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Boykottiert Putins Leistungsschau!

BildMan kann nicht verlangen, dass allein die Sportler auf die Missstände von Olympia hinweisen, es braucht politischen Boykott. Russland zerstört die Natur, missachtet die Menschenrechte und schikaniert Umweltschützer. Bei Olympia geht es schon lange nicht mehr um den Sport, sondern nur um den wirtschaftlichen Gewinn für das IOC und seine Sponsoren. Teil 5 unserer Serie zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi.

Ein Standpunkt von Katharina Schulze

Vollbild-VorschauAm Freitag ging der Trubel in Sotschi mit der Eröffnungsfeier von Putins Spielen los. Die Vergabe der Olympischen Winterspiele nach Russland war schon unter Menschenrechtsaspekten sehr problematisch: Die Diskriminierung Homosexueller, die Einschränkung von Meinungsvielfalt und politischem Widerspruch, Einschüchterung der Zivilgesellschaft, Korruption, Misshandlungen und Folter in russischen Gefängnissen sind gang und gäbe. Aber auch unter Umweltaspekten sind diese Olympischen Winterspiele mehr als heikel. 

Der Kurort Sotschi war bis vor ein paar Jahren relativ unberührt. Es gab schneebedeckte Berge, natürliche Strände an der Küste und viele Wälder. Dann kamen die Baufirmen, denn sämtliche Wettkampfstätten mussten neu errichtet werden, ebenso wie die komplette Infrastruktur zu den Wettkampfstätten – Autobahn, Bahnstrecke, verschiedene Hotels sowie die Pressezentren und die Unterkünfte für die AthletInnen. Auch eigene Kraftwerke wurden aus dem Boden gestampft. Auf die Natur wurde wenig Rücksicht genommen, immerhin musste alles in kurzer Zeit geplant und fertiggestellt werden.

Der Fluss Wychta hat seine Quelle in den Bergen und passiert nun eine große illegale Müllhalde. Die Giftstoffe von dort fließen ungehindert ins Meer. Auch eine wichtige Trinkwasserquelle der Stadt, der Fluss Msymta, ist mittlerweile verschmutzt. Eine Bahnlinie und eine Schnellstraße wurden durch sein Bett gebaut. Längst hat ein Fischsterben begonnen. Umweltschützer aus der Region beklagen, das im Fluss alles tot ist. Der ökologische Schaden im Nationalpark Sotschi ist immens: Unberührte Ökosysteme wurden durch die olympischen Bauten zerstört und sind für immer verloren. 

Gefällte Baume, begradigte Flüsse, abgetragene Hänge

242.561 Bäume sind dem Bau der Bahn- und Straßentrassen zwischen der Bergstation Krasnaja Poljana und dem Olympiakomplex am Schwarzen Meer zum Opfer gefallen. IOC-Präsident Thomas Bach betonte in einem Interview, dass für jeden gefällten Baum in und um Sotschi "mehr als drei neue gepflanzt" würden. Aber die Umweltschützer von der Organisation "Ökologische Wacht im Nordkaukasus" widersprechen vehement und argumentieren mit den offiziellen Zahlen der Firmen, die dort die Bauarbeiten durchführen. Es werden weniger Bäume neu gepflanzt als gefällt. Nur 70.000 seien bei der Wiederaufforstung neu gepflanzt worden. 

Nicht nur an der Küste, auch im Gebirge gab es massive Eingriffe in die Natur. Ein ganzer Ort wurde in die Berge gestampft: An einer Bergstation mit einem Skilift wurde innerhalb von zwei Jahren der Ort Rosa Chutor gebaut – damit es dort moderne Anlagen für alpine Skiwettbewerbe gibt. Rund 50 Millionen Euro, unzählige Bäume, begradigte Flüsse und abgetragene Hänge hat das eigene Skiresort gekostet.

Klimaschädliche Großereignisse sind nicht mehr zeitgemäß

Natürlich macht der Klimawandel nicht vor den Olympischen Spielen Halt. Um die globale Erwärmung zu stoppen, müsste eigentlich der ungebremste Ausstoß von Treibhausgasen reduziert werden. Allein der Gedanke, Winterspiele am Schwarzen Meer auszurichten, erscheint da befremdlich. Diese Woche wird es in Sotschi zwischen fünf und sieben Grad Celsius haben, viel zu warm für Olympische Winterspiele! Schon vor vier Jahren in Vancouver und Whistler gab es riesige Probleme mit Schnee und Kunstschnee, sodass Schnee mit Hubschraubern und Lkws antransportiert werden musste und dennoch nicht ausreichte. Man kann sich vorstellen, was das für die Klimabilanz bedeutet. Grundsätzlich stellt sich unter diesen Bedingungen die Frage, ob derart klimaschädliche Großereignisse in Zeiten des Klimawandels noch zeitgemäß sind.

Für die Menschen vor Ort erfüllen sich die großen Hoffnungen auf die Olympischen Spiele nicht. Es gibt weder mehr Arbeit für die BürgerInnen in Sotschi – denn die Bauarbeiten erledigten vor allem GastarbeiterInnen – noch ist überhaupt klar, wie die vielen neuen Sportstätten an der Küste nach den Spielen genutzt werden sollen. Ganz zu schweigen davon, dass Sotschi nach den Olympischen Winterspielen kein Kurort mehr ist: Verschmutze Strände, dreckiges Meer, kontaminiertes Trinkwasser und verpestete Luft laden nicht mehr zur Erholung und Regeneration ein.

Künftig wird es noch leichter sein, Schutzgebiete zu zerstören

Besonders perfide: Bei Großprojekten leidet immer die Natur, wenn es jedoch ein korruptes politisches System gibt, leidet die Natur doppelt. Für Olympia wurden Gesetze "angepasst": Nun kann man noch leichter Schutzgebiete zubauen oder privatisieren. Auch der Druck auf UmweltschützerInnen wurde durch die Politik massiv erhöht: Hausdurchsuchungen, Schikanen und Einschüchterungsversuche sind an der Tagesordnung.

Kurz vor der Eröffnung hat es den Geologen Jewgeni Witischko erwischt: Seine Bewährungsstrafe – weil er gegen die illegale Errichtung eines Zauns und einer Gouverneursvilla in einem Naturschutzgebiet protestiert hatte – wurde in eine Haftstrafe umgewandelt. Die Entscheidung der nächsten Instanz steht noch aus. Zudem wurde er jetzt in einer anderen Angelegenheit in Gewahrsam genommen: Erst wollten ihm die Behörden einen Diebstahl anhängen, jetzt bekam Wititschko 15 Tage Haft, weil er an einer Bushaltestelle Schimpfwörter benutzt haben soll. Sein Anwalt weist darauf hin, dass Witischko nie an dieser Bushaltestelle stand. Von oberster Stelle wird mit harter Hand durchgegriffen, damit bloß niemand Putins durchgestylte Leistungsschau stört. 

Die Olympischen Spiele müssen demokratisch werden

Viele westliche PolitikerInnen boykottieren die Olympischen Winterspiele. Gut so! Das ist ein symbolisches Nein zur Selbstherrlichkeit von Präsident Wladimir Putin, ein Nein zur Einschränkung der BürgerInnenrechte und zu Menschenrechtsverletzungen. Wir können nicht verlangen, dass allein die SportlerInnen darauf hinweisen. Gefragt ist bei dieser politischen Auseinandersetzung die Politik. 

Die gewonnen Bürgerentscheide der NOlympia-Gruppen in der Schweiz und Bayern haben ein deutliches Signal ausgesendet: Die Menschen vertrauen dem IOC nicht mehr. Sie möchten keine Knebelverträge abschließen, bei dem die Kommunen auf den Schulden sitzen bleiben und das IOC die Gewinne einstreicht. Sie sprechen sich gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen und der "Eventisierung" ihrer Heimat aus.

Möchte das IOC weiter bestehen, muss es sich neu aufstellen: Die Vergabepraxis der Spiele muss sich demokratischen Gepflogenheiten anpassen und von Grund auf reformiert werden. Die vielen Ausnahmeregelungen, die Austragungsländer unterzeichnen, gehören abgeschafft. Der Sport steht bei Olympischen Spielen schon lange nicht mehr im Mittelpunkt. Kommerz und die wirtschaftlichen Gewinne für das IOC und seine Sponsoren führen dazu, dass keinerlei Rücksicht auf die Natur genommen wird. Das muss sich ändern!

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Hehres Ideal: Skulptur am IOC-Hauptquartier in Lausanne. (Foto: FreeMO/Wikimedia Commons)

Katharina Schulze ist stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion in Bayern. Sie ist Sprecherin für Innenpolitik, Sport und Strategien gegen Rechtsextremismus sowie Vorsitzende der Münchner Grünen. Schulze ist außerdem Sprecherin von NOlympia München und setzt sich dort gegen München als Austragungsort für Winterspiele ein.

 
Bisher ersch
ienen in unserer Sotschi-Serie:

Vollbild-Vorschau

Teil 1: "Wir wurden nicht gefragt"
Teil 2: Schlechtes Klima für die Spiele
Teil 3: Russland unterdrückt den Umweltschutz
Teil 4: Umweltschützer in Russland verhaftet
Teil 5: Die Kompensation ist ein Bluff
Teil 6: Boykottiert Putins Leistungsschau
Teil 7: Die Grenzen des olympischen Wachstums
Teil 8: Auf nach Mekka!
Teil 9: Kunstschnee für die Massen
Teil 10: Willkommen in der ''besseren Welt''

[Erklärung]  
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