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Zwei Prozent deutsche Wildnis

Mehr als 40 öffentliche und private Eigentümer von geschützten Flächen haben sich in einem "Netzwerk Nationales Naturerbe" zusammengeschlossen. Ihr Ziel: Zwei Prozent der Bundesfläche sollen "Wildnis-Gebiete" werden, in denen sich die Natur ungestört entwickeln kann. Das würde auch die natürliche CO2-Speicherkapazität der Ökosysteme erhöhen.

Aus Frankfurt/Main Joachim Wille

Es würde einen enormen Aufschwung für den Natur- und Klimaschutz bedeuten: In Deutschland soll ein "Netzwerk Nationales Naturerbe" entstehen – nach dem Vorbild von Organisationen wie dem britischen "National Trust", die in verschiedenen Ländern für Schutz von gefährdeten Ökosystemen, Pflanzen und Tieren verantwortlich sind. Das neue Netzwerk will unter anderem dazu beitragen, dass "Wildnis-Gebiete" auf bundesweit zwei Prozent der Fläche ausgewiesen werden. Dort sollen die Biotope sich selbst überlassen bleiben – wodurch außerdem ihre Aufnahmekapazität für Kohlendioxid auf natürliche Weise steigen würde.


Alte Buchenbestände gehören in Deutschland zum "Nationalen Naturerbe". (Foto: Niedersächsische Landesforsten)

Das Netzwerk geht zurück auf eine Initiative der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und des Deutschen Naturschutzrings (DNR), der seit 1999 daran gearbeitet hat. "Der Umgang mit unserem Naturerbe muss unbedingt verbessert werden", sagte DBU-Generalsekretär Fritz Brickwedde. Ziel des Netzwerks sei es, durch bessere Zusammenarbeit plus Wissens- und Erfahrungsaustausch "den Umfang, die Qualität und die Nachhaltigkeit von Flächenschutz in Deutschland zu steigern". Das biete die Chance, die Bedeutung der Naturschutz-Flächen in der Öffentlichkeit besser zu vermitteln.

Dank des Netzwerks gebe es die Chance, "dass dessen Mitglieder innerhalb und außerhalb Deutschlands "als Teil einer größeren Bewegung wahrgenommen werden", meint der DBU-Geschäftsführer. Bisher gilt die Naturschutz-Bewegung in Deutschland in der Tat als sehr zersplittert. Die zahlreichen Organisationen – vom "Bayerischen Naturschutzfonds" bis zum "Zweckverband Presseler Heidewald- und Moorgebiet" – stimmten sich bisher nur wenig ab und hatten vor allem kein gemeinsames Sprachrohr. Netzwerk-Mitglieder sind unter anderem die Umweltorganisationen WWF, BUND und NABU, die Nationalparke Bayerischer Wald und Kellerwald-Edersee, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt und zahlreiche Stiftungen von Deutsche Wildtier- bis Heinz-Sielmann-Stiftung.

Truppenübungsplätze zu Wildnisgebieten

Brickwedde erhofft sich, dass das Netzwerk auch politische Schlagkraft bekommt: "Wir entwickeln, moderieren und kommunizieren gemeinsame Positionen unserer Mitglieder und setzen uns dafür ein, in Politik und Gesellschaft Gehör für die Anliegen des eigentumsrechtlichen Naturschutzes zu finden." Ähnliche Netzwerke gibt es bereits in einer Reihe von Ländern, neben Großbritannien etwa in den USA, Südamerika, Australien, den Niederlanden und Belgien.

Den Mitgliedern des Netzwerks gehören zusammen über 2.500 Quadratkilometer Naturschutz-Flächen – das entspricht rund 0,7 Prozent der Fläche der Bundesrepublik respektive der Fläche der Städte Berlin, Bremen, Hamburg und München zusammen. Den Kern des Netzwerks bildet das sogenannte Nationale Naturerbe. Dabei handelt es sich meist um frühere Militär-Übungsplätze, die aus dem Eigentum der Bundesrepublik in die Trägerschaft der Länder, der DBU und von Naturschutz-Organisationen übertragen wurden. Den größten einzelnen Anteil steuert die gemeinnützige DBU-Tochter Naturerbe GmbH bei. Sie bringt 33 große Flächen mit zusammen rund 460 Quadratkilometern ein, darunter Gebiete wie den Authausener Wald in Sachsen oder die Glücksburger Heide in Sachsen-Anhalt.


Das Große Torfmoor bei Lübbecke in Ostwestfalen wurde wiedervernässt. Jetzt gehört es zum EU-Schutzgebietsnetz Natura 2000 – und speichert wieder enorm viel CO2. (Foto: Corradox/Wikimedia Commons)

Der Geschäftsführer der Heinz-Sielmann-Stiftung, Michael Beier, drückte die Hoffnung aus, das Netzwerk werde die Umsetzung der "Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt" kräftig voranbringen. Diese 2007 vom Bund verabschiedete Strategie sieht unter anderem vor, dass sich der Anteil der vom Aussterben bedrohten und stark gefährdeten Arten deutlich verringert und zwei Prozent der Fläche Deutschlands zur "Wildnis" werden. Nach Schätzungen beträgt der Anteil von Wildnisgebieten derzeit maximal 0,5 Prozent der Landfläche. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um die Kernzonen der Nationalparke. Das Bundesamt für Naturschutz hält zusätzliche großflächige Gebiete, in denen sich die Natur ungestört entwickeln kann, für dringend notwendig. Neben den Kernzonen neuer Nationalparke, wie sie unter anderem Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen diskutiert werden, und ausgewählten Waldflächen seien ehemalige Truppenübungsplätze und Tagebau-Landschaften, aber auch Bereiche der Binnengewässer und Auen, der Küsten, der Gebirge und der Moore dafür geeignet.

Das Netzwerk Nationales Naturerbe will sich in diesem Sinne besonders engagieren. Brickwedde: "Es wird einen wichtigen Beitrag leisten, um die zwei Prozent zu erreichen." Dieses Ziel sei für ein dicht besiedeltes Industrieland wie Deutschland "zwar ambitioniert, aber absolut notwendig, um bedrohten Tieren und Pflanzen einen ungestörten Rückzugsraum zu geben".


Zwei Prozent der Fläche der Bundesrepublik sollen sich selbst überlassen werden: Kernzone im Nationalpark Sächsische Schweiz. (Foto: Matthias Rietschel)

Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt wurde 2007 verabschiedet. Ihr Ziel ist es, den Rückgang der Artenvielfalt zu stoppen, aber auch eine nachhaltige Nutzung der Biodiversität zu ermöglichen. Bis 2020 soll sich die Gefährdungssituation des größten Teils der Rote-Liste-Arten um eine Stufe verbessern. Bis dahin soll auch der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung fünf Prozent betragen, derzeit sind es nur rund zwei Prozent. Ebenfalls bis zum Jahr 2020 soll sich durch Wiedervernässung und Renaturierung von Mooren sowie durch die Zunahme naturnaher Wälder die natürliche CO2-Speicherkapazität der Land-Ökosysteme um zehn Prozent erhöhen. Aber auch die Lebensqualität für Stadtbewohner soll verbessert werden: Bis 2020 soll in den Städten öffentlich zugängliches Grün für alle fußläufig zur Verfügung stehen.


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