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Schnecken ohne Haus – Chaos im Meer

Die zunehmende Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre lässt die Weltmeere versauern und wirft das Leben ihrer Bewohner aus seinen fein geordneten Bahnen. Schnecken müssen fortan nackt, Weichtiere ohne Orientierung herumkriechen. Fische werden ihren Feinden gegenüber leichtsinnig. Das bringt die Ökosysteme aus dem Lot.

Aus Monterey (Kalifornien) Stephen Leahy (IPS)

"Die Bedingungen in den Meeren ändern sich heutzutage 100-mal schneller als in der Vergangenheit", sagt Jean-Pierre Gattuso. "Wir lernen gerade erst zu verstehen, was hier vor sich geht – und wir müssen vom Schlimmsten ausgehen." Gattuso ist Meeresbiologe am Ozeanografie-Laboratorium im französischen Villefranche und einer von rund 600 Wissenschaftlern aus aller Welt, die ihre Ergebnisse auf dem Dritten Internationalen Symposium über Ozeane in Monterey im US-Bundesstaat Kalifornien vorgestellt haben. Schwerpunkt der Konferenz Ende September war die Versauerung der Meere.


Die Säure dringt auch in das Gewebe von Fischen ein und verursacht dort Nervenschäden. (Foto: Konstanze Staud)

Wie der Klimawandel auch, ist die Versauerung eine Folge des massiven Kohlendioxidausstoßes des Menschen. Die Weltmeere nehmen rund ein Drittel der anthropogenen CO2-Emissionen auf. Wenn sich das Kohlendioxid im Wasser auflöst, entsteht Kohlensäure, die das Wasser allmählich versauern lässt. Durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe weisen die Ozeane inzwischen einen um 30 Prozent höheren Säuregrad auf als noch zu Beginn der Industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts.

Nackte Flügelschnecken, orientierungslose Ohrschnecken

Die Leidtragenden sind unterem die sogenannten Flügelschnecken (Thecosomata), kleine planktische Weichtiere, die vor allem in tropischen und subtropischen Gebieten vorkommen. Bei ihnen führt das saure Wasser dazu, dass der Kalkanteil in ihren Skeletten und Schalen sinkt. Das wiederum hat Auswirkungen auf die physiologischen Funktionen der Tiere. Bei den Flügelschnecken kann die Versauerung sogar zum kompletten Verlust ihrer Schutzschale führen. Sie müssen fortan "nackt" weiterleben und werden ihren Feinden zur leichten Beute.

Die Flügelschnecken sind nicht mehr als einen Zentimeter groß. (Foto: US Geological Survey/Wikimedia Commons)

Auch die Chilenische Ohrschnecke (Concholepas concholepas) leidet unter Ozeanversauerung. Der größte natürliche Feind der Schnecke ist eine bestimmte Krabbenart namens Acanthocyclus hassleri vor den Küsten Südamerikas. Normalerweise können die Schnecken diese Krabben riechen, wenn sie sich nähern, und sich rechtzeitig davonmachen. Gerade aber diese in vielen Fällen lebensrettende Orientierungsfähigkeit verlieren die Schnecken durch die zunehmende Versauerung. Sie wandern verwirrt umher und schwimmen den Krabben direkt zwischen die Scheren, erläutert Patricio Manríquez, Wissenschaftler am Institut für Meeresforschung und Binnengewässerkunde der Universidad Austral de Chile in Valdivia. "Gut für die Krabben – schlecht für die Schnecken", so der Forscher. Die schwindenden Überlebenschancen der Chilenischen Ohrschnecke wirken sich auch auf den Menschen aus, denn sie ist ein wichtiges Nahrungsmittel in Chile und damit auch wirtschaftlich von Bedeutung.

Fische werden leichtsinnig

Auch auf das Verhalten tropischer Fische, die im Umkreis von Korallenriffen leben, hat die Versauerung der Meere negative Auswirkungen, haben australische Forscher herausgefunden. Die Säure dringt in das Gewebe der Fische ein. Die Tiere könnten sich zwar daran anpassen, erklärt Philip Munday, Meeresbiologe an der australischen James-Cook-Universität in Townsville (Queensland), aber ihre Nervensysteme würden angegriffen. Hierdurch ändern sich Geruchs-, Hör- und Sehsinn der Fische und damit auch ihr Verhalten. "Ihr Aktivitätslevel wird gesteigert", so Munday. "Dadurch wird ihr Verhalten riskanter." Folglich seien sie stärker gefährdet, von ihren natürlichen Feinden gefressen zu werden.


Die Veränderungen im Meer schreiten schleichend und von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt voran. (Foto: Spirou42/flickr.com)

Zurzeit liegt die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre bei 390 ppm. Ohne eine effektive Begrenzung der CO2-Emissionen könnte sie sich auf 1.000 bis 1.200 ppm erhöhen. Für die Meere bedeutet das eine immense Erhöhung der Versauerung. Und in jedem Falle immer mehr Chaos in den Weltmeeren.

 
Lesetipp:
Das Meer steigt – ein Dossier auf klimaretter.info

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