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Zeitbombe Totes Meer

Das Tote Meer trocknet aus. Das Sterben des Salzsees zwischen Jordanien, der Westbank und Israel ist, wie deutsche Wissenschaftler herausgefunden haben, eine menschengemachte ökologische Katastrophe mit verheerenden Folgen für die politisch instabile Region. Durch den Klimawandel bekommt das Desaster neue Dynamik.

Aus En Gedi (Israel) Susanne Götze

Der tiefste begehbare Punkt der Erde ist ein magischer Ort. Zwischen den Klüften nackter, gelber Bergrücken erstreckt sich smaragdgrün das Tote Meer. Von der nahen Festung Masada auf dem gleichnamigen Tafelberg sind Ablagerungen zu sehen, die der Salzsee im Laufe der Jahrhunderte auf seinem Rückzug hinterlassen hat. Mittlerweile sinkt der Wasserspiegel durchschnittlich um einen bis anderthalb Meter pro Jahr.

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Das Wasser fließt aus den Grundwasserspeichern ins Tote Meer – so entstehen immer mehr kleine Rinnsale und Quellen direkt am Strand – dafür trocknen die Brunnen der Umgebung aus. (Foto: S. Götze)

Christian Siebert kennt dieses Naturphänomen wie kein Zweiter und ist immer noch fasziniert. Ihn zieht es jedes Jahr für ein paar Wochen an den einsamen Ort, wo sonst nur Aussteiger, Yogalehrer und Urlauber vorbeikommen. Siebert ist allerdings nicht zum Spaß hier. Der Hydrologe forscht seit zehn Jahren zu den Wasserläufen rund um den See und ist sehr beunruhigt: "Lange Zeit hat man sich über das Austrocknen des Toten Meeres keine Gedanken gemacht. Nun stehen wir vor ökologischen Problemen, die Mensch und Umwelt bedrohen."

In einem Salzsee gibt es ohnehin kein Leben, könnte man meinen. Siebert und sein Team vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) fanden aber heraus, dass die knappen Grundwasserressourcen der Region durch den Rückgang des Wasserspiegels akut gefährdet sind. Die Wasservorkommen sind seit Jahrzehnten ein Zankapfel zwischen Israelis, Palästinensern und Jordaniern. Der Wasserkonflikt heizt die schon angespannte Stimmung noch mehr an.

Die Westbank läuft leer

Dass der sinkende Wasserspiegel die Grundwasserreserven schwinden lässt, ist zunächst unverständlich, wenn man nicht weiß, dass Grundwasser und See wie ein Fahrradschlauch hydraulisch verbunden sind. Siebert und sein UFZ-Team haben die Wasserläufe nachverfolgt und sind zu einem erschreckenden Schluss gekommen: Das lebenswichtige Nass aus den natürlichen Speichern der Umgebung fließt mittlerweile mit enormer Geschwindigkeit direkt in den Salzsee – und wird damit unbrauchbar.

Während die Brunnen unweit des Toten Meeres noch vor 20 Jahren die größte Oase Israels begrünten und Felder bewässerten, muss man sich nun mit künstlichen Pumpsystemen behelfen. Bald könnten die Wasserspeicher ganz auslaufen – das wäre für die rund zwei Millionen Menschen in der Westbank und die politisch angespannte Lage eine schlechte Nachricht.

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Ein Großteil des Ufers am Nordteil des Toten Meeres ist mittlerweile gesperrt, da dort ständig neue, bis zu 30 Meter breite Einsturzlöcher entstehen – auch eine Folge des austrocknenden Sees. (Foto: S. Götze)

Zwar zieht sich die Uferlinie des Toten Meeres schon seit Jahrhunderten mehr oder weniger schnell zurück. Doch seit den 1960er Jahren versiegte praktisch die einzige Wasserzufuhr aus dem Jordan, da Israel und Jordanien große Mengen Wasser aus dessen Zuflüssen und dem See Genezareth aufstauten und bis heute für ihre Wasserversorgung nutzen. Seitdem hat sich das Sterben des Toten Meeres immer mehr beschleunigt, die Strandbars und die wenigen Badestrände müssen alle paar Monate dem Meer hinterherbauen.

Inzwischen kamen jedoch noch bedrohliche Phänomene dazu: Am Ufer bilden sich lebensgefährliche Einsturzlöcher, und Jahrhunderte alte Brunnen in der Umgebung versiegen.

Süßwasserquellen im Salzsee

Das Hydrologenteam des UFZ erklärt sich das so: Der Regen an der westlichen Seite des Toten Meeres geht auf das Judäische Bergland nieder und gelangt dann in die Grundwasseraquifere. Dort kommen von den wenigen Niederschlägen des Jahres allerdings nur einstellige Prozentwerte an, der Großteil des Regens verdunstet sofort. Ein weiterer Teil fließt in Form von Sturzfluten ebenfalls unverzüglich oberirdisch in den Salzsee.

Ist der restliche Regen im Grundwasseraquifer angekommen, fließt das kostbare Wasser ganz im Sinne der Schwerkraft weiter nach unten – also Richtung Totes Meer, das mittlerweile mehr als 420 Meter tief unter dem Meeresspiegel liegt. Das einstige Grundwasser tritt nun in Form submariner Quellen in den salzhaltigen See ein. Da der Druck des rückläufigen Toten Meeres auf den Untergrund nachlasse, könne dieses nicht mehr als natürlicher Stöpsel wirken, erklärt Hydrologe Siebert. Weniger Druck bedeute in diesem Fall, dass das unwahrscheinliche Phänomen von Süßwasserquellen im Salzsee zunehme.

Auf dem Weg ins Tote Meer spült das stärker abfließende Grundwasser zudem die unterirdischen Salzschichten aus. Deshalb gibt an vielen Stellen der Boden nach und es entstehen Einsturzlöcher am Strand. Fast das gesamte Seeufer ist mitterweile aufgrund lebensgefährlicher "Sinkholes" gesperrt.

Klimawandel beschleunigt ökologischen Kollaps

Tatsächlich kann man von einer nahen Anhöhe aus den submarinen Austritt der Quellen sogar beobachten. Überall dort, wo es glatte, runde Flächen zwischen den zum Land treibenden kleinen Wellen gebe, trete Süßwasser aus dem Seeboden, erklärt UFZ-Forscher Ulf Mallast, der seine Doktorarbeit zur Erkundung der Quellen geschrieben hat. Auch am Strand – dort wo man ihn noch betreten kann – entstünden ständig neue kleine Quellen, deren Wasser direkt ins Tote Meer laufe.

Dieser Mechanismus wird von anderen Faktoren wie dem Klimawandel noch verstärkt: Nach Angaben von ebenfalls in der Region forschenden Meteorologen vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und israelischen Wissenschaftlern steigen dort seit Jahren die Durchschnittstemperaturen. Das hat fatale Folgen für das ohnehin angeschlagene Ökosystem. "Beobachtet wird eine steigende Verdunstung aufgrund höherer Temperaturen und des Seewindes, der vom Mittelmeer herüberweht", erläutert der Meteorologe Norbert Kalthoff vom KIT, der mit seinen Kollegen in Masada eine Messstation aufgebaut hat. "In diesem Fall verstärken sich die regionalen und klimatologischen Effekte gegenseitig", so Kalthoff.

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Blick von Masada auf das sterbende Tote Meer – die azurblaue Fläche wird immer kleiner. (Foto: S. Götze)

Das vom Menschen beschleunigte Sterben des Toten Meeres fällt so wieder auf den Menschen zurück – verstärkt durch die Erderwärmung. Da der Krieg ums knappe Nass in der Region schon seit Jahrzehnten schwelt, könnte das Sterben des Toten Meeres zur Zeitbombe für die politisch labile Westbank werden.

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