Die Toten in der See

In der neuesten Tatort-Folge protestieren Naturschützer gegen einen Windpark auf See. Angeblich werden hunderte Vögel durch die riesigen Rotorblätter getötet. Die Debatte kommt auch außerhalb der fiktiven Fernsehwelt immer wieder auf. Windräder als fiese Todesfallen – was ist dran?

Von Felix Werdermann

Manchmal sind die Guten kaum zu erkennen. Ein Unternehmer will in der Nordsee einen riesigen Windpark errichten, verspricht Arbeitsplätze und grünen Strom. Eine Gruppe aus Naturschützern will das verhindern und veröffentlicht ein heimlich gedrehtes Video mit Vögeln, die von den Rotorblättern erschlagen werden. Die aktuelle Tatort-Folge (noch eine Woche lang in der ARD-Mediathek zu sehen) dreht sich um genau diesen Konflikt. Ökos gegen Ökos.

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Idylle in (Abend-)Rot: Trügt der Schein? (Foto: Colcon Flyer/Wiikimedia Commons)

Aber was ist dran an den Vorwürfen, die von den Umweltschützern im Krimi erhoben werden? Müssen wir uns wirklich entscheiden zwischen Natur- und Klimaschutz? Die Windenergie-Agentur WAB hat gleich nach dem Tatort einen "Faktencheck" veröffentlicht. Tenor: Alles halb so wild. Auch die großen Umweltverbände unterstützen prinzipiell den Bau von Windparks – in bestimmten Gebieten und unter gewissen Auflagen zum Naturschutz.

Aber ist das nicht genauso wie im Film? Dort vergibt ein großer Umweltverband ein Gütesiegel für Windparks und nimmt dafür Geld von der Industrie. In der Realität gibt es das nicht. Allerdings berichtet Ko-Drehbuchautor Wilfried Huismann, bekannt als Kritiker der Naturschutzorganisation WWF, in einem Interview mit dem Greenpeace-Magazin über ähnliche Fälle: Der BUND habe die Klage gegen den Windpark Nordergründe zurückgezogen, dafür seien 800.000 Euro in einen vom BUND verwalteten Fonds geflossen. "Aus Gesprächen mit Unternehmen weiß ich, dass solche Kompensationsgeschäfte, also Klageverzicht gegen Geld, mehrfach über die Bühne gegangen sind und auch heute noch üblich sind." Einige Naturschützer sähen das "als Möglichkeit, wenigstens Geld für den Meeresschutz herauszuhandeln, wenn man Projekte sowieso nicht verhindern kann".

Man kann zu solchen Deals stehen, wie man will, doch es wäre falsch, alle Umweltverbände als korrumpiert zu bezeichnen. Die Aktivisten von Greenpeace beispielsweise betonen stets, dass sie kein Geld von Staaten oder Unternehmen annehmen. Es gibt zwar unterschiedliche Ansichten der verschiedenen Umweltverbände zu den nötigen Naturschutzstandards für Windkraftanlagen, doch in einem sind sich alle großen Organisationen einig: Die pauschale Ablehnung aller Windparks ist unverhältnismäßig und falsch. Das ist auch klar, so lange die Alternativen in Kohlekraft und Atomstrom bestehen. Die sind für die Vögel nämlich (auf lange Sicht) noch schlimmer. Der Klimawandel zerstört ihre Lebensgrundlage und die Radioaktivität macht vor den Tieren auch nicht halt. In der Nähe der britischen Atomanlage Sellafield wurden beispielsweise 2.000 Tauben getötet, weil sie radioaktiv waren. Durch einen Atomunfall können Milliarden Tiere sterben.

Bis zu 50 tote Vögel pro Jahr und Windrad

Natürlich sollte bei den Windparks darauf geachtet werden, dass so wenige Tiere wie möglich getötet werden. Greenpeace schreibt, dass bislang "keine negativen Auswirkungen" der Windräder auf Vögel nachgewiesen wurden. "Weder verheddern sie sich in großer Zahl in den Rotorblättern, noch stören Schattenwurf und Windgeräusche die Vögel beim Brüten in der Nähe." Vielmehr gebe es "eine ganz andere Gefahr für die Vögel": die Erderwärmung. "Wegen der Klimaveränderung gelingt es Hunderttausenden von Seevögeln nicht mehr, ihre Jungen großzuziehen. Wer ernsthaft Vögel und Wale schützen will, darf sich nicht gegen den Ausbau von Windkraftanlagen stellen."

Der Naturschutzbund Nabu hat eine Studie in Auftrag gegeben und die Erkenntnisse aus anderen Ländern zusammengetragen. Das Ergebnis: "Die Zahl der Vögel, die jedes Jahr an Windkraftanlagen verunglücken, lässt sich nur sehr schwer erfassen, da Füchse und andere Räuber die Opfer wegtragen. In Deutschland gab es bisher fast keine systematische Untersuchung dazu. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Verluste viel geringer sind als zum Beispiel im Straßenverkehr." Im Ausland seien jährlich null bis 50 tote Vögel pro Anlage gefunden worden. Fazit: "Der Vogelschutz eignet sich nicht als generelles Argument gegen die Windenergienutzung."

Keine Gefahr für die Vogelarten

Im Tatort werden mehrere tote Vögel auf dem Maschinenhaus eines Windrads gezeigt – obwohl die meisten ins Wasser stürzen. Greenpeace-Experte Sven Teske erzählt in der FAZ: "Solche Massen an toten Vögeln, wie im Film gezeigt werden, wird man auf keiner Windanlage im offenen Meer finden." Vor seiner Zeit bei der Umweltorganisation habe er als Ingenieur ein Jahr auf einem Testfeld für Windkraftanlagen gearbeitet und "Vogelmonitoring" betrieben. "Ich habe in dem gesamten Jahr eine einzige tote Möwe gefunden."

Im "Faktencheck" der WAB heißt es, dass die meisten Vögel den Anlagen auf See ausweichen oder ohnehin viel höher fliegen. Ein "erhöhtes Kollisionsrisiko" gebe es nur in der Nacht und bei schlechtem Wetter, wenn etwa die Tiere im Nebel vom Licht der Windräder angelockt werden. Das sei jedoch "in keinem Fall als bestandsgefährdend" einzustufen. Zudem gebe es ähnliche Probleme mit hohen Bürogebäuden.

Ist es dann in Ordnung, wenn das Problem im Tatort etwas übertrieben wird? Zwar ist der Krimi fiktiv, doch es hätte ihm auch nicht geschadet, wenn beispielsweise die Zahl der toten Vögel etwas realistischer dargestellt worden wäre. Ko-Drehbuchautor Huismann will nach eigener Aussage eine Diskussion anregen. Man müsse "nicht generell gegen Offshore-Windenergie in der deutschen Nordsee" sein. "Aber es geht darum, wo gebaut wird und in welcher Dichte." Bisher werde weitgehend unreguliert gebaut, bald würden womöglich 6.000 Quadratkilometer deutsche Nordsee in "Industrieflächen der Energiekonzerne" verwandelt. "Für mich ist das Grund genug, die Zustimmung der großen Naturschutzverbände zu diesem Geschäft zu hinterfragen."

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Vögel und auch Fledermäuse würden durch Windräder in Gefahr gebracht, argumentieren Gegner der Anlagen gern. (Foto: Bonny B. Bendix/Pixabay)

Es wäre vor allem Grund genug, den enormen Stromverbrauch in Deutschland zu hinterfragen. Denn in einem sind sich alle Umweltschützer einig: Die beste Kilowattstunde Strom ist die, die erst gar nicht produziert wird. Wenn bald in den deutschen Haushalten etwas mehr Energie gespart würde, dann hätte der Tatort demnach etwas Gutes geleistet.

Dieser Text erscheint in Kooperation mit freitag.de

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