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Waldschutz nur mit den Menschen

Deutsche Entwicklungsprojekte sollen Regenwälder und Lebensbedingungen von Indigenen schützen. Klingt gut, aber eine Studie zeigt: Die Umsetzung ist nicht leicht. Die lokale Bevölkerung muss richtig informiert werden, die Finanzierung sichergestellt sein. Zudem gibt es Konflikte um die Nutzung von Land, auf dem man am liebsten gleichzeitig Öl fördern, Wald schützen und die Bewohner leben lassen würde.

Von Maria Havemann

Waldschutz ist für die indigenen Völker in den tropischen Regenwäldern eine Frage des Überlebens und des Fortbestands ihrer kulturellen Identität. Für 50 Millionen Menschen weltweit, die eng verbunden mit den Regenwäldern leben, ist er die Quelle ihrer Spiritualität, Religion und Kultur sowie Spender ihrer Nahrungsmittel, Medizin und Rohstoffe. 

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Tropischer Regenwald im Gebiet der Shuar in Ecuador. (Foto: Bärbel Henneberger) 

Die nachhaltige Nutzung und der Schutz der Wälder befördern den Klimaschutz und die Armutsbekämpfung. Abholzungen dagegen schaden dem Klimaschutz und dem Artenreichtum – und der lokale Lebens- und Wirtschaftsraum vieler indigener Bewohner geht verloren. Das hat auch die ecuadorianische Regierung erkannt und 2008 das Waldschutzprogramm SocioBosque aufgelegt. Mit dem Programm will sie in den nächsten sieben Jahren vier Millionen Hektar Regenwald unter Schutz stellen.

Das östliche Amazonastiefland von Ecuador ist von verschiedenen Tieflandregenwäldern bedeckt. Intensive Landwirtschaft durch Rinderhaltung und Ölpalmplantagen sowie die Förderung von Metallen und Erdöl haben die Regenwaldfläche seit 1990 von fast 13 Millionen Hektar auf nur noch gut elf Millionen Hektar schrumpfen lassen. Der Verlust entspricht der Fläche von 250.000 Fußballfeldern. Mit SocioBosque will die Regierung nun die Entwaldung zurückdrängen und gleichzeitig die Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung verbessern. Deren Zugang zu den Naturressourcen ihrer Territorien ist in der Verfassung besonders geschützt.

Den genauen Anteil der indigenen Bevölkerung Ecuadors anzugeben ist schwierig. Die Zahlenangaben variieren zwischen 25 Prozent und 45 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung. 28 verschiedene ethnische Gruppen leben im Hochland, an der Küste und in Amazonien.

Finanzielle Anreize für Regenwaldschutz

Für jeden geschützten Hektar Wald bekommen die Landeigentümer im "Programa Sociobosque" eine finanzielle Förderung. Die Verträge mit dem Umweltministerium laufen für 20 Jahre. Wofür die Förderung investiert wird, wird vertraglich vereinbart. Das Geld fließt vor allem in den Naturschutz, die Stärkung von indigenen Organisationen, den Wohnungsbau, in Bildung sowie in die Infrastruktur.

2011 gab es 91 solcher Verträge mit indigenen Gemeinden. Das sind zwar nur knapp sechs Prozent aller Verträge. Die aber decken 87 Prozent der unter Schutz gestellten Flächen ab. Allerdings erhalten indigene Gemeinden nur 63 Prozent der Fonds. Die größten Regenwaldschutzgebiete sind in den indigenen Territorien der Kichwa, Cofán, Sápara und Shuar ausgewiesen. Mit dem Programm sollen hier die Kahlschläge reduziert und die Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung verbessert werden.

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Abfackeln des Gases aus geförderten Erdöl im ecuadorianischen Regenwald in der Provinz Secumbíos. (Foto: Bärbel Henneberger) 

Das allerdings funktioniert in Ecuador nur mit mäßigem Erfolg, wie das Institut für Ökologie und Aktions-Ethnologie (INFOE) bemängelt, das weltweit verschiedene Waldschutzvorhaben im Hinblick auf die Wahrung der Rechte der indigenen Völker analysiert hat. Die in Köln ansässige gemeinnützige Forschungseinrichtung besteht seit 1987 und hat sich zur Aufgabe gemacht, indigene Völker bei der Verteidigung ihres Lebensraums, ihrer Rechte und ihrer Kultur zu unterstützen.

Durch Waldschutz zerstritten und verschuldet

Zum Beispiel kritisiert das INFOE die Zusammenarbeit mit dem indigenen Volk der Sápara: Die Sápara sind seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts durch Krankheiten, Versklavung und interethnische Konflikte stark dezimiert worden. Heute leben noch rund 920 Sápara in der Provinz Pastaza, in den Einzugsgebieten der Flüsse Conambo und Pindoyaku, rund 150 Kilometer südlich der ecuadorianischen Hauptstadt Quito. Es gibt 23 Gemeinden sowie die NASE, die Nación Sápara del Ecuador, eine politische Organisation des Volkes, die sich hauptsächlich für den Erhalt der Territorien einsetzt.

Viele Indigene der Sápara sprechen kaum Spanisch. Der SocioBosque-Vertrag zwischen den Sápara und dem ecuadorianischen Umweltministerium existiert aber nur in Spanisch. Deshalb hatten viele Sápara beim Beginn des Programms keinen Zugang zu wichtigen Informationen, beispielweise, wo genau die Grenzen des Waldschutzgebietes liegen, für dessen Schutz die Indigenen das Geld erhalten. Die Folge waren Landnutzungskonflikte: Die wachsende Bevölkerung beanspruchte landwirtschaftliche Fläche dort, wo laut Vertrag ein Waldschutzgebiet lag.

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Viele der indigenen Gemeinden leben direkt von ihrer Landwirtschaft und von ihrem Wald. (Foto: Bärbel Henneberger) 

Zusätzlich kam es um die Aufteilung der Gelder aus dem SocioBosque-Programm und in der Frage der Rohstoffförderung zu schweren Konflikten zwischen den 23 Gemeinden. Im Jahr 2008 war sich die indigene Bevölkerung einig gewesen, keine Erdölförderung zuzulassen. Doch als Erdölfirmen Interesse signalisierten und in ihr Gebiet eindrangen, kam es zu einer erneuten Diskussion, in deren Folge sich die Gemeinden zerstritten.

Das Ergebnis: Die NASE, die lokale politische Organisation des Volkes der Sápara, spaltete sich, der Vertrag wurde von den Sápara schriftlich wiederrufen. Da die Verträge im Falle eines vorzeitigen Ausstiegs die Rückzahlung eines Teils der Gelder vorsieht, müssen die Empfänger der SocioBosque-Fonds nun sogar noch Geld an das Umweltministerium überweisen: In den ersten Jahren sind das bis zu 100 Prozent. Dieses Geld fehlt den Sápara-Gemeinden nun.

Landnutzungskonflikte durch verfehlte Informationspolitik 

Ein ähnliche Situation wie die Sápara erlebten auch die Kichwa. Die Kichwa-Gemeinde in Guamanígehören zu der zahlenmäßig stärksten Gruppe der Indigenen Ecuadors. Auch ihnen fehlten die konkreten Informationen über die genaue Grenze des Schutzgebietes und so fällten sie unwissentlich Primärwald für den Anbau von Palmöl. Und auch hier verschärften interne Konflikte die Landnutzungsprobleme zusätzlich: Indigene Vertreter fällten bei einigen Projekten Entscheidungen über die Köpfe der Bewohner hinweg.Um solche Konflikte künftig zu vermeiden, fordert die INFOE-Studie deshalb zu berücksichtigen, dass die indigenen Territorien zum Teil sehr groß sind und es oft an Transportmöglichkeiten und Kommunikation mangelt. Die Regierung müsse darauf achten, auch wirklich alle Teile der Bevölkerung zu informieren.

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Im Regenwald von Ecuador nutzen Kinder eine Ölpipeline als Spielplatz. (Foto: B. Henneberger) 

Zu guter Letzt ist unklar, ob das Programm den Regenwald wirklich effektiv schützt und etwa die Förderung von Erdöl verhindert. Die INFOE-Studie sagt, dass es das nicht tut: Ein zentrales Problem des Programms bestehe darin, dass die Verträge widerrufen werden können. So hat etwa das ecuadorianische Umweltministerium einer verschuldeten Kichwa-Gemeinde angeboten, zur Tilgung ihrer Schulden die Förderung von Erdöl auf ihrem Territorium zu erlauben.

Auch in der Finanzierung des SocioBosque-Programms sieht INFOE Probleme, die noch behoben werden müsen. Die Dauer der staatlichen finanzielle Unterstützung sei unklar, so die Kritik. Aktuell erwägt das Umweltministerium das SocioBosque-Programm durch REDD+ zu finanzieren, einen im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen etabliertenMechanismus, über den Industriestaaten dafür zahlen, dass die Entwicklungsländer ihre Wälder besser schützen. In Ecuador befindet sich die Partizipation an REDD+-Projekten in der Anfangsphase. Deutschland fördert im Rahmen seiner Entwicklungszusammenarbeit einige der Projekte sowohl von staatlicher als auch nichtstaatlicher Seite. Früher hat Ecuador das Programm Sociobosque ausschließlich mit öffentlichen Mitteln aus dem Staatshaushalt finanziert, im Jahr 2013 hat die deutsche Kreditbank für Wiederaufbau (KfW) ein Fünftel der Kosten übernommen. Insgesamt fließen über die KfW und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) 14 Millionen Euro an in den Waldschutz in Ecuador, der Großteil hiervon in das SocioBosque-Programm.

Vorhandene Strukturen fördern statt REDD+

Umso wichtiger, dass das Programm funktioniert. "Mit der Studie wollen wir die deutschen Entwicklungsakteure sensibilisieren'', erklärt Sabine Schielmann von INFOE, die die INFOE-Studie koordiniert und mitverfasst hat. ''Die Zusammenarbeit mit indigenen Gemeinden muss verbessert und transparenter sowie ihre Landrechte ernst genommen werden.'' Es gäbe auch viele positive Beispiele für indigene Waldschutzprojekte. Bei Projekten, die im Rahmen der Studie in Vietnam untersucht wurden, waren die Durchführungsorganisationen mit den einzelnen Regionen in regelmäßigem Austausch und verhinderten so Landnutzungskonflikte.

Das INFOE-Institut plädiert dafür, beim Waldschutz stärker auf das traditionelle Wissen der Indigenen zurückzugreifen. Indigene Gemeinden würden nachhaltigen Waldschutz bereits seit Jahrhunderten praktizieren, erläutert Schielmann. Statt also beispielsweise über den Waldschutzmechanismus REDD+ ganz neue Projekte aufzuziehen, sollte man vorhandene Schutzstrukturen besser fördern und zwar so, dass die Finanzierung direkt bei den Menschen vor Ort ankommt. Bereits existierenden Waldschutz zu fördern, respektiere und stärke nicht nur die kulturelle Identität und die Landrechte der Indigenen, sondern sorge dabei gleichzeitig über den Schutz der der Wälder für mehr Klimaschutz.

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Kinder der indigenen Shuar. SocioBosque-Programme können helfen ihren Regenwald zu schützen, aber auch zu Landnutzungskonflikten zwischen Gemeinden führen. (Foto: Corinna Bruder)

Die GIZ ist ein wichtiger Akteur für internationale Schutzprojekte in Regenwäldern. ''Die Orientierung an den Menschenrechten leitet das Handeln der GIZ nach innen und außen'', sagt GIZ-Mitarbeiterin Bettina Printz. ''Wir beziehen die lokale Bevölkerung grundsätzlich mit ein, wenn deren Rechte bei unseren Projekten berührt sind. So geben wir ihr die Möglichkeit, sich bereits in der Planungsphase aktiv in Projekte einzubringen. Bei Umwelt- und Ressourcenschutzprojekten geht es dabei zum Beispiel darum, traditionelles Wissen einzubeziehen oder traditionelle Landrechte anzuerkennen.'' 

[Erklärung]  
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