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Klimawandel bedroht Trinkwasser

Das Weltwasserforum diskutiert in Marseille eine Woche lang die nächste Krise der Menschheit: Immer mehr Individuen müssen mit einer stetig abnehmenden Trinkwassermenge auskommen. Die Unesco schätzt, dass 2050 im schlimmsten Fall sieben Milliarden an Wasserknappheit leiden werden, im günstigsten zwei Milliarden Menschen.

Von Charlotte Schumann

Weltwasserforum in Marseille: Etwa 25.000 Experten und Politiker aus mehr als 150 Ländern sind nach Angaben der Organisatoren in die südfranzösische Metropole gereist, um eine Woche lang die nächste Weltkrise zu debattieren, den Mangel an Trinkwasser. "Der Trinkwasserbedarf wächst in etwa so, wie die Erderwärmung die Verfügbarkeit von Trinkwasser bedroht", heißt es im Weltwasserbericht der Vereinten Nationen, der zum Konferenzauftakt am Montag vorgestellt wurde. Die Unesco warnt, dass Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum, Lebensstil und Verhaltensmuster die weltweiten Trinkwasser-Ressourcen gefährden.


Das Flüsschen Jeetze bei Salzwedel: Jeder Bundesbürger verbraucht – statistisch – 127 Liter Wasser am Tag. (Foto: Konstanze Staud)

Mit einem Volumen von ungefähr 1,4 Billiarden Litern plätschert Wasser als häufigste chemische Verbindung auf der Erde. Das sind 1.400.000.000.000.000 Liter. Anders ausgedrückt: 70 Prozent des Planeten sind mit Wasser bedeckt. Wenn man die Zahl des Wassers auf der Welt durch die Zahl der Menschen auf der Erde teilen würde, käme auf jeden Menschen ein Wasserwürfel, der 46 Meter lang, 46 Meter hoch und 46 Meter breit ist. Um eine Vorstellung von diesem "Bauwerk" zu geben: 97 Prozent der Kirchen in Deutschland sind kleiner.

Dumm ist für den Menschen freilich, dass 97 Prozent des Wassers versalzen sind. Und dass von den restlichen drei Prozent 70 Prozent als Eis an den Polkappen lagern. Der homo sapiens ist nämlich zu 100 Prozent auf Süßwasser angewiesen. Im Säuglingsalter besteht der Mensch bis zu drei Vierteln aus Wasser, später wird es etwas weniger. Ein Flüssigkeitsverlust von zwei Prozent des Körpergewichts führt binnen kurzer Zeit zu ernsthaften Störungen: Das Blut fließt langsamer, das Gehirn wird schlechter mit Sauerstoff versorgt, Unwohlsein und Müdigkeit sind die Folge. Die Lunge braucht Wasser um zu funktionieren, genauso die Nieren, der Magen, die Haut, die Entschlackung des Körpers mittels Harn. Anders ausgedrückt: Verdursten heißt eigentlich, dass Organe mangels Nachschub ihren Dienst verweigern.

Nach Angaben des Bundesumweltministeriums haben bereits heute fast 900 Millionen Menschen auf der Welt keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Leitung der deutschen Delegation mit Experten aus dem Bundesumweltministerium, dem Auswärtigem Amt und dem Entwicklungsministerium hat dessen Parlamentarische Staatssekretärin Gudrun Kopp. Sie erklärte: "Wir müssen die heutige Zugangskrise überwinden und drohende Wasserknappheit abwenden. Wasser- und Sanitärversorgung sind deshalb auch Schlüsselbereiche auf der Agenda der Rio plus 20 Konferenz für Nachhaltige Entwicklung im Juni."

In Deutschland rauschen 34 Liter Trinkwasser pro Kopf und Tag durch die Toilette

Im Prinzip haben wir heute noch dieselbe Menge Wasser wie zu Urzeiten. Allerdings stieg die Zahl der Nutzer: Einerseits legte die Weltbevölkerung milliardenfach zu, andererseits stieg die Wirtschaftsleistung millionenfach – und damit der Durst der Industrie. Bedeutet: Pro Kopf steht immer weniger Wasser zur Verfügung. Dummerweise haben sich die Menschen lange Zeit kaum Gedanken über die Verschmutzung von Wasser gemacht und sie machen es sich in manchen Teilen der Welt bis heute nicht. Obwohl dieselbe Menge wie zu Urzeiten zur Verfügung steht, wird das brauchbare Wasser knapper: Immer größer wird jener Teil, der durch Verschmutzung verloren geht. Schon heute sterben jährlich fünf Millionen Menschen an schmutzigem Wasser.

Zudem ist das Wasser höchst ungerecht verteilt auf der Welt. Ein US-Amerikaner verbraucht jeden Tag – statistisch gesehen – 589 Liter Trinkwasser. In Bolivien, immerhin an die reichen Gletscher-Wasserspeicher der Anden angeschlossen, stehen den Menschen "nur" 59 Liter pro Tag zur Verfügung. Was für viele Menschen immer noch eine ganz unvorstellbare Menge ist: Im westafrikanischen Sierra Leone haben die Menschen pro Kopf lediglich elf Liter Wasser zur Verfügung.


Lediglich ein Prozent des Wassers auf der Welt ist wasserförmiges Süß
wasser – hier im Shkoder-See zwischen Albanien und Montenegro. (Foto: Reimer)

Jeder Bundesbürger verbraucht – statistisch – übrigens 127 Liter am Tag. Allerdings ist davon nur ein verschwindender Bruchteil "lebenserhaltend": 46 Liter gehen fürs Duschen oder Baden drauf, 34 Liter rauschen durch die Toilette, 20 Liter sorgen für saubere Wäsche und geputztes Geschirr, neun Liter für den Garten und die Autowäsche. Nur fünf Liter nutzen wir zum Kochen und Trinken, der Rest geht fürs Zähneputzen, Blumengießen oder für andere Formen der Verschwendung drauf.

Im Jahr 2050 wird es voraussichtlich neun Milliarden Menschen auf der Erde geben. Die Unesco schätzt, dass dann im schlimmsten Fall sieben Milliarden, im günstigsten zwei Milliarden Menschen an Wasserknappheit leiden werden. Schon heute sorgt Wassermangel für schwere Konflikte. Wegen dem Zugang zu Wasser gab es Schusswechsel zwischen Israel und Syrien. Ägypten drohte Äthiopien wegen des Nilwassers mit Krieg. Der sogenannte Wasserkrieg in Bolivien forderte im Jahr 2000 etliche Tote: Die Menschen hatten sich gegen die Privatisierung der Wasserversorgung zur Wehr gesetzt. Jedes Jahr gehen weltweit mehr als eine Million Hektar Ackerland durch Versalzung verloren. Konflikte wie in Dafur sind Kriege um den Zugang zu Wasser.

Nestlé macht mit Trinkwasser weltweit 91 Milliarden Euro Umsatz

"Time for Solutions", "Es ist Zeit für Lösungen" – dieses Motto hat der Weltwasserrat dem Marseiller Treffen gegeben. Der 1996 gegründeten politischen Denkfabrik gehören auch Wasserkonzerne an, weshalb Kritiker dem Weltwasserrat vorwerfen, die Privatisierung der Wasserversorgung voranzutreiben zu wollen. Tatsächlich ist "Trinkwasser" ein Riesengeschäft: Evian-les Bains ist beispielsweise eine der reichsten Gemeinden Frankreichs. Grundlage dieses Reichtums ist allerdings nicht etwa eine Goldader. Grund dieses Reichtums ist Wasser, das sich – in Flaschen abgefüllt – jedes Jahr 1,7 Milliarden Mal verkauft. Die Marke Evian wird in 120 Länder exportiert, jeden Tag verlassen sechs Millionen abgefüllt den Ort.

Der Lebensmittelkonzern Nestlé macht mit seinen Wasser-Marken Vittel oder Perrier weltweit 91 Milliarden Euro Umsatz, der Pepsi-Konzern 32,5 Milliarden, Coca Cola 23 Milliarden. Auch Leitungswasser wurde weltweit zum Geschäft: Von Südamerika bis Asien werden die Wasserbetriebe zunehmend privatisiert. In der Regel ist das Trinkwasser aus der Leitung dort so schlecht, dass sich die Menschen Trinkwasser im Laden kaufen – sofern sie es sich leisten können.


Ohne Wasser kein Reis: Die Trinkwasserfrage ist letzlich auch die Frage nach der menschlichen Nahrung. (Foto: Reimer)

Gèrard Mestrallet, Chef des Wasserkonzerns Suez-Ondeo, sagt: "Gott hat das Wasser geliefert, aber nicht die Rohre". Ökonomisch übersetzt heißt das: Wasser ist billig. Der Bau und die Unterhaltung von Aufbereitungsanlagen, von Leitungsnetzen oder Speicher aber sind extrem teuer. Daraus ergibt sich ein finanzielles Problem der Trinkwasserversorgung: Vielen Ländern der sogenannten "Dritten Welt" fehlen die Finanzen, Konzerne scheuen ein Investment, weil sie um die Refinanzierung fürchten.

Dazu kommt ein zunehmendes Schmelzen der Gletscher: In Ländern wie Chile oder Peru sind die Hälfte der Menschen vom Gletscherfluss abhängig, ähnlich sieht es in weiten Teilen Asiens aus. 

Das letzte Weltwasserforum war 2009 in Istanbul mit einer unverbindlichen Erklärungen zur Lösung einer weltweiten Wasserkrise zu Ende gegangen. Kritiker bezeichneten diese Erklärung als "Ansammlung von Holphrasen". Diesmal hoffen zahlreiche Hilfsorganisationen auf einen aussagekräftigen Aktionsplan. Vorsichtshalber haben sie aber ein alternatives Weltwasserforum organisiert, um Druck auf das offizielle Weltwasserforum aufzubauen.

[Erklärung]  
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