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Klinken putzen für Yasuní

"Wir sind auf Kurs", sagt die ecuadorianische Regierungsbeauftragte für die Yasuní-ITT-Initiative, Ivonne Baki, die wieder einmal nach Deutschland reiste, um die Werbetrommel für das "Dschungel statt Öl"-Projekt zu rühren. Doch das ist die Crux: Wenn Politiker solche Worte wählen, gibt es meist ein Problem. 

Aus Berlin Silvana Steiniger

"Es ist schwer, den Menschen verständlich zu machen, dass wir Sauerstoff verkaufen", sagt Ivonne Baki, Regierungsbeauftragte Ecuadors. "Doch genau das tun wir." Die wortgewandte, charismatische Frau hat eine Mission: weltweit Käufer für diesen Sauerstoff zu finden. Baki soll Geld sammeln, damit die ecuadorianische Regierung die Ölschätze, die unter dem Yasuní-Nationalpark schlummern, nicht ausbeutet, sondern zum Schutz des Klimas im Boden lässt. Deshalb hat Baki jüngst erneut das finanzstarke Deutschland besucht, um gemeinsam mit dem Botschafter des lateinamerikanischen Landes, Jorge Jurado, für die Yasuní-ITT-Iniative zu werben.


Der Yasuní-Nationalpark ist einer der wenigen nahezu unberührten Tropenwälder der Welt. (Foto: Botschaft von Ecuador)

Dafür braucht Baki einen langen Atem. Schon 2007 hatte Ecuadors Präsident Rafael Correa der Weltgemeinschaft sein ungewöhnliches Angebot vorgeschlagen: die Ölvorkommen, die unter dem Yasuní-Nationalpark im Osten des Landes nahe der Grenze zu Peru liegen, gegen Bezahlung im Boden zu lassen. Schätzungen zufolge liegen hier rund 846 Millionen Barrel Öl. Auf die Hälfte des potenziellen Gewinns aus einer Förderung will Ecuador verzichten. Die andere Hälfte aber soll die Weltgemeinschaft bezahlen, als Kompensation für Ecuadors Verzicht zugunsten des globalen Klimaschutzes. Das wären 13 Jahre lang 350 Millionen Dollar pro Jahr. Insgesamt soll die internationale Staatengemeinschaft also 3,6 Milliarden US-Dollar (rund 2,8 Milliarden Euro) einzahlen, und zwar in einen 2010 eigens dafür eingerichteten UN-Treuhandfonds. Dieses Geld will das südamerikanische Schwellenland dann in den Ausbau regenerativer Energien, die Bildung sowie umweltverträglichen Tourismus investieren. Ohne diese Kompensationszahlungen, betont Baki, könne sich Ecuador eine umweltverträgliche Entwicklung nicht leisten.

Mit Deutschland hat Ecuador es schwer

Die Staaten seien jedoch nach wie vor zurückhaltend, auch wenn bisher Zahlungen aus Italien, Spanien, Chile, Kolumbien, Peru sowie eine Zusage über 1,25 Millionen Euro von der belgischen Region Wallonien eingegangen seien. "Es mussten viele Klinken geputzt werden, aber langsam ist die Akzeptanz hoch genug, dass man auch auf uns zukommt", sagt Baki. Einladungen gebe es viele, zum Beispiel stehe im Oktober ein Termin bei der EU-Kommission in Brüssel an. Konkrete Finanzzusagen hat diese freilich noch nicht in Aussicht gestellt. "Wir brauchen aber nicht nur Applaus, sondern tatsächliche Unterstützung, vor allem auch von Deutschland", fordert Baki. Hierzulande hat es die ecuadorianische Regierungsbeauftragte aber besonders schwer. Deutschland wird nicht in den Fonds einzahlen.

Zwar hatte die frühere Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) bereits finanzielle Unterstützung zugesagt. Ute Koczy, entwicklungspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, setzte sich für Yasuní ein. Und 2008, kurz nachdem Ecuador seine Initiative gestartet hatte, beschloss der Bundestag einstimmig, das Projekt zu unterstützen. Doch Wieczorek-Zeuls Nachfolger Dirk Niebel (FDP) hält nicht viel von der revolutionären Idee. Niebel stellte sich ausdrücklich gegen das Projekt, obwohl die Initiative Umweltschützer weltweit begeistert und sogar von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und den Friedensnobelpreisträgern Muhammad Yunus und Desmond Tutu befürwortet wird.

Immerhin aber haben sich die Regierungen Deutschlands und Ecuadors inzwischen darauf verständigt, den Schutz des Yasuní-Nationalparks im Rahmen der herkömmlichen bilateralen Entwicklungszusammenarbeit zu unterstützen. 34,5 Millionen Euro sollen dafür in den kommenden drei Jahren nach Ecuador fließen. Die konkrete Ausgestaltung werde in Regierungsverhandlungen mit Ecuador erfolgen, teilte Sebastian Lesch, Sprecher des Bundesminsteriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), klimaretter.info mit.


Die Fauna im Amazonasgebiet birgt noch viele Schätze. Kürzlich wurde ein Pilz entdeckt, der Kunststoff zersetzen kann. (Foto: Botschaft Ecuador)

Nachdem die Initiative Ende 2011 schon fast vor dem Scheitern stand, stehen nach Bakis Angaben nunmehr 200 Millionen Dollar (rund 155 Millionen Euro) zur Verfügung. Doch 200 Millionen Dollar seit 2007 – das reicht noch nicht einmal, um für das erste Jahr den Verzicht auf die Ölförderung zu kompensieren. Präsident Correa hat derweil die nächste Sammeletappe verkündet: 750 Millionen Dollar (rund 580 Millionen Euro) bis Ende 2013. Die Frage, ob es eine "Deadline" gebe, verneint Baki. Wenn die angesteuerte Summe nicht zusammenkomme, werde es Ende des Jahres eine Revision der Yasuní-ITT-Initiative geben. 

Ecuador setzt nun verstärkt auf die Zivilgesellschaft

Das bislang gesammelte Geld sei vor allem durch Spenden der Zivilbevölkerung und von Nichtregierungsorganisationen zusammengekommen, etwa aus Australien, Georgien, der Türkei, dem Libanon und den Golfstaaten. Auch ein anonymer Spender aus Großbritannien hat laut Baki 50.000 Pfund (rund 63.000 Euro) beigesteuert. Die Strategie, verstärkt auf die globale "Zivilgesellschaft" zu setzen, zahlt sich in Zeiten knapper öffentlicher Kassen anscheinend aus. So setzt auch die im vergangenen Jahr angelaufene Kampagne "I am Yasuni" ihren Schwerpunkt auf die Bewusstseinsbildung in der Zivilgesellschaft. Die Botschaft: Wir alle sind Yasuní – die Erhaltung des Nationalparks geht jeden an. Tatsächlich, sagt Baki, geht es um weit mehr als den Schutz eines Gebietes mit mehreren isoliert lebenden indigenen Stämmen und vielen noch unerforschten Pflanzen und Tieren. Es geht um den Schutz des Klimas und des Artenreichtums unserer Welt. Erst im Januar wurde im Yasuní-Nationalpark ein Pilz entdeckt, der offenbar Kunststoff zersetzen kann.

Unklar bleibt, welche Summen nun tatsächlich in den Fonds geflossen sind beziehungsweise fließen werden. Im vergangenen Jahr sorgte die Aussage Bakis für Irritation, es seien bereits 100 Millionen Dollar eingegangen und das Jahresziel sei erreicht. Aber der Stand des öffentlich einsehbaren Treuhandkontos zeigte im Dezember 2011 nur 2,45 Millionen US-Dollar an. Auch der aktuelle Kontostand liegt weit unter der Summe, die Yasuní-Botschafterin Baki verkündet. Statt 200 Millionen sind dort nur 3,49 Millionen Dollar hinterlegt.

Zu dieser Summe kämen noch 50 Millionen US-Dollar dazu, die durch eine Umschuldungsvereinbarung mit Italien eingezahlt werde, sagt die ecuadorianische Botschaft auf Nachfrage von klimaretter.info. Am vergangenen Dienstag haben beide Länder ein Abkommen unterzeichnet. Rom erlässt Ecuador 35 Millionen Euro (rund 45 Millionen US-Dollar) Schulden. Dieses Geld soll nun in den Yasuní-Fonds fließen. Zudem stehe noch mehr als eine Million Dollar von Wallonien aus, das bislang erst 20 Prozent der angekündigten Unterstützung eingezahlt habe. Doch aus diesen Summen werden selbst mit viel Fantasie keine 200 Millionen. Dennoch beteuert Baki auf Nachfragen, es seien 200 Millionen Dollar. Wahrscheinlich spricht sie von Zusicherungen, die nur sie kennt, denn der Fonds unterscheidet "Commitments" (Zusagen) und "Deposit" (Einzahlungen). Doch werden auch hier keine 200 Millionen aufgeführt.

Derzeit werden laut Baki Verhandlungen mit Frankreich, Indonesien, der Türkei, Libanon, Katar und Luxemburg geführt. Und ein weiterer Erfolg sei greifbar nah, denn Süd-Korea spiele mit dem Gedanken, als erstes asiatisches Land in den Fonds einzuzahlen. Dafür wählte Baki einen günstigen Zeitpunkt. Im südkoreanischen Jeju fand vom 6. bis 15. September das diejährige Treffen der Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) statt. Diese Plattform nutzte Baki, um auf die Verantwortung der Staatengemeinschaft für jetzige und auch kommende Generationen hinzuweisen.

Das Zögern der Staatengemeinschaft liegt nicht nur an den fantasievollen Rechenmanövern. So sind die Befürchtungen des Entwicklungsministers Niebel nicht ganz unbegründet, Yasuní-ITT könne Modell-Charakter annehmen und andere Staaten dazu ermutigen, ähnliche Forderungen zu stellen, um sich Beiträge zum internationalen Klimaschutz bezahlen zu lassen. Tatsächlich findet Ecuadors Initiative laut Ivonne Baki bereits gedankliche Nachahmer. Madagaskar und Guatemala seien sehr interessiert und hätten angefragt, wie eine solche Initiative umzusetzen sei.

Einstweilen beweist Ecuador viel Durchhaltevermögen bei der Umsetzung seiner visionären Pläne. Das Land möchte in seine Zukunft investieren, und "nicht dieselben Fehler machen wie zum Beispiel Brasilien", sagt Baki. Brasilien würde, wie andere Länder auch, den leichten Weg nehmen, seine Bodenschätze ausbeuten und nach der Zerstörung der Wälder dann Geld für die Wiederaufforstung beantragen. Ecuador hingegen wolle präventiv handeln. 


Im Gebiet des Yasuní-Nationalparks leben zwei weitgehend isolierte indigene Stämme: die Tagaeri und die Taromenane. (Foto: Botschaft von Ecuador)

Der Yasuní-Nationalpark wurde 1998 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt und ist mit seinem in weiten Teilen unbeeinflussten Zustand von globaler Bedeutung für den Biodiversitätsschutz. Auf einem Hektar Fläche gibt es hier mehr Baumarten als in ganz Nordamerika. Zudem findet sich hier, aufgrund der besonderen klimatischen Bedingungen, die größte Dichte an Amphibien-, Säugetier-, Vogel-, und Pflanzenarten im gesamtem Amazonasgebiet. Allein die Abholzung dieses Gebietes würde 800 Millionen Tonnen Kohlendioxid  freisetzen. Hinzu kämen noch 407 Millionen Tonnen Kohlendioxid, die bei der Förderung des Öls in die Atmosphäre entweichen. Noch dazu kämen die Emissionen, die durch eine spätere Nutzung als Weide- oder Agrarfläche entstehen.

Ecuador fördert seit 1967 Erdöl im Amazonasgebiet, ohne dabei Rücksicht auf die Natur oder indigene Völker genommen zu haben. Seit 2008 besagt jedoch die neue Verfassung, dass die Förderung nicht erneuerbarer Ressourcen in Schutzgebieten verboten ist. Die Yasuní-ITT-Initiative ist daher Teil eines radikalen politischen Umbruchs, der dem nachhaltigen Management von natürlichen Ressourcen und dem Schutz von Menschenrechten Vorrang einräumt.

In Deutschland wurden seit 2011 rund 12.000 Euro für das Yasuní-ITT-Projekt gespendet.

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