"Es fehlen Strategien für Klimaflüchtlinge"

FotoDie Flutkatastrophe im indischen Bundesstaat Uttarakhand kostete Tausende das Leben. Mehr als vier Millionen Menschen wurden 2007 vom Zyklon Sidr in Bangladesch entwurzelt. Bis 2050 werden Klimawandel und Naturkatastrophen weitere 200 Millionen Erdenbürger in die Flucht schlagen. Es ist höchste Zeit, Klimaflüchtlingen und Umweltmigranten mehr Aufmerksamkeit zu schenken, sagt Susan Martin, Leiterin des Instituts für internationale Migrationsstudien ISIM in Washington

Frage: Frau Martin, inwieweit hat der Klimawandel Einfluss auf die Migration? Müssen wir uns vor allem Binnenvertreibungen oder Völkerwanderungen vorstellen?

Susan Martin: Zunächst einmal sind ökologische Faktoren selten der Hauptgrund für Migration. Die Menschen wandern ab, wenn andere Faktoren zu den Umweltproblemen hinzukommen. Solche Faktoren können wirtschaftlicher Natur sein, wie der Verlust der Einnahmequellen, politischer Natur wie das Fehlen eines staatlichen Sicherheitsnetzes oder sozialer Natur, zum Beispiel durch Netzwerke von Menschen, die bereits emigriert sind.

Es gibt im Grunde vier Szenarien, die eine größere klimabedingte Mobilität im Zusammenhang mit diesen anderen Faktoren begünstigen: Da sind erstens die Wetterverhältnisse, die zu länger anhaltenden Dürren führen, die den Zugang zu wichtigen Ressourcen wie Wasser einschränken und klimaabhängige Einnahmemöglichkeiten wie Fischerei, Land- und Forstwirtschaft beeinträchtigen. Zweitens werden der Anstieg des Meeresspiegels und die Gletscherschmelze massive und wiederholte Flutkatastrophen auslösen, die Küstenstreifen und tief liegende Täler unbewohnbar machen. Drittens werden die Häufigkeit und das Ausmaß klimabedingter akuter Naturkatastrophen und viertens die Konkurrenz um natürliche Ressourcen Flüchtlingswellen in Gang setzen.

Die ersten beiden Szenarien werden langwierige Prozesse sein, die aller Voraussicht nach einen graduellen Anstieg der Migrantenzahlen bewirken. Die letzten beiden Szenarien betreffen akute Vorkommnisse, die zu unmittelbareren und eher flächendeckenden Vertreibungen führen werden. Wir gehen davon aus, dass diese Wanderbewegungen innerhalb von Ländergrenzen stattfinden. In einigen Fällen jedoch können Migration und Vertreibung über internationale Grenzen hinweggehen.

Die meisten Migranten wird es in die Nachbarländer ziehen: etwa von Bangladesch ins benachbarte Indien. Nur wenige werden größere Entfernungen zurücklegen. Allerdings könnte es geschehen, dass ganze Gemeinschaften oder alle Bürger eines Landes umgesiedelt werden müssen. Das ist vorstellbar für kleine Inselstaaten, die sich auf einen signifikanten Anstieg des Meeresspiegels gefasst machen müssen und keine Rückzugsmöglichkeiten ins Landesinnere haben.

Wenn wir von Klimaflüchtlingen sprechen, sind damit vordergründig Bauern und Landbevölkerung gemeint?

Das hängt von den Erscheinungsformen des Klimawandels ab. Kommt es zu lang anhaltenden Dürreperioden, werden es vor allem Bauern und von Niederschlägen abhängige Menschen sein, die wegziehen werden. Intensive und häufige Wirbelstürme bedrohen vor allem die Bewohner von Küstengebieten und Küstenstädten. Das Ausmaß der Vertreibungen in den ländlichen und städtischen Regionen hängt allerdings von den Vorkehrungen und Reaktionen der Regierungen auf die Klimakrisen ab. Eine präventive Planung macht die Gemeinschaften resistenter gegen die negativen Folgen des Klimawandels.

Einige meinen, dass es zu früh sei, den Klimawandel ernst zu nehmen. Was sagen Sie ihnen?

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wanderbewegungen zu ignorieren ist riskant. Wenn wir zu lange warten, werden mehr Menschen in Notsituationen kaum Wahlmöglichkeiten und Gelegenheiten haben, sich zu schützen.

Es sollten Strategien entwickelt werden, die Situationen vorbeugen, die Bevölkerungen zur Migration zwingen. Es gilt Alternativen zu einer ungeordneten Migration zu schaffen – entweder durch zeitlich befristete oder durch zyklische Arbeitsprogramme. In Fällen, in denen die Auswirkungen des Klimawandels eine Rückkehr in die Heimatländer ausschließen, sollte aber der Schwerpunkt bei einer dauerhaften Zulassung liegen.

Ist der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration hinlänglich belegt?

Es gibt noch viele Wissenslücken, wie Klimawandel und Migration zusammenhängen. Bis heute fehlen glaubwürdige Projektionen über die Zahl und Charakteristika der Menschen, die vor den Folgen des Klimawandels flüchten werden.

Viele vorliegende Schätzungen vermengen unterschiedliche Wanderbewegungen: Bewegungen, bei denen kurze oder längere Entfernungen innerhalb der jeweiligen betroffenen Länder oder grenzübergreifende und international große Entfernungen zurückgelegt werden. Sie unterscheiden auch nicht zwischen einer vorübergehenden oder endgültigen Migration innerhalb dieser verschiedenen Kategorien. Zudem liegen keine Angaben über das Alter, Geschlecht und die sozioökonomischen Hintergründe der Betroffenen vor. Ebenfalls mangelt es an Informationen über die voraussichtlichen Migrationskorridore – also die Routen der Migration.

Wir brauchen weitere empirische Untersuchungen über die Gemeinschaften, die bereits unter erheblichen negativen ökologischen Folgen leiden, damit wir an die erforderlichen Hinweise kommen, durch die wir unsere Projektionen präzisieren können.

Welche Weltregionen werden am stärksten betroffen sein?

Der Klimawandel wird sowohl Entwicklungsländer als auch Industriestaaten treffen. Der Unterschied besteht darin, dass die Industriestaaten die finanziellen Mittel haben, um sich auf den Klimawandel vorzubereiten, auf ihn zu reagieren und sich von seinen Folgen zu erholen.

Die Auswirkungen werden besonders in den armen Ländern gravierend werden. Dies gilt vor allem für Staaten, die schwach sind, in Konflikten stecken und unter einer politischen Instabilität leiden.


Meist ist nicht genau zu sagen, ob der Klimawandel Auslöser für Migration war. Aber wenn wir noch länger warten, kann es für viele Menschen zu spät sein, sagt Susan Martin. (Foto: UNHCR)

Betrachten wir die 2010 in Haiti und Chile gemachten Erfahrungen als Vorboten für das, was noch passieren kann, besonders vor dem Hintergrund akuter Naturereignisse – dann sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass das viel stärkere Beben in Chile weitaus weniger Menschen das Leben kostete als das Beben in Haiti. Dort haben nicht die Naturkatastrophe selbst, sondern die Schwäche des Staates und die große Armut die Menschen so viel verletzlicher gemacht.

 Interview: Sudeshna Chowdhury (IPS)

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