Kohlendioxid-­Gehalt knackt 400-ppm-Marke

Erst kürzlich hat die UNO davor gewarnt – jetzt ist es passiert: Der CO2-­Gehalt in der Atmosphäre hat erstmals die Schwelle von 400 ppm überschritten. Wohlgemerkt: Erstmals seit 25 Millionen Jahren. Von einem weiterhin rasanten Anstieg ist auszugehen – wenn die Politik nicht reagiert.

Von Daniel Seemann

Ein weiterer Anstieg der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre muss verhindert werden, hatte Christiana Figueres, Chefin des UN-Klimasekretariats, noch kürzlich auf der Bonner Frühjahrstagung der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) gesagt. Geschähe dies nicht, sei eine Erhöhung der Globaltemperatur unausweichlich. Aus Sicht der UNO wird jedoch nur ein Temperaturanstieg von höchstens zwei Grad für gerade noch tolerierbar gehalten.

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Sie steigt und steigt und steigt: die sogenannte Keeling-Kurve, erstellt aus den Daten des Observatoriums auf Mauna Loa (Hawaii). Grafik: Scripps Institution of Oceanography/University of California

Um dieses Ziel nicht zu überschreiten, sollte die CO2-Konzentration unter 450 ppm (parts per million) bleiben, so der Weltklimarat. Am gestrigen Donnerstag ist nun erstmals die symbolträchtige Schwelle von 400 ppm überschritten worden: Das Observatorium Mauna Loa auf Hawaii meldete eine durchschnittliche Tageskonzentration von 400,03 ppm CO2 in der Atmosphäre. Der dort gemessene CO2-Gehalt gilt als globaler Referenzwert, weil die Messstation auf einer Insel mitten im Pazifischen Ozean weitab von allen großen Emissionsquellen liegt.

"Damit wird zum ersten Mal seit 25 Millionen Jahren die 400-ppm-Schwelle überschritten", sagt Jelle Bijma vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. "Und noch in diesem Jahrhundert werden wir möglicherweise die 500-ppm-Marke knacken, wenn die Politik nicht endlich aktiv wird."

Immer weiter entfernt vom vorindustriellen Gleichgewicht

Steigende CO2-Werte und kletternde Temperaturen – wie passt das zusammen? "Die Klimamodelle zeigen, dass unabhängig von kurzzeitigen Schwankungen die globale Mitteltemperatur der unteren Atmosphäre mit zunehmender CO2-Konzentration weiter ansteigt", erklärt Stephan Bakan vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. "Mit jeder CO2-Zunahme nähern wir uns der 450-ppm-Grenze. Und die verbleibende Zeit für wirkungsvolle Emissionsreduktionen verringert sich dementsprechend", sagt er.

Das Überschreiten der 400-ppm-Marke bestätigt auch die Prognosen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) für die fortschreitende Erderwärmung. Bakan: "Alle aktuellen Projektionen des Verlaufs der atmosphärischen CO2-Konzentration gehen vom Überschreiten der 400-ppm-Marke aus". Das Erreichen der 400-ppm-Marke weise zunächst auf den offenbar weiter ungebremsten Ausstoß von CO2 infolge der globalen Nutzung fossiler Brennstoffe zur Energieerzeugung hin. "Die damit verbundene weitere Erhöhung des globalen Strahlungsantriebs wird das Klimasystem weiter von seiner vorindustriellen Gleichgewichtssituation entfernen und zu einem voranschreitenden Klimawandel führen", so der Meteorologe.

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Das Observatorium Mauna Loa auf Hawaii hat beim Kohlendioxidgehalt erstmals ein Tagesmittel von 400,03 ppm gemessen. Durch seine Lage auf einer Insel mitten im Pazifischen Ozean weitab der großen Emissions-Gebiete gilt der Messwert als globale Referenz. (Foto: University Corporation for Atmospheric Research/Wikimedia Commons)

Das Erdklima reagiere auf einen Anstieg des CO2-Gehalts grundsätzlich nicht linear, erklärt Bijma. Jedoch scheint ein Zusammenhang festzustehen: Die weitere Zunahme der Treibhausgaskonzentration verstärkt insgesamt die Tendenz zur Erwärmung der Atmosphäre. Je höher die CO2-Konzentration, umso gravierender die Folgen des Klimawandels. Das erstmalige Überschreiten der 400-ppm-Marke ist hierfür ein deutlich sichtbares Zeichen.

Statistisch falsche Auswertung von Einzelmessungen

Dieser Beobachtung widersprechen viele sogenannte Klima"skeptiker" und behaupten, in der Erdgeschichte wäre die 400-ppm-Marke bereits mehrmals "geknackt" worden. Weshalb das Erreichen dieses Wertes nichts Neues sei und ein Beweis für die zunehmende Aufheizung der Atmosphäre schon gar nicht.

Diese Aussage lässt Bakan nicht gelten: Sie beruhe auf der statistisch falschen Auswertung von räumlich und zeitlich sehr ungleichmäßig verteilten Einzelmessungen aus dem 19. Jahrhundert, sagt er. Alle Messungen seien damals am Boden gemacht worden. In der Klimaforschung würden sich Konzentrationsangaben für CO2 jedoch immer auf die freie Atmosphäre oberhalb der Bodenschicht und nicht auf Messungen nahe der CO2-Quellen am Boden beziehen, so der Wissenschaftler. Zwar hätten sich schon damals gelegentlich sehr hohe Durchschnittswerte ergeben, sie seien aber für globale CO2-Jahresmittelwerte nicht repräsentativ.

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Die Zeichen sind deutlich, jetzt muss der Kurs geändert werden. (Foto: TwinsMetsFan/Wikimedia Commons)

Erst nach 1950 sei erkannt worden, dass die CO2-Konzentration über der Bodenschicht bis hinauf in die höheren Atmosphärenschichten sehr gleichmäßig verteilt ist und nur geringe räumliche und jahreszeitliche Schwankungen aufweist. So wurde damit begonnen, die Daten aus Lufteinschlüssen in Eisbohrkernen als Maß für die CO2-Konzentration der globalen Atmosphäre zu nutzen – auch rückwirkend für die Zeit vor 1950. Diese würden für das 19. Jahrhundert einen sehr glatten Verlauf der CO2-Zunahme von etwa 280 auf 290 ppm zeigen, sagt Bakan. Im 20. Jahrhundert stiegen diese Werte weiter exponentiell an – und gehen nahtlos über in die modernen Messungen globaler CO2-Messstationen wie der in Mauna Loa auf Hawaii.

Die jetzt dort gemessene Überschreitung der 400-ppm-Marke kommt laut Jelle Bijma nicht unerwartet – jedoch wurde sie schneller erreicht als noch vor zehn Jahren angenommen. 

[Erklärung]  
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