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Die Risiko-Reaktoren im Norden

Vier der Reaktoren, die der Anfang der Woche bekannt gewordene AKW-Stresstest der EU als besonders gefährlich einstuft, stehen in Schweden und Finnland. Greenpeace Skandinavien hat nun einen eigenen Bericht zum Zustand der Atomkraftwerke veröffentlicht. Das Ergebnis: Die Reaktoren müssten sofort abgeschaltet werden.

Aus Stockholm Reinhard Wolff

"Wir waren selbst geschockt, als uns klar wurde, wie ernst die Sicherheitsdefizite sind", meint Martina Krüger, Energieexpertin von Greenpeace-Skandinavien. Die Umweltschutzorganisation hat in einem am Dienstag veröffentlichten Rapport die Stresstests unter die Lupe genommen worden, die die schwedische Strahlenschutzbehörde SSM auf Veranlassung der EU-Kommission bei den Atomkraftwerken des Landes vorgenommen hat. Das Greenpeace-Fazit: Die Reaktoren müssten umgehend abgeschaltet werden.


2006 entging das schwedische AKW Forsmark nur knapp einer Kernschmelze. (Foto: Robin-Root/CC BY-SA 2.0)

Vier Reaktoren in zwei verschiedenen Ländern, bei denen das Personal weniger als eine Stunde Zeit habe, äußeren Energiewegfall oder einen Ausfall des Kühlsystems in den Griff zu bekommen, nennt der Anfang der Woche bekannt gewordene EU-Stresstest als Beispiele für besonders schwerwiegende Sicherheitsmängel. Gemeint sind das schwedische AKW Forsmark und das finnische AKW Olkiluoto. Dass solche potentiellen Gefahren nicht graue Theorie sind, war beim Beinahe-GAU in Forsmark am 25. Juli 2006 bewiesen worden. Durch einen Kurzschluss und Ausfall der Notstromversorgung war dort binnen 20 Minuten die Hälfte des Reaktorkühlwassers verdampft. Eine Kernschmelze war seinerzeit allenfalls noch 15 Minuten entfernt.

 Völlig überalterte Reaktoren

Die meisten Schwachstellen, die der EU-Stresstest beispielhaft an Forsmark und Olkiluoto festmacht, gelten für alle 14 schwedischen und finnischen Reaktoren. Nicht nur gehören sie weltweit zu den ältesten – ursprünglich für 25 Jahre konstruiert, sind sie bis auf zwei 27 Jahre alte Reaktoren nun zwischen 32 und 41 Jahre alt -, sie sind auch völlig unzureichend gegen Terroranschläge und Sabotage geschützt. Ausserdem liegen sie alle am Meer und beziehen von dort ihr Kühlwasser. Sie sind damit besonders gefährdet bei Erdbeben, Tsunamis oder Überschwemmungen. So würden die Dieselgeneratoren und andere Sicherheitssysteme des AKW Forsmark schon bei einem um 2,5 m erhöhten Wasserstand überschwemmt werden.

Nicht nur bei einem Stromausfall würde bei allen Reaktoren jegliche Möglichkeit der Kühlwasserzufuhr verschwinden, sondern auch bei einer Verstopfung der Meerwasserrohre beispielsweise wegen extremen Eisgangs. In der Vergangenheit schafften schon massenweise auftretende Quallen, diese Kühlrohre zeitweise total zu verstopfen. Den "Stress" eines extremen Eiswinters in der Ostsee verbunden mit einen Eissturm, der die Stromversorgung kappt, würde kein schwedischer Reaktor verkraften. Zu hoffen wäre dann nur, dass er noch rechtzeitig heruntergefahren werden kann.

Das Dach des 38 Jahre alten westschwedischen Reaktors Ringhals 1 sei sogar so schwach gebaut, dass die Last grösserer Schneemengen es zum Einsturz bringen könnte - mit einer Beschädigung der Brennelemente oder einem Ausfall der Kühlung als möglichen Folgen, konstatiert Greenpeace nun. "Bei derart alten Reaktoren sollten die Betreiber vorwiegend in die Sicherheit investieren", meint Rolf Lindahl, Mitverfasser des Rapports, doch tatsächlich scheine es für Vattenfall und Eon nur um den grösstmöglichen Gewinn zu gehen: "Man fährt auf Risiko."

Die AKW-Überwacher sind nicht wirklich unabhängig

Vattenfall reagierte auf die Geeenpeace-Kritik mit "kein Anlass zur Unruhe" und die Überwachungsbehörde SSM betonte wie üblich: "Schwedische Kernkraftwerke sind sicher." Greenpeace sieht in dieser Haltung einen Teil des Problems: Die starke Verknüpfung zwischen AKW-Betreibern und ihren Überwachern. Zehn von 14 SSM-Kontrolleuren hätten früher für die Atomstromwirtschaft gearbeitet. Lindahl: "Da muss man die Frage nach Loyalitäten stellen."


So würde sich die Radioaktivität nach einem Super-GAU im schwedischen AKW Forsmark über Europa ausbreiten. (Grafik: Greenpeace Skandinavien)

Wenig verwunderlich, dass trotz grundsätzlicher Kritik am "Hochtunen" der Altreaktoren SSM erst vor einigen Tagen trotzdem genehmigte, den thermischen Effekt von Forsmark 2 über das Höchstniveau, für das er ursprünglich konstruiert wurde, um weitere 11 Prozent zu erhöhen. Das soll die Produktion steigern. Und Forsmark 1, der Katastrophenreaktor von 2006, bekam trotz konstatierter Rissbildungen eine weitere Frist bis Ende Juli 2013. Ursprünglich war seine Betriebserlaubnis deswegen auf Ende September diesen Jahres begrenzt worden. Rolf Lindahl geht so weit, die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Unfall in einem schwedischen AKW als "nahe bevorstehend" einzuschätzen.Und Martina Krüger fordert die Einsetzung einer Krisenkommission, die klären soll, wie Schweden schnellstmöglichst aus der Atomkraft aussteigen könne. Heute deckt diese 40 Prozent des Strombedarfs.

 


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