Unterwegs zu Südafrikas Kohleminen

Stechende Luft, Kohlegestank, schwarze Staubwolken überall: Der Nordosten des Kohlelandes Südafrika ist eine der wichtigsten Regionen für den schmutzigen Rohstoff. Auch deutsche Konzerne kaufen hier ein. Umweltregeln werden kaum kontrolliert, "Flexibilität" und "Wettbewerb" sind wichtiger. Ein Reisebericht.

Aus Mpumalanga (Südafrika) Eva Mahnke

Woher der Wind auch weht, es riecht nach Kohle rund um Witbank. Die südafrikanische Stadt in der Provinz Mpumalanga im Nordosten des Landes ist umzingelt von staubenden Minen, qualmenden Kraftwerken und rauchenden Stahlhütten. Allgegenwärtig sind die Kohlelaster, die mit ihrer schwarzen Fracht von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht über die Straßen poltern. Südafrika ist der siebtgrößte Kohleproduzent der Welt, ein Drittel seines "schwarzes Goldes" lagert rund um Witbank. Seit 2006 trägt die Stadt einen neuen Namen: eMalahleni, Ort der Kohle.

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Die Förderung von Kohle wirbelt massenhaft Staub auf. Die Minenbetreiber sind verpflichtet, die Emissionen mit Wassersprinklern zu senken. (alle Fotos: Eva Mahnke)

Auch nach Deutschland geht Steinkohle aus Südafrika; im vergangenen Jahr waren es fünf Millionen Tonnen, etwa ein Zehntel des gesamten deutschen Imports. Damit steht Südafrika hinter Russland, den USA, Kolumbien und Australien an fünfter Stelle. Praktisch alle großen deutschen Energiekonzerne von Vattenfall über Eon, RWE und EnBW bis zur Steag verbrennen für ihre Kunden auch südafrikanische Kohle.

Die Menschen in Mpumalanga zahlen dafür einen hohen Preis. Direkt an der Hütte von Andris dröhnen im Zehn-Minuten-Takt die Kohlelaster vorbei. Der alte Mann, dessen grauer Bart sich scharf gegen die dunkle Haut abzeichnet, lebt seit 30 Jahren in einer an die Slater-Mine angrenzenden Siedlung.

"Der Staub kommt überall hinein"

Solche informal settlements aus einfachen Hütten gibt es viele rund um eMalahleni. Irgendwann sind Menschen hierher gekommen aus den angrenzenden Provinzen, haben Gras und Buschwerk ausgerissen und sich ihre Hütten aus Ziegeln, Holz und Wellblech direkt neben die Mine gebaut. Andris ist nur einer von Zehntausenden, die auf Arbeit in den Minen hoffen. Die Hoffnungen sind größer als die Zahl der Jobs: Die Arbeitslosigkeit in der Region liegt bei 42 Prozent.

Unter den Auswirkungen des Kohlebergbaus, der neben zahlreichen Großkraftwerken auch mehrere Stahlwerke und andere Industrien hat entstehen lassen, leiden aber fast alle. Je nach Wohnlage atmet jeder seinen individuellen Cocktail aus Schwefeldioxid, Feinstaub und anderen schädlichen Stoffen ein. "Ich habe immer Husten, gegen den die Ärzte nie etwas unternehmen können", erzählt Andris. "Der Staub kommt überall hinein. Das einzige, was man dagegen tun kann, ist ständig die Wäsche zu waschen."

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Seit 30 Jahren lebt Andris in der Nähe der Steinkohletagebaue.

Die Menschen rund um eMalahleni leiden auffällig oft unter Asthma, Nasennebenhöhlen-Entzündungen, Lungenkrankheiten. Die kleine Kohleöfen in den Hütten tragen ihren Teil dazu bei. Der Geruch ist stechend in Andris' Behausung, aber Strom oder andere Heizmöglichkeiten gibt es in der Gegend, in der man stets ein Kohlekraftwerk am Horizont sieht, für die Ärmsten nicht.

Von Andris' Haus sind es nur noch ein paar Schritte bis zur nächsten Mine. "Was wollen Sie", ruft ein Mann in staubig-grauen Jeans, der sich als Besitzer der Anlage vorstellt. Ob er denn eine Genehmigung für die Mine habe? "Ich habe keine Mine, ich wasche nur Kohle", erwidert der Mann. Und, natürlich habe er eine Genehmigung. Der Mann nennt sich "John Smith"; in Deutschland hätte er wohl Schmidt oder Meier gesagt.

"Die südafrikanischen Gesetze sind gut, aber ..."

Über eine rechtmäßige Lizenz verfügt "Smith" mit Sicherheit nicht. Denn die würde ihn verpflichten, in Andris' Siedlung eine Station zur Feinstaubmessung aufzustellen. So etwas gibt es dort aber nicht. Trotzdem muss "Smith" kaum damit rechnen, dass jemand seine Anlage schließt oder ihn zwingt, das staubige Gelände in regelmäßigen Abständen mit Wasser zu besprühen, um die Emissionen zu senken.

"Die südafrikanischen Gesetze sind gut, aber ihre Durchsetzung und Kontrolle sehr schlecht", sagt Pinky Langa, Umweltaktivistin beim South African Green Revolutionary Council – und das, obwohl die südafrikanische Regierung die Region bereits 2007 zur "National Air Pollution Priority Area" erklärt habe, zu einem Gebiet, in dem dringender Handlungsbedarf in Sachen Luftverschmutzung besteht.

Im Umweltministerium verweist man hierzu auf fehlende personelle Kapazitäten, um die Einhaltung der Gesetze effektiv kontrollieren zu können. Außerdem müsse man bei der Umsetzung der Emissionsstandards "flexibel" sein. 90 Prozent Kohlestrom, 88.000 direkte Arbeitsplätze in der Kohleindustrie samt den davon abhängigen Familien – Südafrika hängt am Tropf der Kohle. Gleichzeitig zerstören die Minen fruchtbares Ackerland und damit langfristig eine wichtige alternative Erwerbsquelle.

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Kohle sammeln in der alten Slater-Mine gleich hinter dem Haus: So versorgen sich die Menschen in der Siedlung MSN Community mit Brennstoff zum Kochen und Heizen. 

Neben den vielen kleinen, mal mehr, mal weniger legalen Minen haben sich im großen Stil die multinationalen Rohstoffkonzerne ihre Pfründen in Südafrika gesichert. Für die Öffentlichkeit geben sich die Rohstoffkonzerne im Land ein sauberes Image. Wenn es unter Mühen gelingt, bei einem der großen in Mpumalanga aktiven Player einen Besichtigungstermin zu bekommen, findet man sich am ehesten in einer Vorzeige-Mine wie "Wonderfontein" wieder, deren Erzeugnisse vollständig in den Export gehen: Hell getünchte Gebäude, gepflasterte Wege, Blumenrabatten.

Die Betreiber, der Rohstoffmulti Glencore und die südafrikanische Holding Shanduka Coal, präsentieren im Eingangsbereich ein freundliches Ambiente. Die Mine ist gerade zwölf Monate alt. Das aufgerissene Land beschränkt sich auf ein überschaubares Terrain, vorschriftsmäßig fahren die Sprühwagen, die Arbeiter tragen Schutzkleidung. Was man nicht sieht: Chemische Reaktionen im aufgebrochenen Gestein lassen eindringendes Wasser mit der Zeit versauern. Zwar betonen die Minenbetreiber, dass sämtliches Wasser während der Betriebsdauer der Mine in ein Rückhaltebecken gepumpt werde und das Gelände nicht verlasse. Das Problem aber sind die langfristigen Auswirkungen auf den Wasserhaushalt, die die Umweltbilanz der Minen so verheerend machen.

"Die Probleme kommen erst, wenn die Mine geschlossen ist"

"Während der Betriebszeit wird die Verschmutzung in der Regel kontrolliert und sorgfältig überwacht", weiß Terence McCarthy, Geologe an der Universität Witwatersrand in Johannesburg. "Die Probleme kommen erst etwa zehn Jahre später, wenn die Mine geschlossen wurde und das Gelände wieder mit dem Umgebungswasser in Berührung kommt. Zu diesem Zeitpunkt lässt sich in der Regel nicht mehr kontrollieren, was mit dem verschmutzten Sickerwasser geschieht."

In der Zwischenzeit hat Glencore-Xstrata wie viele andere Minengesellschaften auch den umliegenden Gemeinden zwar vorschriftsmäßig das eine oder andere Schulgebäude oder Rechenzentrum gesponsert und noch manches freiwillige Projekt mehr. Grundwasser und Flüsse aber versauern auf Jahrzehnte hinaus und verseuchen die Lebensgrundlage der Menschen. Schon jetzt ist das Grundwasser in Mpumalanga – auch durch die Tausenden aufgegebenen Minen – oft nicht mehr nutzbar. Dass die inzwischen vorgeschriebenen Rücklagen der Minenbetreiber zur Bekämpfung der langfristigen Folgen ausreichen werden, bezweifeln Umweltaktivisten.

BHP Billiton, Anglo-American und Glencore-Xstrata, es sind immer dieselben Namen, denen man überall begegnet, wenn es um die negativen Folgewirkungen des Kohleabbaus geht. Durch das "Black economic empowerment"-Gesetz, das die Benachteiligung schwarzer Südafrikaner während der Apartheid beenden sollte, sind diese Konzerne eng mit der heutigen südafrikanischen Elite verknüpft. Immer wieder kursieren Vorwürfe, dass dieser oder jener ANC-Politiker finanziell von den Minen profitiere. Gerade in den ärmsten Gemeinden und bei den Gewerkschaften verliert der ANC, der seit 1994 in Südafrika die Regierung stellt, deshalb massiv an Rückhalt.

"Der ANC hört uns nicht zu"

"Wir haben den ANC immer unterstützt", sagt Sam Lekhulena, der bei der Metallarbeitergewerkschaft Numsa für Sicherheit und Gesundheit zuständig ist und den in vielen Minen unzureichenden Gesundheitsschutz für die Arbeiter und die niedrigen Löhne scharf kritisiert. "Jetzt wollen wir eine neue Partei gründen, denn der ANC hört uns nicht zu und tut nichts." Gemeint ist die United Front, ein Bündnis aus Gewerkschaftern und Vertretern aus Townships und Gemeinden, dem Beobachter die Bildung eines echten Gegengewichts zum ANC zutrauen.

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Der Wind treibt den Staub der Kohleminen großflächig übers Land. (Fotos: Eva Mahnke)

Den Behörden liegen für Mpumalanga zurzeit rund 5.000 Anträge auf neue Minen vor; die meisten dürften positiv beschieden werden. Die deutschen Energiekonzerne, die Kohle aus Südafrika beziehen, versichern, dass sie sich bei ihren Lieferanten für die Einhaltung von Umwelt- und Arbeitsstandards einsetzen wollen. Beim Namen nennen sie diese aber nicht – aus "wettbewerblichen und vertraglichen Gründen".

Sehen Sie dazu die Fotostrecke: Trip durch ein aufgerissenes Land

Redaktionelle Anmerkung: Diese journalistische Arbeit wurde mit Mitteln des Vereins Koordination Südliches Afrika (Kosa) unterstützt, einem bundesweiten Zusammenschluss von entwicklungspolitischen Gruppen und Einzelpersonen, die zur Region Südliches Afrika arbeiten

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