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Die Angst vor dem nächsten Desaster

Wirbelsturm, Dürre, Flut: Myanmar, das frühere Burma, ist das am stärksten gefährdete Land Asiens. Strategien zum Umgang mit dem Klimawandel gibt es kaum. Schon das nächste große Extremereignis könnte die Fortschritte seit dem Ende der Diktatur zunichte machen. Nichtregierungsorganisationen arbeiten dagegen an.

Aus Rangun Fawzia Sheikh (IPS)

Die Demokratie, die sich in Myanmar seit dem Ende der langen Militärdiktatur entwickelt, ist noch längst nicht gefestigt, da lauert bereits eine weitere Gefahr, die das frühere Burma zu destabilisieren droht. Experten gehen davon aus, dass der Klimawandel zahlreiche Menschen in dem südostasiatischen Land zu Flüchtlingen machen wird.

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Brücke in der zweitgrößten myanmarischen Stadt Mandalay: Ist die Infrastruktur in schlechtem Zustand, sind bei Katastrophen große Schäden vorprogrammiert. (Foto: Fawzia Sheikh/IPS)

Die Lage der Bewohner des Irrawaddy-Deltas ist mehr als fünf Jahre nach dem Wirbelsturm "Nargis" weiterhin prekär. Die Naturkatastrophe hatte 146.000 Menschenleben gefordert, weitere 2,4 Millionen Burmesen wurden geschädigt. Viele standen vor den Trümmern ihrer Existenz, und eine Besserung der Lage ist derzeit nicht in Sicht, wie Lynn Thiesmeyer, Vizepräsidentin des Instituts für Umwelt- und Wirtschaftsforschung in Myanmar, berichtet.

Die Böden im Delta sind versalzen und die Bauern können sich nach einer Missernte kein neues Saatgut mehr leisten. "Sie halten sich entweder mit Krediten über Wasser oder verdingen sich als Tagelöhner", erklärt Thiesmeyer, die über die Hilfsmaßnahmen in der Region im Bilde ist. Andere Familien zögen auf der Suche nach Arbeit in die neuen Freihandelszonen. Nach "Nargis" hatte die Regierung in vielen Distrikten Wiederaufbauprojekte gestartet, die in den Kommunen angesiedelt sind. Doch durch den Mangel an Mitteln und Fachkräften konnte nur ein kleiner Teil der Vorhaben umgesetzt werden.

"Die Regierung hat dafür gesorgt, dass jeder ein Radio besitzt und weiß, auf welcher Frequenz die Katastrophenwarnungen ausgestrahlt werden", sagt Thiesmeyer. "Dennoch wäre es für sie schwierig, einem neuen Sturm zu entkommen, da sie sich nur im Boot fortbewegen können. Am dringendsten brauchen sie Notunterkünfte."

Viele der vorhergesagten Klimafolgen werden hier Realität

Das UN-Büro zur Koordinierung der humanitären Hilfe stufte Myanmar mit seinen rund 53 Millionen Einwohnern im vergangenen Juni als das am stärksten gefährdete Land der Asien-Pazifik-Region ein. Die Risiken, dass sich "alle paar Jahre" mittelschwere bis schwere Naturkatastrophen ereignen, sind demnach sehr hoch.

Seit "Nargis", für Myanmar die verheerendste Naturkatastrophe der letzten Jahre, haben lokale und international tätige Hilfsorganisationen ihre Bemühungen verstärkt, die Auswirkungen des Klimawandels abzumildern. Das nächste große Naturdesaster könnte den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt des Landes gefährden, der seit dem Amtsantritt einer Zivilregierung 2011 zu beobachten ist.

Myanmar sei von "vielen vorhergesagten Folgen des Klimawandels" betroffen, meint Linda Yarr von der George-Washington-Universität in der US-amerikanischen Hauptstadt. Zu diesen Folgen zählen Küstenerosion und eine erhöhte Anfälligkeit für häufige und gravierende Wetterphänomene wie Wirbelstürme, anhaltende Dürren in Trockenregionen und heftige Niederschläge, die zu Überschwemmungen und Erdrutschen in Gebirgszonen führen.

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Die traditionellen Häuser haben einem Zyklon nichts entgegenzusetzen – wie hier in Yangon, wie die frühere birmanische Hauptstadt Rangun heute genannt wird. (Foto: TaQpets/flickr.com)

"Wir können nicht einfach nur zuschauen, wir müssen uns vorbereiten", betont Win Zin Oo von der Hilfsorganisation World Vision Myanmar. Schon beim Anzug des Sturms "Mahasen" im Mai 2013 sei deutlich geworden, wie unvorhersehbar und komplex Naturkatastrophen sein könnten. Myanmar blieb allerdings das Schlimmste erspart, andere Staaten in Süd- und Südostasien waren viel härter betroffen.

Oo zufolge gefährden inzwischen vor allem Überschwemmungen die Existenz der Menschen und die soziale Stabilität in Myanmar. World Vision bietet Dorfgemeinschaften deshalb Unterstützung bei der Katastrophenprävention an. Menschen, die etwa von "Nargis", der Flut im Irrawaddy-Delta 2008,  dem Erdbeben im Shan-Staat 2011 oder den Überschwemmungen im Bundesstaat Kayin im vergangenen August betroffen waren, erhalten Hilfe von der Organisation. "Nargis" habe den Hilfsorganisationen klargemacht, dass die Koordination der Hilfen noch immer ein Problem sei, sagt Oo. Gemeindebasierte Projekte könnten hier Abhilfe schaffen.

Kampagnen für organischen Dünger 

Lokale Nichtregierungsorganisationen wie DEAR Myanmar sehen die größten Hindernisse in der mangelnden Verbreitung von Wetterberichten. Offenbar nähmen aber auch viele Burmesen die Wetterwarnungen nicht ernst. Die Gruppe setzt sich für die Verbreitung nachhaltiger Agrarmethoden ein. Chemischer Dünger wird bei Überschwemmungen weggespült und gefährdet die Nahrungssicherheit, wie der Gründer der Organisation, Nyan Lin, erläutert.

Linda Yarr führt Myanmars Klimaanpassungsprobleme auch auf veraltete Bevölkerungsstatistiken und fehlende Infrastruktur wie Straßen und Stromnetze zurück. Auch die landwirtschaftlichen Anbaumethoden seien überholt, Holzwirtschaft und Bergbau nicht ausreichend reglementiert.

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Nach einer Missernte können sich die Bauern kein neues Saatgut mehr leisten: Reisernte in Myanmar. (Foto: Richard Dicky/Wikimedia Commons)

Yarrs Organisation und die in Rangun angesiedelte Organisation ALARM schulten im Februar 45 Regierungsbeamte aus zwölf Ministerien und Behörden im Rahmen ihres Myanmar Leadership Institute on Climate Change zu Fragen der Klimaresilienz – der Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimaveränderungen und Extremereignissen. Myanmars Regierung wählte im Dezember die Küstenprovinzen Tanintharyi und Ayeyarwady für ein Pilotprojekt aus, das darauf abzielt, das Katastrophen- und Klimarisiko-Management in die regionalen Entwicklungspläne bis 2015 zu integrieren.

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