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Zypern einmal zubetonieren

Die andauernde Flächenversiegelung: Täglich gehen in der Europäischen Union 275 Hektar Grün verloren, binnen der letzten zehn Jahre waren es 1.000 Quadratkilometer. Das ist nicht nur ein Problem für die Nahrungsproduktion: Böden speichern jede Menge Treibhausgase.

Von Nick Reimer

Das Problem ist akut: Jedes Jahr gehen in der Europäischen Union durch Versiegelung 1.000 Quadratkilometer Boden verloren. Im Lauf der vergangenen zehn Jahre wurde so eine Fläche in der Größe Zyperns unter Beton begraben. Das sind die Besorgnis erregenden Zahlen der EU-Kommission. Hinzu kommt das Problem der Bodenerosion, das sich durch ähnlich horrende Zahlen auszeichnet: Nach einem Bericht der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU (Joint Research Center) sind 1,3 Millionen Quadratkilometer innerhalb der EU von Bodenerosion betroffen. Das entspricht sogar einer Fläche, die zweieinhalb mal so groß ist wie Frankreich. Nicht nur lässt die Erosion des Bodens die Produktivität der landwirtschaftlichen Flächen sinken. Der Bodenabtrag trägt auch zum Verlust biologischer Vielfalt bei und heizt die Erderwärmung weiter an.


Vor allem Städte fressen wertvolle Bodenfläche. (Foto: Pincerno/Wikimedia Commons)

"Beide Berichte belegen, wie wichtig es ist, die Böden in Europa zu schützen, wenn wir die Verfügbarkeit von hochwertigen Nahrungsmitteln und sauberem Grundwasser sichern, gesunde Erholungsgebiete erhalten und die Treibhausgasemissionen verringern wollen", erklärte im Frühling der zuständige EU-Umweltkommissar Janez Potočnik. Die Berichte zeigten, dass jetzt dringend gehandelt werden müsse, um eine weitere Verschlechterung der Böden in Europa zu verhindern.

Potočnik drängt mit gutem Grund: Es geht um die Bodenrahmenrichtlinie (BRRL) der EU. Sechs Jahre ist es inzwischen her, dass die EU-Kommission einen Entwurf für die Richtlinie vorgelegt hat. Die Richtlinie soll ein älteres EU-Gesetz aus dem Jahr 2004 ersetzen und gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die europäische Nahrungsmittelerzeugung sichern, Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt mindern, einen Beitrag zum Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel leisten. Das Europäische Parlament und der Ausschuss der Regionen haben dem Entwurf 2008 zugestimmt. Seitdem aber hängt er im Europäischen Rat, dem Gremium der Staats- und Regierungschefs, fest.

Seit sechs Jahren liegen die Pläne zum Bodenschutz auf Eis

Denn als so drängend wie der EU-Kommissar scheinen einige EU-Mitglieder das Bodenproblem nicht zu empfinden. Seit Jahren blockieren sie jeglichen Beschluss: neben Frankreich, Großbritannien, Österreich und den Niederlanden auch Deutschland. Deshalb werden auch die Umweltverbände nicht müde, auf die Verabschiedung der Richtlinie zu drängen. Etwa fordert der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV) die Bundesregierung auf, endlich ihre Blockadehaltung aufzugeben. Zwar hat Deutschland sein Bundesbodenschutzgesetz aus dem Jahr 1998, das zuletzt im Winter dieses Jahres geändert wurde und relativ hohe Standards setzt. Weil aber viele EU-Staaten noch weit von einer nachhaltigen Bodenpolitik entfernt seien, sagt LNV-Vorsitzender Reiner Ehret, müsse eine grenzüberschreitende Bodenschutzrichtlinie her. "Eine europäische Bodenschutzrichtlinie kann die vorhandenen Defizite  beseitigen helfen", so Ehret. Auch Jörg Schneider vom Bundesverband Boden hält eine grenzübergreifende Bodenschutzrichtlinie für zwingend: "Länder, die bislang im Bereich Bodenschutz keine oder kaum Regelungen hatten, bekämen einen guten Rahmen und könnten sogar bisherige Wettbewerbsnachteile ausgleichen", so der Fachmann.

Deutschland aber rührt sich nicht und setzt weiter auf freiwillige Selbstverpflichtungen. "Eine solche wird keine Verbesserungen bringen", schimpft Ehret. "Die negativen Folgen überanspruchter Böden halten sich nicht an geografische Grenzen." Sprich: Die Freisetzung von Kohlendioxid schädigt das Klima für alle. Wenn Böden ihre Speicherfähigkeit für Niederschläge verlieren, führt dies zu verheerenden Hochwasserereignissen auch jenseits der Grenzen des Verursacherlandes am Unterlauf von Flüssen. Und auch die Ströme des Grundwassers, deren Qualität sich verschlechtert, machen nicht an Staatsgrenzen Halt.


Straßenbau in Ungarn (Foto: Snr. László Szalai/Wikimedia Commons)

Zwar lässt sich die EU den Bodenschutz einiges kosten: Für die Jahre 2007 bis 2013 stellte sie Mittel in Höhe von rund 3,1 Milliarden Euro für die Sanierung von Industriestandorten und kontaminierten Flächen zur Verfügung. Die meisten Mittel haben Ungarn (475 Millionen Euro), die Tschechische Republik (371 Millionen Euro) und Deutschland (332 Millionen Euro) abgerufen. Zusätzlich sollen die Forschung in diesem Bereich stärker gefördert und Leitlinien für die Versiegelung von Böden erarbeitet werden. Auch bei künftigen Umweltverträglichkeitsprüfungen soll der Boden eine größere Rolle spielen. Ohne eine einheitliche Richtlinie kratzen diese Maßnahmen jedoch nur an der Oberfläche des Problems.

Der Verlust des Bodens ist nur schwer wieder rückgängig zu machen. Ist ein Quadratkilometer einmal versiegelt, stehen die Chancen für dessen Wiederfreilegung schlecht. Verlorener Boden ist - zumindest im menschlichen Zeitmaß - endgültig verloren: Etwa 10.000 Jahre dauert es, bis ein Meter Boden entsteht.

[Erklärung]  
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