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Bohrschiff vor Alaska auf Grund

Ein Bohrschiff, das der Shell-Konzern zu den umstrittenen Ölbohrungen in der Arktis einsetzt, ist vor der Küste Alaskas auf Grund gelaufen. Beladen mit mehr als einer halben Million Liter Diesel sowie 45.000 Liter Schmier- und Hydrauliköl, könnte die "Kulluk" bei einem Leck eine Umweltkatastrophe verursachen.

Aus Stockholm Reinhard Wolff

Das Bohrschiff "Kulluk" geriet offenbar bereits am Montag beim Schleppen außer Kontrolle. Nun droht eine Ölpest. Umweltschützer sehen ihre Befürchtungen bestätigt. Carl Wassillie, Angehöriger der heimischen Inuit und Biologe, wirft Shell ein "Vabanquespiel" vor: "Sichere Operationen? Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus!"


Eine ganze Kette von Pannen, die "eigentlich" nicht hätten passieren dürfen, begleiten die riskante Ölsuche in der Arktis – und ebenso die Proteste von Umweltschützern und Einwohnern. (Bild: Jiri Rezac/Greenpeace)

Die "Kulluk" war seit Spätsommer 2012 vor der Nordküste Alaskas zu einer dann wegen des Wintereinbruchs ergebnislos abgebrochenen Ölbohrung eingesetzt worden und befand sich auf dem Weg nach Seattle ins Winterquartier. Vor der Südküste Alaskas war sie bei einem Schleppmanöver bei stürmischen Wetter außer Kontrolle geraten. Die Verbindung zu einem Schleppschiff war geborsten, ein zweites musste seine Schleppverbindung wegen Maschinenschadens kappen, um nicht selbst in Seenot zu geraten. Sean Churchfield, Shell-Produktionsmanager in Alaska, sprach von einer ganzen Kette von Pannen, die "eigentlich" nicht hätten passieren dürfen.

Das Bohrschiff sitzt nun auf einem Felsen rund 500 Meter vom Ufer entfernt fest. Laut US-Küstenwache gab es bis Mittwoch noch kein Anzeichen eines Lecks, der Schiffsrumpf weise keine sichtbaren Schäden auf. Doch herrsche anhaltend schlechtes Wetter, was ein Abpumpen des Treibstoffs zunächst unmöglich mache. Man stelle sich auf die Bekämpfung einer eventuellen Ölpest ein. Fraglich ist, wie stabil die 30 Jahre alte "Kulluk" ist. Sie war bis zu Beginn der 1990er Jahre zu Suchbohrungen vor Kanada und Alaska eingesetzt worden und dann 15 Jahre lang eingemottet gewesen, bevor Shell sie wieder reaktivierte.


Die Unfallstelle: "Shell-Bohranlage ungefähr hier". Fakten und Karten rund um die Ölbohrungen vor Alaska sowie die damit verbundenen Gefahren für Mensch und Natur gibt es auf der Website Alaska Dispatch. (Foto: U.S. Coast Guard photo via Ground Trekking Truth/alaskadispatch.com)

Der jetzige Unfall ist ein weiter Rückschlag für die Arktisölsuche allgemein und speziell für die von der US-Regierung dem Shell-Konzern genehmigten Offshore-Ölaktivitäten in der Beaufort- und Tschuktschensee nördlich von Alaska. 4,5 Milliarden Dollar hat Shell hier bereits investiert, ohne bislang einen Tropfen Öl gefunden zu haben. In diesem Sommer hatten sich die Bohrungen wegen technischer Schwierigkeiten und ungünstiger Witterung verzögert und waren von Pannen begleitet.

Ende November war bekannt geworden, dass eine der zentralen Sicherheitskomponenten, mit denen Shell das Risiko der Arktisbohrungen für beherrschbar erklärt hatte, falsch konstruiert war: Eine Auffangglocke, die bei einem unkontrollierten Ölaustritt über das Bohrloch auf dem Meeresboden gestülpt werden soll, um das Öl aufzufangen und abzupumpen, war bei einem Test kollabiert und hatte sich wie eine zerknüllte Bierdose verformt. Und kurz vor Weihnachten wurde das neben der "Kulluk" zweite Arktis-Bohrschiff von Shell, die 47 Jahre alte und von Kritikern als schrottreif bezeichnete "Noble Discoverer", von der US-Küstenwache an die Kette gelegt – wegen technischer Mängel unter anderem bei den Anlagen zur Vermeidung einer Ölverschmutzung. Sollte die "Kulluk" verloren gehen, werden in diesem Sommer wohl keine Bohrungen stattfinden, vermutet die Zeitung New York Times.  Derartige eisenverstärkte Konstruktionen sind rar und laut Sicherheitsauflagen müssen immer zwei vor Ort sein, um im Falle eines Blow-outs schnell eine Entlastungsbohrung starten zu können.


Die gestrandete "Kulluk" wird die US-Regierung davon überzeugen, dass die Ölsuche vor Alaska viel zu riskant ist. Das hoffen jedenfalls Umweltschützer und Ureinwohner. (Foto: U.S. Coast Guard photo/alaskadispatch.com)

Die "Kulluk" werde hoffentlich der "tipping point" sein, der Umkehrpunkt, der die US-Regierung davon überzeuge, dass "wir technisch nicht in der Lage sind, in der Arktis nach Öl zu bohren", sagte Susan Murray, Vizepräsidentin der Meeresschutzorganisation "Oceana". In Anchorage, der größten Stadt des Bundesstaates, demonstrierte das "Alaska Big Village Network", eine Interessenvertretung der Ureinwohner. Das Netzwerk fordert einen Stopp weiterer Bohraktivitäten und hofft ebenfalls auf ein Umdenken in Washington. "Wir sind es ja, die mit den Folgen einer Umweltkatastrophe leben müssten", betont Wassillie.

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