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"Wir reisen auf Kosten vom Rest der Welt"

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Möglichst weit durch die Welt jetten, von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeitist hetzen – das ist nichts für den Mobilitätsvordenker Helmut Holzapfel. Ohnehin beuten die Deutschen mit dieser Art des Urlaubs andere Menschen und Regionen der Welt sowie Klima und Umwelt aus, erklärt er im Interview.

Helmut Holzapfel ist ist ein deutscher Stadtplaner, Bauingenieur und Verkehrswissenschaftler. Er ist Professor für Verkehrswesen an der Universität Kassel.

klimaretter.info: Herr Professor, fahren Sie gerne in Urlaub? Oder sind Sie der Balkonien-Typ?

Helmut Holzapfel: Das Fahren an sich macht mir eher wenig Spaß, vor allem mit dem Auto, der Urlaub aber schon. Der schönste Urlaub ist daher der in meinem Kleingarten unter einem Walnussbaum. Aber bei einem längeren Aufenthalt darf es schon mal Italien sein, wo ich viele Freunde habe und mich Sprache und Kultur seit Jahren beschäftigen.

Fast jeder fährt in den Urlaub, viele sogar mehrmals im Jahr. Glaubt man. Tatsächlich bleibt etwa jeder dritte Deutsche zuhause, weil er nicht genug Geld hat oder aber gar nicht weg will. Sind die bewussten Nicht-Urlauber die besseren Ferien-Macher, weil sie keine Kilometer schrubben und kein Kerosin rausblasen?

Moralische Kriterien wie "besser" oder "schlechter" sind hier schwer anzuwenden. Die Art und Weise, wie wir Deutschen Urlaub machen, ist aber weltweit nicht auf alle übertragbar. Wenn allein die Chinesen und die Inder so herumfahren und -fliegen würden wie wir, könnten wir auf Rügen vor Asiaten den Strand nicht sehen. Das Bild zeigt, dass wir unser Verhalten radikal hinterfragen müssen.

Verreisen gilt vielen als Muss – als Zeit zum Abschalten, für Tapetenwechsel, als Ausweis des gesellschaftlichen Status. Das wollen Sie den Leuten nicht gönnen?

Wir könnten ohne Frage angenehmere Wege finden, unsere freie Zeit zu verbringen, als im Wettbewerb um immer fernere Ziele im Stau zu stehen, im überfüllten Museum elf Sekunden die Mona Lisa zu sehen oder um die halbe Welt zu jetten, um den Himalaya und die dort liegenden Abfälle anderer Touristen anzuschauen.

Was läuft falsch daran, wie wir die "schönsten Wochen des Jahres" nutzen?

Die Ideologie eines immer intensiveren und kaum auszuhaltenden Wettbewerbs im Arbeitsleben wird auf den Urlaub übertragen, wo auch möglichst viel schnell und effektiv erlebt werden soll. Die schon 1958 von Hans Magnus Enzensberger formulierte Kritik des Tourismus bedarf vielleicht einer leichten Revision, aber in der Postmoderne muss sie dabei wohl eher verschärft werden: Millionen reisen um die Welt, um Fassaden anzuschauen und in Scheinwelten zu leben, ohne Hintergründe, Besonderheiten und regionale Eigenheiten je überhaupt kennenlernen zu wollen.

Aber laut Umfragen sagen doch 75 Prozent der Urlauber, sie kommen erholt von den Reisen zurück. Und immerhin 45 Prozent berichten von positiven Auswirkungen auf die Gesundheit oder von echte Glücksmomenten auf der Reise. So schlimm kann es also nicht sein.

Tatsache ist, dass dieses echte oder scheinbare Glück teuer erkauft wird durch negative Folgen für andere. Die Ziele werden durch die Reisenden zunehmend zerstört. In Venedig zum Beispiel geht die Anzahl der Einwohner immer mehr zurück, das eigene Stadtleben ist in Gefahr. Selbst in New York meiden die Einwohner zu Weihnachten ihre eigene Stadt, weil die Fremden Gehwege und Geschäfte verstopfen.

Urlaub heißt heute oft fliegen. Zumindest theoretisch eine gute Voraussetzung, die Völkerverständigung voranzubringen. Oder nicht?

Richtig, es wird immer mehr geflogen. Das bringt die Menschen oft ohne Vorbereitung und meist ohne jede Kenntnis des Raums zwischen Start und Landung an ein Ziel. Das hat nicht nur die Entfernungen im Tourismus und die dadurch entstehende Umweltbelastung enorm erhöht. Es hat auch den Clash der Kulturen geradezu herausgefordert – etwa, wenn man zum Nacktbaden und Alkoholtrinken in muslimische Länder fährt. Die Folge ist, dass daraus nicht Debatte und Fortschritt, sondern oft Konflikt und Widerstand entstehen. Und meist, ohne dass der Tourist sich als Ursache begreift.

Dann versuchen wir es mit einer gemächlichen Art des Verreisens, dem Kreuzfahrt-Tourismus. Traumschiffe, ganz ohne Hektik, das Muster der Anti-Beschleunigung. Auch nicht gut?

Kreuzfahrten sind nicht gemächlich: Hier konsumieren die Passagiere ein Programm von Orten in Kurzausflügen, das die völlige Respektlosigkeit gegenüber den Zielen durch kurze Schnappschüsse, Bootstouren und eine schnelle Rückkehr zum exklusiven Borddinner zu einem Höhepunkt treibt.

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Ein Kreuzfahrtschiff auf Tour: "Respektlosigkeit auf dem Höhepunkt", nennt es Helmut Holzapfel. (Foto: Michael Hapke/Nabu)

Ich begreife nicht, was so viele vor allem ältere Menschen mit viel Geld dazu bringt, das als Recht auf ein Erlebnis zu reklamieren, zumal angesichts der erheblichen Umweltbelastung durch diese Superschiffe. Die Lobby der Großschiffer hat in Venedig mit allen Mitteln die nahe Vorbeifahrt an der Stadt weiter durchgesetzt, die genau diese Stadt zerstört. Das ist brutal.

Sie attestieren uns eine rasende Reiserei. Wie wollen Sie die bremsen?

Durch Bewusstseinsänderung, Verbote, etwa für Großschiffe bei Venedig, Kostenerhöhung ...

Wenn Reisen teurer würde, würden gut Betuchte es sich weiterhin leisten und die anderen blieben zuhause. Nicht gerade ein demokratisches Konzept, oder?

Wie demokratisch ist es denn heute? Viele Afrikaner und Asiaten können gar nicht reisen. Wir reisen exklusiv auf Kosten vom Rest der Welt, der bei uns im Ernstfall gar nicht willkommen ist, weil er ja bleiben wollen könnte. Es wäre eine Minimalforderung, dass wir wenigstens die Kosten der ökologischen Schäden unseres Reisens begleichen.

Wenn weniger gereist wird, gehen Jobs verloren. Die Reisebranche erwartet 2015 ein neues Rekordjahr. Was sagen Sie den Leuten, die dadurch Arbeit finden?

Der zunehmende billige Ferntourismus vernichtet tausende Arbeitsplätze im Nahtourismus oder in mittelständischen, kleineren Übernachtungsstätten, und zwar viel mehr, als er schafft. Er ist von Großkonzernen dominiert, die auch aus ausländischen Hotels mehr Gewinne abziehen, als dort vor Ort verbleibt.

Zu Schluss, wo geht Ihre nächste Reise hin? Vielleicht zu einem alternativen Ferienort der Cittàslow-Bewegung, etwa nach Chiavenna in Italien?

Versuche eines "alternativen Tourismus" sind oft genug gescheitert. Aber die ursprünglich italienische Bewegung Cittàslow versucht, die Menschen zu einem längeren Aufenthalt am Reiseziel und zu Aufmerksamkeit zu ermuntern. In Chiavenna soll das ganz gut klappen. Da wäre ich schon neugierig drauf.

Interview: Joachim Wille

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