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"Es ist unser Job, gegenzuhalten"

BildDeutschlands größter Umweltverband feiert Geburtstag: Seit 40 Jahren kämpft der BUND gegen "die Plünderer des Planeten". Verbandschef Hubert Weiger über die größten Erfolge, Niederlagen und die Frage, warum der Klimawandel so schwer zu vermitteln ist.

Hubert Weiger ist seit 2007 Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), dessen Gründungsmitglied der Diplom-Forstwirt auch war. Der 1975 gegründete BUND hat heute über 540.000 Mitglieder und feiert am heutigen Samstag sein 40-jähriges Bestehen im unterfränkischen Marktheidenfeld, dem Ort der Gründung.

klimaretter.info: Herr Weiger, "Ein Planet wird geplündert" – so hieß das Buch, mit dem der CDU-Rebell und erste BUND-Vorsitzende Herbert Gruhl 1975 bekannt wurde. Heute, vier Jahrzehnte danach – wie geht es dem Planeten?

Hubert Weiger: Miserabel. Die Plünderer sind immer noch mächtiger als die Gegenkräfte, die für die Erhaltung der Ökosysteme und gegen den Klimawandel kämpfen. Die Zerstörung hat global zugenommen, allerdings auch das Wissen, was zu tun ist. Deswegen braucht es ja Umweltverbände wie den BUND auch 40 Jahre nach der Gründung immer noch.

Ans Aufgeben haben Sie noch nie gedacht?

Nein, niemals. Wir haben schließlich so vieles erreicht, was am Anfang kaum denkbar war. Und wir haben heute viel mehr Mitglieder und Förderer, als wir damals zu hoffen wagten.

Was war der größte Erfolg des BUND?

Unser Beitrag zum Atomausstieg. Der BUND ist 1975 gerade auch gegründet worden, um den Widerstand gegen die Atomkraft zu stärken – von konservativen Naturschützern und linken Umweltschützern gemeinsam. Dass inzwischen elf AKW abgeschaltet sind, hätte damals niemand vorausgesagt. Der Ausstieg ist unumkehrbar. Er müsste zwar noch schneller kommen, aber kein Politiker traut sich mehr, ihn grundsätzlich infrage zu stellen. Das ist auch unser Erfolg.

Und der größte Misserfolg?

Wir kämpfen seit den 1980er Jahren vehement dafür, dass der Flächenverbrauch in Deutschland auf Null sinkt. Aber es wird weiter betoniert und asphaltiert, was das Zeug hält. Jeden Tag gehen über 70 Hektar verloren – das entspricht über 100 Fußballfeldern –, und das obwohl die Bevölkerung schrumpft. Siedlungen und Straßen wachsen weiter krebsartig in die Landschaften hinein. Das ist der größte Misserfolg, freilich nicht nur für den BUND, sondern für die Politik und Gesellschaft insgesamt.

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Der BUND gründete sich auch, um die Anti-Atomkraft-Bewegung zu unterstützen, hier eine Demo im Bonner Hofgarten am 14. Oktober 1979. (Foto: Hans Weingartz/Wikimedia Commons)

Deutschland gilt international als Klimaschutz-Weltmeister, Energiewende-Erfinder, Umwelt-Gewissen unter den Nationen. Zu viel der Lorbeeren?

Der "Weltmeister" neigt immer wieder dazu, das Training zu vernachlässigen. Immer wieder steigt er ab. Die Kräfte in Konzernen und Politik, die zum Beispiel die Erfolge der Energiewende zurückdrehen wollen, sind stark. Es ist unser Job, hier gegenzuhalten. Unsere Gegner nutzen zwar immer noch das Argument: Umweltschutz killt Arbeitsplätze. Aber das ist ein Ammenmärchen, das Gegenteil längst erwiesen: Gute Umweltstandards, die Energiewende, nachhaltige Produkte schaffen unter dem Strich mehr Jobs, nicht weniger.

Die Umweltkrise war Mitte der 1970er Jahre mit Händen zu greifen. Waldsterben, Ölkrise, Grenzen des Wachstums, die Schlachten um das AKW Wyhl und Brokdorf. Heute beherrschen die Euro-Krise, der Ukraine-Konflikt, die IS-Gräuel die Schlagzeilen. Dagegen haben Themen wie Klimawandel, Energiewende und Naturschutz kaum Chancen. Woran liegt das?

Ganz so negativ sehe ich es nicht. Klimawandel und Energiewende kommen schon in die Schlagzeilen. Das Problem ist: Sie werden zu schnell wieder abgelöst durch tagesaktuelle Ereignisse. Themen, die viel Hintergrund-Wissen und Kontinuität erfordern, haben es heute schwerer, transportiert zu werden. Dabei haben viele der Konflikte, über die die Medien voll sind, auch mit Umweltproblemen zu tun – etwa die Flüchtlingsproblematik.

Die Tiefenschärfe vieler Medien hat abgenommen, das ist ein ernstes Problem. Und die Politik reagiert immer mehr auf Kurzfrist-Trends. Umgekehrt nimmt das Interesse an unseren Themen ja beständig zu. Die Umweltverbände, gerade auch der BUND, sind in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. Wir erreichen immer mehr Menschen. Umfragen zeigen, dass das Thema Umwelt bei den Bürgern eine viel höhere Priorität hat als bei den Politikern.

Der BUND hat so über 540.000 Mitglieder und Förderer. Eine starke Lobby, Trotzdem beklagen Sie, zu wenig Einfluss in der Politik zu haben ...

Unsere Hoffnung bei der BUND-Gründung war, mit einem starken bundesweiten Verband und der Präsenz auch in der Hauptstadt die Politik stärker beeinflussen zu können. Das hat so einfach nicht funktioniert. Wir haben gelernt: Wir müssen den Protest wieder auf die Straße tragen, um erfolgreich zu sein. Bestes Beispiel: Die Anti-AKW-Proteste nach dem Super-GAU von Fukushima. Das war ein breites Bündnis, bei dem viele junge Leute mitmachten. Das hat die Politiker beeindruckt. Ohne diesen Protest hätte Kanzlerin Merkel den AKW-Schalter nicht umgelegt.

Sie stehen in Konkurrenz mit Organisationen wie Greenpeace, WWF, Nabu und vielen kleineren Verbänden. Gut so? Oder wäre eine Allianz von allen mit dann mehreren Millionen Mitgliedern und Förderern nicht schlagkräftiger? Ohne gleich ein Umwelt-ADAC zu werden ...

Die Vielfalt ist gut. Jeder Verband spricht verschiedene Menschen an, hat unterschiedliche Strategien – von Panda bis Schornstein-Besteigung. Aber wenn es darauf ankommt, müssen alle mit einer Stimme sprechen. Oder mit vielen Stimmen, aber einer Botschaft. Das funktioniert auch immer besser. Dieses Jahr haben wir so über 50.000 Menschen zu einer Großdemo für eine echt grüne Agrarpolitik auf die Beine gebracht. Das hat die politische Debatte verändert.

Übrigens, ist Angela Merkel Mitglied bei Ihnen? Sie war ja mal Umweltministerin und Klimakanzlerin.

Nein, sie ist kein Mitglied.

Bedauern Sie, dass sie es nicht ist?

Es ist immerhin ehrlich.

Interview: Joachim Wille

[Erklärung]  
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