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"Die Kompensation ist ein Bluff"

Vollbild-VorschauZum ersten Mal Olympische Winterspiele in den Subtropen: Ökologisch betrachtet sind sie eine Katastrophe, sagt der russische Umweltaktivist Dmitri Schewtschenko. Seine Umweltorganisation Ökologische Wacht im Nordkaukasus (EWNC) engagiert sich unter dem Druck ständiger Repressionen für die bedrohte Natur in der Region. Schewtschenko erklärt, wie die Spiele die letzten Urwälder gefährden und warum klimaneutrale Winterspiele ein "Bluff" sind. Teil 4 unserer Serie zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi.

klimaretter.info: BildHerr Schewtschenko, haben Sie ein Ticket für die Olympischen Winterspiele in Sotschi?

Dmitri Schewtschenko: Nein, ich werde auf keiner Tribüne in Sotschi sitzen. Die Eishallen stehen heute dort, wo früher einzigartige subtropische Ökosysteme zu finden waren. Ein Sportevent, dass sich in ein rein gewinnorientiertes Showgeschäft gewandelt hat, ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerung und die Natur zu nehmen – das kann ich nicht unterstützen.

Sprechen Sie sich also gegen die Austragung der Olympischen Spiele in Sotschi aus?

Ja. Wir gehören dem Widerstand der ersten Stunde an. Unsere Arbeit konzentriert sich auch auf den Schutz der einzigartigen subtropischen Sümpfe und kann letztendlich nur wenig bewirken. Deshalb haben wir uns gefreut, als die Menschen in Bayern erfolgreich Widerstand gegen die Bewerbung für die Olympischen Spiele geleistet haben. 

Aber sollten die CO2-Emissionen von Sotschi nicht kompensiert werden? Von den "grünsten Spielen aller Zeiten" war die Rede.

All das Gerede über die Kompensation oder Neutralisation von Treibhausgasemissionen für den Bau der Infrastruktur und die Spiele selbst ist ein Bluff. CO2-neutrale Winterspiele wird es in Sotschi nicht geben. Nach unseren Berechnungen wurden seit 2007 ungefähr 1.000 Hektar Urwald gerodet. Und das ist eine konservative Rechnung, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Kulturwald und Stadtbäume wurden ebenfalls gefällt, deren totes Holz kann nun kein CO2 mehr speichern. Zudem wurde extra für die Olympischen Spiele ein neues Gaskraftwerk gebaut, statt beispielsweise auf Sportanlagen erneuerbare Energien zu installieren. Sonne, Wind und Wasser werden in Sotschi praktisch nicht für die Energiegewinnung genutzt.

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2012 deckte EWNC illegale Rodungen für den Bau einer Straße zu einer Residenz von Präsident Wladimir Putin auf. Die Region liegt nahe einem Schutzgebiet und beheimatet eine Buchsbaum-Art, die auf der Roten Liste steht. (Foto: EWNC)

Wie reagiert die Bevölkerung auf die vielen Umweltprobleme durch die Spiele?

Es gibt viele ernstzunehmende Proteste gegen die Auswirkungen der Umweltzerstörung. Aber leider funktioniert die Zusammenarbeit der diversen Gruppen nicht. Es passiert, dass eine Initiative gegen die Bebauung der Meeresküste kämpft und gleichzeitig nur 20 oder 30 Kilometer entfernt Menschen gegen eine Mülldeponie demonstrieren, aber beide Gruppen nichts voneinander wissen.

Was soll es später mit der neu errichteten Infrastruktur in Sotschi geschehen?

Nichts Gutes wird von diesen Investitionen in die neue, sinnlose Infrastruktur kommen. Zwar haben die Behörden versprochen, einige Gebäude nach den Spielen wieder abzureißen, aber die Kommerzialisierung der Region wird weiter vorangetrieben. Die Skigebiete sind jetzt alle in den Händen von Privatinvestoren und dem staatlichen Unternehmen Gazprom. Die neue Ski-Infrastruktur wird weiter genutzt werden, aber aufgrund der hohen Preise wird sie nicht rentabel sein. Es ist tatsächlich billiger, aus unserer Region nach Österreich in den Skiurlaub zu fahren als nach Sotschi.

Was fordern Sie von der russischen Regierung?

Wir wollen, dass die Regierung endlich Wort hält. Beispielsweise sollte ein Vogelschutzgebiet in der Niederung von Imereti geschaffen werden, auch das Flusstal der Msymta sollte wiederhergestellt werden. Das Tal wurde stark durch die Olympiastraße geschädigt, die die Küste mit den Bergen verbindet. Auch sollten als Ausgleichsmaßnahme neue Bäume gepflanzt werden. In Wirklichkeit ist all das nicht oder ungenügend geschehen.

Abgesehen von Olympia: Wo ist Ihre Organisation sonst noch aktiv?

Schon vor der Zusage für die Austragung der Olympischen Spiele haben wir uns in der Region und besonders im Nationalpark von Sotschi gegen den Bau und die Ausweitung von Skigebieten sowie gegen die Austragung großer Sport-Events eingesetzt. Die führen unvermeidlich zur Abholzung der Wälder und zerstören die Schönheit der Berglandschaft. Der Konzern Gazprom wollte beispielsweise ein neues Skigebiet erschließen, das direkt an der Grenze des Nationalparks und innerhalb des Weltnaturerbe-Gebietes Westlicher Kaukasus lag. Diese Bedrohung konnte abgewendet werden, nachdem die UNESCO das Gebiet auf die Liste der gefährdeten Weltnaturerbestätten gesetzt hatte.

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In Sotschi wurde ein Teil der Sportstätten für die Winterspiele in einem Nationalpark gebaut. (Foto: 
sochi2014.com)

Werden Sie und Ihre Mitstreiter von staatlichen Stellen behindert oder bedroht? Hat sich das vor den Olympischen Spielen verändert?

Wir Umweltschützer sind dauernd mit Repressionen durch den Staat konfrontiert. Die Austragung der Olympischen Spiele hat die Situation nicht verändert. Im vergangenen Jahr wurde den Mitgliedern unserer Organisation sogar unterstellt, Spione zu sein, die für das Ausland oder für die Interessen der USA arbeiten. In diesem Jahr wurden wir bereits vom Justizministerium durchleuchtet. Wir mussten den Behörden unsere komplette Korrespondenz der vergangenen drei Jahre zur Verfügung stellen. Auch einzelne Aktivisten werden wegen ihres Engagements für den Umweltschutz stark bedrängt und mit Haftstrafen bedroht. Aktuell bekannt gewordene Fälle sind die von Suren Gasarjan und Jewgeni Witischko. Unser Vorstand Suren Gasarjan sah sich gezwungen Russland zu verlassen und lebt heute in Estland. Für den verurteilten Jewgeni Witischko hat Amnesty International vor wenigen Tagen eine Solidaritätskampagne gestartet.

Dmitri Schewtschenko ist stellvertetender Koodinator der russischen Umweltschutzorganisation Ökologische Wacht im Nordkaukasus (Ecological Watch of the North Caucasus – EWNC).

Interview: Kathrin Henneberger

Bisher erschienen in unserer Sotschi-Serie:

Vollbild-Vorschau

Teil 1: "Wir wurden nicht gefragt"
Teil 2: Schlechtes Klima für die Spiele
Teil 3: Russland unterdrückt den Umweltschutz
Teil 4: Umweltschützer in Russland verhaftet
Teil 5: Die Kompensation ist ein Bluff
Teil 6: Boykottiert Putins Leistungsschau
Teil 7: Die Grenzen des olympischen Wachstums
Teil 8: Auf nach Mekka!
Teil 9: Kunstschnee für die Massen
Teil 10: Willkommen in der ''besseren Welt''

[Erklärung]  
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