Schwerpunkte

G20 | Trump | Wahl

"Ein Hobby entwurzelter Stadtnomaden"

BildDer Bayerische Landtag will mit seiner CSU-Mehrheit im November die umstrittene 10-H-Regelung beschließen, die nach Ansicht der Opposition die Windkraft in Bayern ausbremsen würde. Genau das allerdings wünschen sich Windkraftgegner wie der Physiker und Finanzmanager Markus Pflitsch, der in seinem oberbayerischen Wohnort mehrere Windkraftprojekte verhindert hat. Teil 6 der klimaretter.info-Debatte zur Ästhetik der Energiewende.Bild

 
klimaretter.info
: Herr Pflitsch, Ihre Bürgerinitiative hat in Ihrem Heimatort Dietramszell südöstlich von München vier geplante Vorranggebiete für Windkraft verhindert. Sind Sie ein typischer Nimby?

Markus Pflitsch: Mit Sicherheit nicht. Ich wünsche niemandem einen Verlust an Natur und Lebensqualität für den Bau immer neuer Windkraftanlagen, die bei Lichte betrachtet nichts bringen. Es ist schon erstaunlich, wie lokales Engagement von der Windkraftlobby als "Nimbytum" verspottet wird.

Aber es ist schon auffällig, dass Windkraftgegner offenbar erst dann aufheulen, wenn vor ihrer Haustür ein Windpark gebaut werden soll …

Natürlich betätigt man sich zunächst einmal lokal, wo man einfach leichter Einfluss nehmen kann. Ich habe mich dann aber auch immer mehr mit der Energiewende als solcher beschäftigt. Daraus sind bayern- und bundesweite Aktivitäten entstanden.

Was stört Sie denn an Windrädern? Viele Menschen finden Sie schön. Außerdem stehen sie für eine bürgernahe und umweltfreundliche Energieerzeugung.

Ich bin ein begeisterter Fan deutscher Natur- und Kulturlandschaften, was vielleicht daher kommt, dass ich in einem kleinen Dorf auf einem landwirtschaftlichen Gut aufgewachsen bin. Dass man sich an diesen gigantischen Industrieanlagen in der Landschaft stört, reicht eigentlich schon aus, um sie abzulehnen. Mir tut es ungeheuer weh, wenn ich sehe, wie unsere Landschaften unter die Räder kommen.

Klingt sehr subjektiv.

Mag sein, dass andere Menschen anders darüber denken. Und junge Leute, die vielleicht nur am Computer sitzen und diese Schönheit gar nicht kennengelernt haben, auch keinen Verlust empfinden. Aber wir haben auch für mehr rational motivierte Menschen eine Botschaft.

Die lautet?

Aufgrund der physikalischen und technischen Tatsachen, dass der erzeugte, windabhängige Strom prinzipiell nicht in größeren Mengen speicherbar sein wird, werden wir durch den weiteren Windkraftanlagen-Ausbau nicht ein einziges konventionelles Kraftwerk dauerhaft ersetzen können. Zudem kann eines der Hauptziele der Privilegierung von Windkraftanlagen, nämlich die Reduzierung von klimaschädlichem CO2, nicht erreicht werden. Tatsächlich steigt der CO2-Ausstoß seit Jahren, obwohl wir mittlerweile 25.000 Windkraftanlagen in Deutschland haben.

Das liegt aber vor allem daran, dass es noch keinen funktionierenden Markt für CO2-Zertifikate gibt.

Die Annahme, man könnte die Renaissance der Braunkohle leicht beenden, wenn man nur den Emissionshandel "fit macht", ist falsch. Das EEG selbst hat einen Automatismus losgetreten, dass umso mehr Kohlestrom gebraucht wird, je mehr Windkraftanlagen und Photovoltaik-Kapazitäten auf den Markt drängen, zumal, wenn man die Atomkraftwerke abschalten will. Das ist kein Übergangsphänomen, sondern auf Dauer angelegt.

Landschaften haben sich schon immer verändert. Irgendwann wird man die heute neuen "Energielandschaften" als normal empfinden.

Die riesigen Stahl- und Betontürme als "normale" kulturelle Landschaftsprägung umzudeuten zeugt von einer verkümmerten ästhetischen und kulturellen Erziehung entwurzelter Stadtnomaden.

Bild
Hat sich auf die Seite der Windkraftgegner geschlagen: Horst Seehofer (CSU), bayerischer Landeschef. (Foto: Ailura/Wikimedia Commons)

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer will auf Druck von Windkraftgegnern wie Ihnen schon bald die sogenannte 10-H-Regelung in Bayern gesetzlich verankern. Für Sie ein Grund zum Jubeln?

Auch wenn die Regelung im parlamentarischen Prozess leider deutlich aufgeweicht wurde, hat die Beschäftigung mit der 10-H-Initiative vielen Beteiligten die Augen geöffnet, dass Windkraftanlagen insbesondere im windschwachen Süden betriebswirtschaftlicher und ökologischer Unsinn sind. Der gold rush hat spürbar abgenommen. Zeit zum Nachdenken.

Die Opposition im bayerischen Landtag hält die Regelung für schwachsinnig. Sie diene nur dazu, den Ausbau der Windkraft in Bayern zum Erliegen zu bringen.

Wir können nachweisen, dass alle bayerischen Windkraftanlagen in Summe Jahr für Jahr Verluste machen und das Eigenkapital der Endinvestoren vernichten. Statt der gewünschten regionalen und dezentralen Wertschöpfung gibt es eine volkswirtschaftliche Umverteilung von unten nach oben, ohne dass der Natur und dem Klima dabei ein Dienst erwiesen würde.

Halten Sie Seehofer, dem selbst Parteifreunde eine sprunghafte und kaum noch verständliche Energiepolitik vorwerfen, für einen soliden Bundesgenossen?

Sprunghaft und unzuverlässig ist allein der Windstrom. Kaum bis überhaupt nicht verständlich ist auch die Energiewende-Politik der Bundesregierung. Wir zeigen der Welt, wie man es nicht machen soll: Kein CO2 einsparen, immer höhere Strompreise generieren, die Natur zerstören. Das ist die real existierende Energiewende. Horst Seehofer hat diese Problematik offenbar verstanden.

Das klingt doch alles etwas pauschal.

Wer sich mit der Energiewende tiefer beschäftigt, stellt fest, dass sich die Politik mit zurzeit weniger als zwei Prozent des Primärenergieverbrauchs befasst und dabei verausgabt. Statt sich den großen Potenzialen zu widmen, nämlich Energieeffizienz, Nutzung von Abwärme und Einsparungen, verengt man den Blick auf den äußerst kleinen Strombeitrag der erneuerbaren Energien. Viele Politiker sehen den Wald vor lauter Windmühlen nicht mehr.

Von Solarenergie, die vor allem in windschwachen Zeiten zur Verfügung steht, halten Sie auch nichts?

Die Solarenergie kann sicherlich ausgleichend wirken. Aber selbst wenn man die Einspeisekurven aller in Deutschland installierten Windkraft- und Photovoltaikanlagen übereinanderlegt, ist die gesicherte Grundlast immer noch regelmäßig nahe Null. Was machen wir an den nicht seltenen sonnenarmen und windstillen Tagen?

Der weitere Ausbau der Windkraft in Bayern wird sogar vom mächtigen Bund Naturschutz gefordert.

Das ist eine ganz große Enttäuschung. Mit seiner Haltung in der Debatte hat sich der BUND als Anwalt von Natur und Landschaft disqualifiziert. Hier entsteht ein Vakuum, das hoffentlich bald durch eine neue, echte Naturschutzbewegung gefüllt werden wird.

Ohne Windkraft auch zu Lande ist die Energiewende nach Einschätzung vieler Experten nicht zu meistern.

Die Windkraft zu Lande und auf See trägt heute rein rechnerisch mit verschwindenden 1,3 Prozent zum Primärenergieverbrauch bei, ist also absolut vernachlässigbar. Selbst wenn wir die Anzahl der Windräder zu Lande auf 75.000 Anlagen verdreifachen würden, würde die Windkraft an der Fünfprozenthürde scheitern – das heißt keinen substanziellen Beitrag zur Energieversorgung leisten. Dann aber wäre das Land bereits vollständig überbaut.

Malen Sie da nicht ein Schreckensszenario?

Es kommt noch schlimmer: Die von mir genannten Prozentzahlen sind übers Jahr gemittelte Durchschnittswerte. An einigen Tagen des Jahres produzieren die bereits installierten Anlagen viel zu viel Strom, der teilweise ins Ausland verschenkt wird. Dieses Phänomen wird sich mit jedem weiteren Windrad nicht etwa ausgleichen, sondern noch verstärken.

Bild
Bis die Windkraft einen nennenswerten Anteil zur Primärenergie-Bereitstellung Deutschlands beiträgt, werde das Land "vollständig überbaut" sein, warnt Markus Pflitsch. (Foto: Nick Reimer)

Grundproblem ist und bleibt, dass Strom nicht großvolumig speicherbar ist. Wir bräuchten mehrere hundert Pumpspeicherwerke in Deutschland, um auch nur einige wenige Gigawatt zu speichern und grundlastfähig zur Verfügung zu stellen. Reine Traumtänzerei. Wie das Gerede über "Smart Grids" oder die "Power-to-Gas-Technologie", die im übrigen äußerst ineffizient ist. Von Anwendungen im notwendigen, großen Maßstab sind wir meilenweit entfernt.

Lehnen Sie die Energiewende ab?

Wenn wir die Energiewende als Wandel unseres Verhaltens hin zu weniger Verbrauch verstehen, dann bin ich sehr für die Energiewende. Wir müssen es schaffen, eine Abkehr vom Dogma des Wachstums zu erreichen. Das, was derzeit von der Politik unter dem Titel "Energiewende" aufgeführt wird, ist leider ein Selbstbetrug nach dem Motto: "Wir können unseren verschwenderischen Lebenswandel fortsetzen, ja sogar intensivieren und brauchen dabei – den erneuerbaren Energien sei Dank – noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen zu haben."

Wollen Sie zurück zur Atomkraft?

Auch ich als ausgebildeter Physiker stehe zum politischen Willen, so früh wie möglich aus der Atomkraft auszusteigen. Jedoch müssen wir dabei mindestens den europäischen Blick einnehmen. Es macht keinen Sinn, überhastet aus der Atomkraft auszusteigen und dabei den Ausbau der europäischen Kernkraft an unseren Grenzen noch zu beflügeln. Wir müssen uns entscheiden: Den CO2-Austoß zu reduzieren und gleichzeitig aus der Atomkraft auszusteigen ist leider technisch noch nicht möglich.

 
Bundesweit gibt es schätzungsweise 900 Bürgerinitiativen gegen Windkraftprojekte, davon sind etwa 460 beim Dachverband "Vernunftkraft" engagiert. Der 43-jährige Markus Pflitsch ist Vorsitzender der Initiative Windradfreies Dietramszell e.V., aktiv bei "Gegenwind Bayern" sowie Ko-Sprecher von "Vernunftkraft". Der studierte Physiker ist als Finanz-Geschäftsführer in einem führenden Unternehmen der Werbebranche tätig

Interview: Georg Etscheit

Die klimaretter.info-Debatte zur Ästhetik der Energiewende

Bisher erschienen:

Teil 1: Georg Etscheit: Verlorene Landschaften – Anstoß zur Debatte
Teil 2: Dietmar von Blittersdorff: Den Strom dort produzieren, wo er genutzt wird
Teil 3: Enoch zu Guttenberg: Die Hybris der Energiewende-Technokraten
Teil 4: Dieter Janecek: Mehr Pragmatismus!
Teil 5: Werner Nohl: Der Verlust der Stille
Teil 6: Markus Pflitsch: "Hobby entwurzelter Stadtnomaden"

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen