Dreißig Jahre Warten auf Stickstoff-Abgabe

Ein geradezu vernichtendes Urteil über die ökologische Rücksichtnahme der deutschen Agrarpolitik fällen das Umweltbundesamt und der Sachverständigenrat für Umweltfragen SRU. Anlass ist das 30-jährige "Jubiläum" des SRU-Gutachtens zu Umweltproblemen der Landwirtschaft. Seit 1985 kam noch eines hinzu: Der Beitrag der Landwirte zum Klimawandel.

Aus Berlin Jörg Staude

Was sich klimapolitisch langsam herumspricht, gilt unter Umweltexperten agrarpolitisch schon lange: Die Bundesrepublik ist kein Vorreiter, sondern ein Bremser, ein Land, das sich in Brüssel regelmäßig auf die Seite der Staaten schlägt, die bindende Pflichten für Landwirte verhindern wollen. Und das offenbar – leider – mit nahezu vollem Erfolg, wie ein gemeinsamer Presseauftritt des Umweltbundesamtes (UBA) mit dem Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) am Montag in Berlin verdeutlichte.

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Schon das Umpflügen des Ackers gilt unter Wissenschaftlern als ein Eingriff in die Natur, unter Bauern naturgemäß nicht. (Foto: Eva Mahnke)

Äußerer Anlass: Vor dreißig Jahren (1985!) hatte der SRU ein Gutachten veröffentlicht, das sich mit dem Einfluss der Landwirtschaft auf Natur und Umwelt auseinandersetzte. Das größte Problem damals (und heute): der Verlust an biologischer Vielfalt, ausgelöst durch – Zitat – "maschinengerecht ausgeräumte Agrarlandschaften" und die verbreiteten Monokulturen im Anbau.

Als Probleme folgten damals (und gelten nahezu deckungsgleich heute): die hohe Nitratbelastung im Grundwasser, die unaufhaltsame Bodenerosion, der hohe Nährstoffeintrag in Oberflächengewässer, die Emissionen, besonders von Ammoniak, sowie die Schadstoffbelastung der Lebensmittel.

Bei der Auflistung der über Jahrzehnte ungelösten Problemen bedauerte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger am meisten, dass der wichtigste Punkt – der Verlust der Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren – damals wie heute am wenigsten öffentlich wahrgenommen werde. Das Ziel einer Trendumkehr bei der Biodiversität, so Krautzberger, sei nicht nur von 2010 auf 2020 verschoben worden – wobei sie selbst da "skeptisch" sei, ob das erreicht werde –, auch bei den Nitratbelastungen der Gewässer seien nur "ganz partielle Verbesserungen" festzustellen. Regional sei man sogar mit einer "Düngerflut" konfrontiert, verdeutlichte die UBA-Chefin. Geringer geworden sei immerhin die Pestizid-Belastung.

Landwirtschaft ist "Täter, Opfer und Wohltäter zugleich"

Krautzberger wies auch darauf hin, dass sich mit dem Klimawandel ein neues Problemfeld aufgetan hat, bei dem die Landwirtschaft "Täter, Opfer und Wohltäter zugleich" sei. Wolle die Bundesrepublik bis 2050 klimaneutral werden, bedeute dies, dass auch die Emissionen aus der Landwirtschaft sinken müssten. Die UBA-Chefin gab auf Nachfrage von klimaretter.info an, dass die Emissionen von Distickstoffmonoxid, dem sogenannten Lachgas, seit 1990 insgesamt leicht zurückgegangen seien, der Anteil der Landwirtschaft daran sich aber von 36 auf 77 Prozent mehr als verdoppelt habe.

Einer der beiden SRU-Gutachter von 1985, Alois Heißenhuber, stellte am Montag den Ausstoß des extrem klimawirksamen Lachgases pro Jahr und Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche auf eine Höhe mit den Emissionen eines durchschnittlichen Pkw, der im Jahr 20.000 Kilometer zurücklegt. Heißenhuber verlangte, den agrarischen Stickstoffeintrag in den nächsten Jahren mindestens zu halbieren, von derzeit 120 auf 60 Kilogramm je Hektar.

Eine Ursache für die Überdüngung sei, so der Experte weiter, die weitgehende Trennung von Pflanzenbau und (Massen-)Tierhaltung in der heutigen Intensivlandwirtschaft. Die Gülle und Jauche aus der Tierhaltung oder die Gärreste aus Biogasanlagen über hundert oder zweihundert Kilometer dorthin zurückzubringen, woher das Futter bezogen wurde, sei vielen Betrieben schlicht zu teuer. Es werde auch nicht kontrolliert, ob die geltenden Vorschriften der Düngemittelverordnung, die den Stickstoffeintrag mindern würden, wirklich eingehalten werden.

Umweltverträgliche Landwirtschaft bleibt Zukunftsmusik

Daran wird sich so schnell kaum etwas ändern. Auch nach 30 Jahren liege die Hauptarbeit, die Agrarwirtschaft umweltverträglicher zu machen, noch vor uns, erklärte Heißenhuber. Als Grundübel machten die Wissenschaftler das seit Jahrzehnten herrschende Dogma aus, eine "ordnungsgemäß" betriebene Landwirtschaft stelle keinen Eingriff in den Naturhaushalt dar. Entsprechend würden Flächenprämien bezahlt, ohne dass es irgendeine konkrete Gegenleistung der Agrarbetriebe gebe. Auch seien ordnungsrechtliche Maßnahmen wie auch marktwirtschaftliche Instrumente "tabu", kritisierte Heißenhuber.

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Die Massentierhaltung erzeugt in einigen Regionen eine "Düngerflut", wie die Wissenschaftler beklagen. (Foto: EU)

Die Stickstoffabgabe, die er und seine Gutachterkollegen vor drei Jahrzehnten vorgeschlagen haben, liegt immer noch im Schubfach. Ein ums andere Mal schilderten Heißenhuber und seine Kollegen auch am Montag, wie sich die Bundesrepublik wegen der Nichteinhaltung der Düngemittelverordnung oder der Wasserrahmenrichtlinie von der EU lieber verklagen ließ, als am hiesigen Agrar-Lobbyismus etwas zu ändern.

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