Anzeige

Ein Ewigkeitsproblem der Braunkohle

Der als Weltkulturerbe geschützte Spreewald steht vor einer ökologischen Katastrophe. Am deutlichsten zeigt sich das an der giftig verfärbten Spree. Auf einer Fläche von knapp 900 Quadratkilometern geht es um die Folgen der Umweltsünden der DDRaber der Braunkohletagebau in Brandenburg geht immer noch weiter. Und verkorkst womöglich bald schon das Trinkwasser auch in Berlin.

Aus Senftenberg Nick Reimer

Der rostrote Fluss sieht furchtbar ungesund aus.Tatsächlich droht das Biosphärenreservat Spreewald zu verockern: "Stellenweise wurden bis zu 50 Milligramm Eisenhydroxid je Liter gemessen", sagt Isabell Hiekel, Sprecherin des Bünd­nisses "Klare Spree". Rot färbt sich das Wasser bereits ab etwa zwei Milligramm. So steht Brandenburgs bekanntestes Touristenziel vor einer ökologischen Katastrophe. Betroffen ist eine Fläche von knapp 900 Quadratkilometern, "anderthalb mal die Fläche von Berlin", illustriert Klaus Zschiedrich, Sanierungschef der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft LMBV, die Lage.


Das Mühlenfließ in Vetschau: Schön sieht anders aus und gesund ist es auch nicht: Berlin gewinnt viel Trinkwasser aus Uferfiltrat. Doch stellenweise ist die Sulfatbelastung auf 700 Milligramm je Liter angewachsen – der Grenzwert im Trinkwasser liegt bei 250 Milligramm. (Foto: Nick Reimer)

Es geht um die Folgen des Braunkohletagebaus in der DDR: Neun Milliarden Euro haben Deutschlands Steuerzahler bislang für die Umweltsünden der SED-Politik zahlen müssen. Dieser Frühling ist zum Beispiel rot-weiß im Spreewald: Durch die verschneite Landschaft schlängeln sich ziegelrote Fließe. Das Phänomen kommt vom Eisenerz: Im Lausitzer Boden lagert neben der Braunkohle auch Pyrit, fachchemisch Eisendisulfid genannt. Wird dieses Erz von den riesigen Abraumbaggern zu Tage, also an die Luft, gefördert, oxidiert es – zu Sulfat und Eisenhydroxid. Das erste macht das Wasser sauer, das zweite färbt das Wasser ab einer bestimmten Konzentration ockerrot.

Platzeck verspricht Abhilfe – mit Chemie

Aufgetaucht sei das Problem bei einigen Zuflüssen des Spreewaldes schon vor vier, fünf Jahren, sagt Flussaktivistin Hiekel. "Richtig akut ist es aber erst nach den jüngsten Hochwässern geworden." Die hatten 2010 und 2012 dafür gesorgt, dass das Grundwasser, das wegen der Tagebaue einst abgesenkt worden war, wieder sehr stark angestiegen ist. "Und dieses steigende Grundwasser hat sowohl die Sulfate als auch die Eisenverbindung ausgewaschen." Das hat die Flüsse sozusagen auf Alarmstufe Rot gebracht.

Im Februar war Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) deshalb in die Lausitz geeilt, um den besorgten Einheimischen ein neun Millionen Euro teures Sofortprogramm zu verkünden. Der Tourismus ist im Spreewald die wichtigste Einnahmequelle, 300 Millionen Euro bringen die Urlauber jedes Jahr hierher. "Eisenhydroxid ist für die menschliche Gesundheit ungefährlich", heißt es in einem Flugblatt für die lokale Tourismus-Branche. Schlecht für den Tourismus ist die rotbraune Soße dennoch: Geht das Zeug denn wieder ab von den Füßen, wenn man sie aus dem Spreewaldkahn ins Wasser hängt? Landesvater Platzeck gab keine direkte Antwort – aber er versprach, mit Chemie die rote Flussfarbe zu beseitigen: Kalk soll das basische Hydroxid neutralisieren. Ein chemischer Eingriff also, der ein chemisches Problem in einer Bergbaufolgelandschaft lösen soll.

Ein Problem für die nächsten 100 Jahre

Dagegen spricht Zschiedrich, der Sanierungschef der LMBV, von einem "Ewigkeitsproblem": Die nächsten 50 bis 100 Jahre werde der Eisenhydroxidschlamm die Sanierer auf Trab halten. "Unsere Strategie ist, einen Schutzgürtel um das Biosphärenreservat Spreewald zu errichten". In einer zweiten Phase soll dann das Problem "an der Quelle" angepackt werden, in einer dritten schließlich eine Art Endlager für den Eisenschlamm entstehen. "Aktuell kostet das 75 Euro pro Tonne", sagt Zschiedrich. Er rechnet vor, dass die Kosten bei derzeit jährlich 2.500 Tonnen "ins Unermessliche" steigen werden. In spätestens 100 Jahren soll das "Ewigkeitsproblem" behoben sein.

"Die Verantwortlichen behaupten immer: Für die menschliche Gesundheit sei der Eisenocker unbedenklich", sagt Sabine Niels, bündnisgrüne Landtagsabgeordnete und dort für Bergrecht zuständig. "Für die Umwelt aber hat der Eisenocker katastrophale Auswirkungen: Er verklebt Fischen die Kiemen, versauert die Gewässer, tötet jedes Element einer aquaren Lebenswelt." Und jede weitere Abraumkippe, jeder neue Tagebau verlagert das Problem weitere 100 Jahre in die Zukunft. Ministerpräsident Platzeck, der drei neue Braunkohlefelder erschließen will, sorgt damit nach Ansicht von Niels vor allem dafür, "dass der Spreewald auch noch in 150 Jahren ein Eisenproblem hat".


Die Braunkohle prägte mit Tagebauen und Kraftwerken 40 Jahre lang die Energiewirtschaft der DDR. Der schwedische Staatskonzern Vattenfall und das Land Brandenburg wollen das nun noch einmal genauso lange fortsetzen. (Foto: Nick Reimer)

"Das Problem wurde von der Politik genauso wie vom Bergbau komplett unterschätzt", sagt Gisela Kallenbach, umweltpolitische Sprecherin der Bündnisgrünen in Sachsen. Im Mitteldeutschen Braunkohlerevier bei Leipzig sind die Flüsse Elster und Pleiße betroffen. Völlig ungeklärt sei, wer die Zusatzkosten übernimmt. Das gilt im Fall der Spree auch für das gänzlich unbeteiligte Berlin. "Sehr viel Trinkwasser wird in der Hauptstadt aus Uferfiltrat gewonnen. Stellenweise ist die Sulfatbelastung schon auf 700 Milligramm je Liter angewachsen, der Grenzwert im Trinkwasser liegt aber bei 250 Milligramm", erläutert Gisela Kallenbach. Das bedeutet: Berlin muss demnächst womöglich deutlich mehr Klär-Aufwand für sein Trinkwasser betreiben. Die Kosten dafür trage aber weder die Braunkohlefirma Vattenfall noch das Land Brandenburg. Kallenbach: "Das zahlen die Berliner".

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen