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Grüne Bakterien-Paste statt Soja

In Thailands Hauptstadt Bangkok züchtet ein Start-up-Unternehmen Spirulina auf Dächern. Derzeit ist die Produktion der Bakterien, die im Volksmund als Blaualgen bezeichnet werden, noch gering. Dank des hohen Eiweißgehalts der Spirälchen wären sie aber ein umweltfreundlicher Ersatz für Soja.

Aus Bangkok Christian Mihatsch 

Spirulina ist eine ungewöhnliche Kreatur. Sie erzeugt Energie wie eine Pflanze, indem sie mithilfe des Sonnenlichts den Kohlenstoff aus Kohlendioxid herausbricht und für ihr Wachstum nutzt. Gleichzeitig vermehrt sie sich wie ein Bakterium durch Zellteilung. Biologisch gehört das gemeinhin als Spirulina bekannte Lebewesen denn auch zum Stamm der Cyanobakterien, den einzigen Bakterien, die sich mittels Photosynthese ernähren.

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Spirulina unter dem Mikroskop: Die Bakterien werden im Volksmund häufig als Blaualgen bezeichnet. (Foto: Kristian Peters/Wikimedia Commons)

Über Jahrhunderte hielt man Spirulina und ihre nahen Verwandten daher für (Blau-)Algen – lange genug, dass der Name "Spirulina" die Reklassifikation zum Bakterium überlebt hat. Mittlerweile weiß man, dass Cyanobakterien das Leben auf der Erde mit Pflanzen und Tieren erst ermöglicht haben. Sie waren es, die genug Sauerstoff produziert haben, um tierisches Leben zu ermöglichen. Denn auch Pflanzen sind auf Cyanobakterien angewiesen: Die Chloroplasten, mit denen pflanzliche Zellen Photosynthese betreiben, sind nichts anderes als Cyanobakterien, die sich in der Pflanze eingenistet haben. Die ältesten bekannten Versteinerungen stammen von Cyanobakterien. Diese bevölkerten die Erde schon vor 3,5 Milliarden Jahren, während die ältesten Pflanzenfossilien "nur" rund zwei Milliarden Jahre alt sind.

Cyanobakterien sind somit der Ausgangspunkt aller Nahrungsketten auf der Erde. Doch einige Blaualgen kann man auch roh und nicht nur als Schnitzel essen. Dazu gehört Spirulina. Diese spiralförmigen Bakterien bestehen zu 57 Prozent aus Eiweiß, zu 24 Prozent aus Kohlenhydraten und zu acht Prozent aus Fett. Außerdem enthalten sie eine ganze Buchstabensuppe an Spurenelementen von Vitamin A bis Zink. In Europa ist Spirulina daher vor allem als Nahrungsergänzungsmittel in Pulver- oder Tablettenform bekannt.

Doch die Bakterien eignen sich auch als Nahrungsmittel: So beschrieb einer der Begleiter von Hernan Cortés, dem Eroberer Mexikos, vor 500 Jahren ein Spirulinagericht: Die Azteken ernteten damals Spirulina im Texcoco-See und buken daraus einen Kuchen namens Tecuitlatl. Ebenfalls die Kuchenform wählen die Anwohner des Tschadsees am südlichen Rand der Sahara. Dort nennt sich das Gebäck Dihé. In Anbetracht der kräftigen Farbe aller Spirulinaprodukte dürften beide Namen wohl letztlich Grünkuchen heißen. In den Genuss von Grünkuchen dürften wohl Astronauten kommen, die sich auf längere Reisen begeben: Sowohl die Nasa als auch die Esa haben in den 1990er Jahren das Potenzial von Spirulina für interplanetarische Reisen untersucht.

Alle paar Tage ein wenig mit Mineralien füttern

Aber auch ohne Raumfahrt hat Spirulina Potenzial, denn die genügsamen Bakterien brauchen nur Wasser, Sonne und ein paar Mineralien, um zu gedeihen. Damit eignet sich jedes Dach als Spirulinafarm wie die Firma Energaia nun in Thailands Millionenmetropole Bangkok unter Beweis gestellt hat. Energaia nutzt dazu lichtdurchlässige Plastiktonnen, die durch Schläuche verbunden sind. So wird der Spirulinaschlamm von Tonne zu Tonne gepumpt und umgewälzt. Um zu verhindern, dass die Algenplantage durch Bangkoks berüchtigte Luft verunreinigt wird, pumpt eine zweite Pumpe zudem gefilterte Luft in die Fässer. Alle paar Tage müssen die Kleinlebewesen mit einigen Mineralien wie Natron gefüttert werden. Vermehrungsfreudig, wie sie sind, verdoppeln die Spiralbakterien dafür dann alle zwei bis vier Tage ihre Masse.

Hat der Spirulinaschlamm eine bestimmte Dichte erreicht, erfolgt die Ernte: Erst werden die Spirälchen mit einem Sieb aus dem Wasser gefischt. Anschließend wird der Schlamm in einer umgebauten Waschmaschine geschleudert, um den Wassergehalt weiter zu reduzieren. Das Resultat ist eine grüne Paste, die in Gläser abgefüllt und in Geschäften für Bionahrungsmittel verkauft wird. Alternativ zur Paste verkauft Energaia Spirulina auch als Pasta oder getrocknet als Pulver.

Derzeit produziert Energaia weniger als 500 Kilogramm Spirulinapaste pro Monat und verkauft sie an Großstädter mit einem Faible für Nahrungsergänzungsmittel und einem überdurchschnittlichen Einkommen: 100 Gramm Paste für 3,60 Euro. Doch in der richtigen Größenordnung könnte der Spirulinaanbau durchaus auch umweltrelevant sein: Pro Jahr lassen sich auf einem Quadratmeter Dach 1,5 bis 1,7 Kilogramm Spirulinapulver ernten. Das ist rund fünfmal mehr als der Ertrag eines Sojafelds – hier liegt die Ausbeute bei 230 bis 370 Gramm pro Quadratmeter.

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Wasser, Sonne und etwas Natron: Auf einigen Dächern in Bangkok wird Spirulina von Tonne zu Tonne gepumpt. (Foto: Energaia)

Hinzu kommt der Wasserverbrauch. Für ein Kilo Soja braucht man 2.145 Liter Wasser. Für ein Kilo Spirulina vom Dach reichen 175 Liter, wenn das Wasser wie bei Energaia zurückgewonnen wird. Zudem enthält Spirulina mehr Eiweiß als Soja: 57 gegenüber 40 Prozent. Die Spiralbakterien wären daher eine umweltfreundliche Alternative in der Tiermast – und zumindest Kühe dürften sich auch nicht daran stören, dass all ihr Futter grün aussieht. Das tut es im besten Fall ja eh.

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