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Die wahren Kosten der Natur(zerstörung)

Kommt es ökonomisch gesehen teurer oder billiger, Moore zu erhalten und Äcker ungedüngt zu lassen? Das Projekt "Naturkapital Deutschland" will aus der Monetarisierung natürlicher Ressourcen Argumente ziehen, um diese besser erhalten zu können. Auch die gesamten Folgekosten beim Ausstoß von CO2 haben die Experten neu bestimmt.

Von Jörg Staude

Der Wolf erobert Deutschland, von Ost nach West. Auch wenn hier und da ein Schaf gerissen und der Besitzer entschädigt werden muss, steigert der Wolf das Naturkapital Deutschlands, könnte man meinen. Für Bernd Hansjürgens vom Umweltforschungszentrum Leipzig, Studienleiter des Projekts "Naturkapital Deutschland", ist der Wiedereinzug des grauen Räubers eher ein Beispiel, an dem man die Begrenztheit einer ökonomischen Betrachtung ablesen kann.

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Nicht wirklich berechenbar: Der Wert des in Deutschland wieder angesiedelten Wolfs. (Foto: Green me Filmfestival)

Die Ausbreitung des Wolfs zeige, dass Naturgebiete heute besser vernetzt seien und es Rückzugsräume gebe. Davon einen ökonomischen Nutzen abschätzen zu wollen, greife aber viel zu kurz. "Gerade beim Wolf lassen sich keine Zahlen ableiten", sagt Hansjürgens. Der Umweltökonom wehrt sich dagegen, der heimgekehrten Art eine "ökonomische Perspektive überzustülpen".

Genau darin besteht aber eigentlich das "Geschäft", um das es bei Hansjürgens' TEEB-Projekt geht. TEEB ist die Abkürzung für "The Economics of Ecosystems and Biodiversity". Dieses internationale Vorhaben, das in einer ersten Phase von 2007 bis 2010 lief, wollte den Wert der Natur sichtbar machen. Der deutsche Ableger nennt sich auch "TEEB DE" und befindet sich mittlerweile in der dritten Phase.

"Natur ist eigentlich immer unschätzbar wertvoll", betont TEEB-Chef Hansjürgens. Anders gesagt: Der Verlust ist in Geld eigentlich nicht zu messen, wenn eine Art ausstirbt. Dennoch passiert das nahezu täglich. Fast 28 Prozent der Wirbeltierarten in Deutschland – Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien – sind in ihrem Bestand gefährdet, warnt der jüngste Artenschutzbericht des Bundesamts für Naturschutz.

Es geht nicht darum, Preisschilder an Bäume zu kleben

Auch für Till Hopf vom Naturschutzbund Nabu ist es ein "trauriger Fakt", dass der Wert der Natur bisher in vielen Entscheidungsprozessen "nur unzureichend berücksichtigt wird". TEEB könne dazu beitragen, diesen Aspekt stärker einzubeziehen. Das Projekt, erläutert TEEB-Chef Hansjürgens weiter, ziele dabei "nicht auf die 'Gläubigen', sondern auf die 'Ungläubigen', die auf Natur keinen Wert legen, weil sie ihre Leistungen nicht schätzen oder in ihre Entscheidungen nicht einbeziehen wollen".

Den Vorwurf, per TEEB sollten überall Preise an die Bäume geklebt werden, lässt Hansjürgens aber nicht gelten. Bei dem Ansatz gehe es "nicht allein um Preise, sondern im Kern darum, Verursachern und Entscheidungsträgern Signale zu übermitteln, wie sie zu handeln haben", sagt er. Das könne ein höherer CO2-Preis sein, in der Landwirtschaft aber auch eine Verschärfung der sogenannten "guten fachlichen Praxis", also eine rechtliche Maßnahme.

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Bei der Förderung von Blühstreifen und anderen "ökologischen Vorrangflächen" können ökonomische Argumente viel bewirken, sagt Bernd Hansjürgens. (Foto: Steve Bidmead/Pixabay)

Auch Nabu-Experte Hopf sieht den Sinn von TEEB nicht darin, "Preisschilder an Ökosysteme zu heften". Klassische Schutzbegründungen wie der "Eigenwert der Natur", die "Bewahrung der Schöpfung" und die Verantwortung für nachfolgende Generationen "dürfen und sollen nicht ersetzt werden". Entscheidend sei vielmehr, aus der Monetarisierung des Naturkapitals zusätzliche Argumente zu ziehen.

Wie kann das praktisch aussehen? Der Artenschutzreport des Bundesamts für Naturschutz zum Beispiel sieht die intensive Landwirtschaft an vorderster Stelle bei den Ursachen für das Verschwinden der Arten. In der Agrarförderung müsse es deswegen eine Umschichtung geben, fordert Hopf: weg von reinen Flächenprämien, hin zur Förderung von Maßnahmen, die bestimmten Tier- und Pflanzenarten zugutekommen, wie dem Anlegen blühender Ackerrandstreifen.

Auch Hansjürgens kritisiert, dass durch die intensive Agrarwirtschaft bestimmte Ökosystem- und Regulierungsleistungen wie auch biologische Vielfalt verloren gehen. "Dazu kommen die schädlichen Wirkungen aufs Grundwasser und die Gewässerhaushalte. Das wird in der deutschen und europäischen Agrarpolitik bisher viel zu wenig berücksichtigt."

Einen "wahren Preis" kann es nicht geben

Welchen ökonomischen Wert Ackerrandstreifen gerade an Gewässern aber nun konkret haben, da musste das TEEB-Team doch intensiv nach Daten suchen. Fündig wurde man bei einer niedersächsischen Studie: "Der Nutzen eines fünf Meter breiten Gewässerrandstreifens, der nicht bewirtschaftet und gedüngt werden darf, ist fast doppelt so hoch wie die Kosten für Pflegemaßnahmen und Einkommensverzicht", fasst der TEEB-Chef die Ergebnisse zusammen. Er zumindest ist sich sicher: Würde dieses ökonomische Argument in der Politik berücksichtigt, könnte das die Agrarwirtschaft ökologischer machen. Da der Schutz der Fläche dem Bauern selbst nichts einbringt und es sich hier um einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen handelt, müssten die Ackerrandstreifen belohnt werden.

Das TEEB-Konzept reiht sich in die Idee ein, dass sich viele Umwelt-Probleme leichter lösen ließen, wenn die Preise die ökologische Wahrheit sagten. Hansjürgens sieht allerdings auch das mit Skepsis. Einen "wahren" Preis, meint er, werde es in dem Sinne nicht geben. Dieser hänge immer auch von gesellschaftlichen Bewertungen ab, die man den Naturgütern gebe. "Wenn wir den Verlust von Ökosystemleistungen beklagen, ist allein schon das eine gesellschaftliche Bewertung. Auch hinter einem CO2-Preis steht letztlich eine ethische Bewertung", sagt Hansjürgens – was wiederum für die Begrenztheit der ökonomischen Betrachtung von Natur spricht.

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Was die "Lagerung" einer Tonne Kohlendioxid in der Atmosphäre letztlich kostet, hängt auch von gesellschaftlichen Bewertungen ab. (Foto: Nick Reimer)

Apropos CO2-Preis: Zuletzt haben sich die TEEB-Experten intensiv die Diskussionen um eine CO2-Bepreisung angesehen, das ganze nachgerechnet und kommen jetzt auf eine Spannbreite von 80 bis 120 Euro, die der Ausstoß einer Tonne CO2 kosten müsste, will man wirklich alle Schadenskosten abbilden. Das ist mindestens das 20-Fache des derzeitigen Börsenpreises und auch deutlich mehr als die 70 Euro, die das Umweltbundesamt schon mal ausgerechnet hatte. Ob dieses "Zusatzargument" die Entscheider beim kommenden Klimagipfel in Paris beeindruckt?

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