kanstinger. Wenn sich die Erderwärmung wie bisher fortsetzt, werden die Ozeane schon 2050 so warm sein, dass ein Verlust nahezu aller Korallen droht, prophezeit der WWF.

Laut den Ergebnissen des jüngsten Weltklimaberichts gehören Korallen zu den "verwundbarsten maritimen Ökosystemen", weil sie unter steigenden Wassertemperaturen leiden, aber auch unter der Ozeanversauerung. Weil der Mensch immer mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre bläst, löst sich immer mehr davon im Meer. Die Kohlensäure kann die Kalkbildung der Korallen stören – das macht sie noch empfindlicher für Temperaturveränderungen.

Die Folgen des Korallensterbens sind gravierend: Ganze Ökosysteme können zusammenbrechen. Und auch der Mensch ist direkt betroffen. Denn Riffe schützen Küsten vor hohen Wellen – so wurden durch den Tsunami im Jahr 2004 weniger Küsten mit intakten Riffen zerstört. Außerdem hängt ein großer Teil des Weltfischfangs von den Korallen ab. "Viele Fische verbringen einen Teil ihres Lebens in den schützenden Riffen", sagt Kanstinger. Der wirtschaftliche Wert der Korallenriffe beträgt dem WWF zufolge 30 Milliarden US-Dollar im Jahr. Nicht zu unterschätzen ist auch ihre Bedeutung für den Tourismus.

Ein Wettlauf mit der Zeit

Warum sich manche Riffe nach einer Bleiche wieder erholen und andere nicht, ist noch nicht abschließend geklärt. Australische Wissenschaftler von der James Cook University in Townsville sind der Frage nachgegangen und haben 21 Riffe untersucht. Das Ergebnis der Anfang des Jahres in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten Studie: Riffe in tiefem Wasser mit hohem Fischvorkommen werden am häufigsten wieder "bunt".

Außerdem begünstigen niedrige Nährstoffkonzentrationen, dass sich die Korallen wieder erholen. Wenn viele Nährstoffe vorhanden sind, breiten sich sogenannte Aufwuchsalgen auf den abgestorbenen Skeletten aus – neue Korallenlarven können sich dann nicht mehr ansiedeln. Nach dem Korallensterben in der Karibik waren deshalb Schutzgebiete eingerichtet worden. Etwa die Papageienfische fraßen in der Folge die Aufwuchsalgen und machten Platz für neue Korallen: "In den geschützten Bereichen haben sich die Korallen erholt", sagt Kanstinger.

Steinkorallen können sich von einer Bleichungsphase durchaus erholen. Aber nur, wenn es nicht zu lange warm ist, wenn ihnen mehrere Jahrzehnte zum Regenerieren bleiben und wenn die Riffe nicht von vornherein beschädigt sind. "Es kann daher sein, dass sich in Zukunft manche Riffe stark umbauen werden", sagt der Geobiologe Reinhold Leinfelder von der Freien Universität Berlin. Umbauen – das dürfte aber zugleich bedeuten: Die Artenvielfalt nimmt ab.

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Korallen sind durch den Klimawandel stark bedroht. (Foto: Konstanze Staud)

Für Leinfelder ist es ein "Wettlauf mit der Zeit": "Wenn die globale Wassertemperatur weiter ansteigt, El Niños vielleicht häufiger und stärker dazukommen und das Ökosystem auch ansonsten durch Überfischung, Überdüngung und Versauerung vorgeschädigt bleibt, besteht leider kaum Hoffnung auf evolutionäre Anpassung der Korallenriffe."

[Erklärung]  
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