Der Baum als Kohlendioxid-Falle
Klimaschutz beginnt auch "an den Wurzeln": Bäume sind äußerst effektive Kohlendioxid- Speicher und leisten einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen die Erderwärmung. Von Wikiwoods über Bergwaldprojekt bis zu Plant vor the Planet - Klimaschützer haben den Wald als probates Mittel entdeckt, Klimagifte zu binden.

Klimaschützer pflanzen 3.000 Bäume im Spechtwald
Bislang schlagen bereits 2.740 Bäume durch die Arbeit von mehr als 200 Wikiwoods-Pflanzern Wurzeln. Gepflanzt wurde in Naturschutzgebieten wie dem Biesenthaler Becken in Brandenburg oder dem Nationalpark Unteres Odertal – und natürlich mit fachkundiger Unterstützung etwa durch die Nabu Stiftung Naturschutz. Die 2007 gegründete Berliner Initiative will ihre Arbeit zukünftig deutlich ausweiten. "Kontakte nach Italien und Nicaragua sind bereits geknüpft" sagt Wiebke Hampel von Wikiwoods. Die Internetplattform nach dem Vorbild der Online-Enzyklopedie Wikipedia will Naturschützer, Förster und Baumspender unkompliziert zusammenbringen und durch Vernetzung möglichst viele Pflanzaktionen durchführen.
Die bisher größte Pflanzung von Wikiwoods fand am vergangenen Wochenende im Spechtwald statt, einem Gebiet 20 Kilometer östlich von Greiswald. Hier gibt es vielerorts reine Nadelholz-Monokulturen aus nordamerikanischen Sitka-Fichten und oder Douglasien, die heimische und weniger zähe Baumarten zunehmends verdrängen und lange Zeit wegen ihres hohen Ertrags von Forstbetrieben favorisiert wurden.
Diese Flächen wollen die Spechtwald-Eigentümer Eckard Wenzlaff und Beate Lezius - auch mit der tatkräftigen Hilfe der Wikiwoods-Pflanzer - in naturnahe Wälder verwandeln. Wenzlaff ist Förster und Vorsitzender des Bundesfachausschusses Wald und Wild beim Nabu Schleswig-Holstein, Lezius Diplom-Biologin und beim Landesamt für Natur und Umwelt Schleswig-Holstein tätig. Ihr gemeinsamer Forstbetrieb ist seit 2000 nach dem Forest Stewardship Council (FSC) zertifiziert, viele Flächen unterliegen dem Schutz durch die Flora Fauna Habitat-Richtlinien FFH. "Andere investieren in Aktien, wir investieren in den Wald", sagt Wenzlaff, der auf Wikiwoods über vorherige Pflanzungen mit dem Nabu aufmerksam wurde. Sein Wald soll eine Insel für den Klima- und Naturschutz sein, vom Menschen "so viel wie nötig und so wenig wie möglich" beeinflusst.
Förster Eckard Wenzlaff zeigt fachkundig, wie es geht
4.000 Bäume sollen an diesem Wochenende gepflanzt werden, hauptsächlich Buchen, Linden und Ahorn-Setzlinge. Viele der 30 Mitpflanzer finden sich schon am Hauptbahnhof in Berlin zusammen, Spaten und Schlafsäcke sind das Erkennungszeichen. Klimaschützer aus Dresden sitzen bereits im Zug, andere werden später aus Greifswald oder Usedom dazustoßen. Die 35-jährige Versicherungskauffrau Birgit Schmidmeier ist sogar aus Regensburg angereist: "Ich habe lange überlegt, selbst Pflanzungen zu organisieren, wußte aber nicht wie man Ansprechpartner und Unterstützer findet und was man beim Pflanzen beachten muss". Nach dem Wikiwoods-Wochenende will sie in Bayern eigene Pflanzungen organisieren.
283 Milliarden Tonnen Kohlenstoff sind in der Biomasse der Wälder gebunden
Denn Klimaschutz beginnt auch "an den Wurzeln": Bäume sind äußerst effektive Kohlendioxid-Speicher und leisten einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen die Erderwärmung. Pro Hektar Fläche bilden deutsche Wälder etwa 300 Kubikmeter Holz – und in getrocknetem Zustand speichert ein Kubikmeter Holz 1,85 Tonnen Kohlendioxid. Nach Erhebungen der UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, sind weltweit etwa 283 Milliarden Tonnen Kohlenstoff allein in der Biomasse der Wälder gebunden.

Kohlendioxid zu vermeiden ist die eine Strategie. Das Klimagift zu binden, die andere: "Leider wird viel zu sehr über Vermeidung geredet. Das wollen wir mit Wikiwoods ändern", sagt Wiebke Hampel. Durch die Photosynthese nimmt der Baum Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf und bannt es für seine Lebensdauer in Holz, Rinde, Laub und Humus. Aufgrund seines enormen Potentials als Kohlendioxidsenke soll neben Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen auch der Waldschutz bei den Verhandlungen der Weltklimakonferenz im polnischen Poznan im Dezember eine entscheidende Rolle spielen.
Etwa 30 Prozent der Landflächen der Erde sind heute noch von Wäldern bedeckt. In Europa nehmen die Waldflächen zwar zu, im Weltdurchschnitt beträgt der Rückgang der Waldflächen jedoch mehr als sieben Millionen Hektar pro Jahr. Vor allem in den tropischen Wäldern werden durch großflächige Brandrodungen schlagartig immense Mengen von Kohlendioxid frei gesetzt. 20 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen werden allein durch Abholzung und Rodung verursacht – die zweitgrößte Kohlendioxid-Quelle der Menschheit.
Bis Ende 2009 will die "Billion Trees Campaign" sieben Milliarden Bäume pflanzen
"Wir sind die Generation, die es noch schaffen kann, den Klimawandel aufzuhalten", sagt die Kenianerin Wangari Maathai. 1977 begann sie gemeinsam mit der weiblichen Landbevölkerung Bäume zu pflanzen. Das daraus entstandene "Green Belt Movement" hat mittlerweile mehr als 30.000 Frauen in 12 afrikanischen Ländern durch eine Ausbildung in Forstwirtschaft, Imkerei oder Nahrungsmittelverarbeitung ein Einkommen gesichert – und "nebenbei" 30 Millionen Bäume gepflanzt. "Jeder kann ein Loch graben und einen Baum pflanzen, dafür braucht man nicht mal ein Diplom", sagt Maathai, die 2004 als erste Afrikanerin für dieses Engagement mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.
2006 griff die UNEP die Idee auf und startete die "Billion Trees Campain", die eine Milliarde neue Bäume zu pflanzen versprach. Ein voller Erfolg: Bis heute wurden weltweit bereits mehr als 2,5 Milliarden Bäume gepflanzt. Die Kampagne steckte ihre Ziele höher: Ende 2009 will die "Billion Trees Campaign" sieben Milliarden Bäume gepflanzt haben.
Ein Drittel aller Landflächen der Erde sind von Wald bedeckt
Zum Beispiel mit der Unterstützung des elfjährigen Felix Finkenbeiner aus Starnberg. Er gründete vor 2 Jahren die Schülerinitiative "Plant for the Planet". Bis Ende 2009 wollen 200 Schulen eine Million Bäume pflanzen, um den UNEP-Plan zu unterstützen. 135.000 Bäume sind bereits geschafft – gepflanzt entweder vor Ort durch die Schüler selbst oder durch Partnerinitiativen wie "Plant for the Planet" in Equador oder "Bäume für Menschen" in Namibia.
Damit Holz als erneuerbare Energiequelle und Baumaterial ökologisch sinnvoll eingesetzt werden kann, müssen ebenso viele Bäume nachwachsen wie zuvor abgebaut wurden. Um das zu gewährleisten gibt es bereits seit 1993 das Forest Stewardship Council, ein Zertifizierungssystem für Holzerzeugnisse aus nachhaltiger Waldwirtschaft. Etwa 113 Millionen Hektar Waldfläche sind heute mit dem strengen FSC-Siegel zertifiziert. In diese Wälder lässt sich auch investieren: Zum Beispiel mit einem Baumsparvertrag der "Forest Finance". Für monatliche 30 Euro werden in Panamas jährlich mindestens 12 Bäume gepflanzt und 25 Jahre lang gepflegt. Bis zur Ernte: Durch die Vermarktung des Holzes verspricht der Anbieter eine Rendite von etwa 9,65 Prozent.
Mitunter können Aufforstungen dem Klimaschutz aber auch einen Strich durch die Rechnung machen: Wenn ausschließlich Monokulturen gepflanzt werden, die anfälliger für Schädlinge sind als Mischwälder. Oder wenn Plantagen auf ehemaligen Äckern und Weiden weniger erwärmendes Sonnenlicht reflektieren als die offenen Flächen.
Buchen-Wildlinge werden ausgegraben und in nahe gelegene Fichten-Monokulturen umgepflanzt
Nach drei Tagen haben die Wikiwoods-Pflanzer mehr als 3.000 Bäume gepflanzt – und wieder ein Stück mehr über die schwierige Arbeit der Aufforstung gelernt. "Ursprünglich wollten wir eigene Flächen kaufen um sie zu bepflanzen. Nach Gesprächen mit Förstern und Naturschutzorganisationen wurde aber schnell klar: Das wächst uns über den Kopf", sagt Wikiwoods-Initiator Ingo Frost. Die Baumpflanzer arbeiten deshalb mit erfahrenen Partnern zusammen oder pflanzen in FSC-zertifizierten Gebieten um die Nachhaltigkeit ihres Tuns zu gewährleisten.
Im Spechtwald lernten die Klimaschützer zum Beispiel, dass nur einer von 50 Setzlingen zum großen Baum heranwachsen wird. Und dass der forstwirtschaftliche Wert einer 100-jährigen Buche bei nur 250 Euro liegt. Ernüchternde Fakten für Waldfreunde, die sich von ihrem Ziel, den "weltweit größten Wald" zu pflanzen aber nicht entmutigen lassen. "Jeder Baum leistet einen wichtigen Beitrag für die Artenvielfalt, den Naturschutz und das Klima - man kann auch im Kleinen viel bewegen", sagt Spechtwald-Eigentümerin Beate Lezius, "und es ist schön zu sehen, dass sich Menschen für den Wald interessieren und auch aktiv werden".
Auch der Würzburger Verein "Bergwaldprojekt " lässt sich von erfahrenen Förstern und Fachleuten unterstützen. Seit 15 Jahren reisen Freiwillige in Projektwochen in Naturparks wie die Alpen und nehmen Waldarbeiten oder Moor-Renauturierungen vor. Im November dieses Jahres werden sowohl das Bergwaldprojekt als auch Wikiwoods mit dem MUNA-Preis "Mensch und Natur" der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ausgezeichnet. Rückenwind für Klimaschutz, der offenbar auch noch Spaß macht. "Über Klimawandel kann man viel diskutieren", sagt Wikiwoods-Initiator Ingo Frost, "aber man wird niemals bereuen einen Baum gepflanzt zu haben".
Wikiwoods-Pflanzaktion in Buddenhagen (24. bis 27. Oktober 2008) - Ich war dabei:
Sebastian Hausmann, 21, Sternberg/Saale, studiert Naturschutz: "Das ist meine zweite Pflanzung mit Wikiwoods. Für mich sind Bäume die wichtisten Lebewesen überhaupt. Sie geben uns Schatten, Holz, Lebensraum und sind wichtig für unser Klima".
Gabriela Fuentealba V. , 26, Dresden, studiert Tropical Forest Management: Ich will nicht nur theoretisch über den Klimawandel sprechen, sondern etwas für die Zukunft tun. Es ist gut, aktiv zu werden.
Birgit Schmidmeier, 35, Regensburg, Versicherungskauffrau: "Bäume pflanzen ist klasse! Ich wollte schon länger in dieser Richtung aktiv werden. Bei den Wikiwoods-Aktionen kann man viel über den Wald lernen - mit diesem Wissen möchte ich eigene Pflanzungen auf die Beine stellen"
Johannes Dietrich, 30, Berlin, studiert Berufspädagogik: "Ich arbeite in der Beratungsstelle für Umwelt in der Uni und jeden Tag gibt es schlimme Nachrichten in Sachen Natur- und Klimaschutz. Hier draußen geht es nicht um Theorie, hier packen wir ganz praktisch an und bewegen etwas."
Johanna Falk, 26, Berlin, promoviert in Politikwissenschaften: "Ich wollte schon immer einen Baum pflanzen. Gerade arbeite ich an meiner Promotion und verbrauche Unmengen von Papier. Die Pflanzung mit Wikiwoods ist mein Weg das wieder auszugleichen".
Moritz Opgen-Rhein, 26, Dresden, studiert Verkehrsingenieurwesen und Diana Borowski, 22, Dresden, studiert Internationale Beziehungen: "Man fühlt sich oft hilflos angesichts des Klimawandels. Und klar, die USA müssen zum Beispiel mitziehen, wenn wir in Sachen Klimaschutz etwas erreichen wollen. Aber man kann auch im Kleinen etwas bewegen. Energiesparlampen nutzen zum Beispiel. Oder Bäume pflanzen, damit mehr Kohlendioxid gespeichert wird!“
Text und Fotos und Bäume gepflanzt: Sarah Messina
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