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Die "Vermaisung" der Landschaft ist ein Fluch

Jetzt haben wir sie, die Energiewende: Aus den großen Atomkraftwerken werden kleine dezentrale Windkraftwerke, Sonnenkraftwerke, Biomassekraftwerke. Hurra? Ein Windrad vor jedem Horizont? Maiswüsten für die Biomasse? Solarparks statt grünem Rasen? Halten wir kurz inne: klimaretter.info läßt die Aspekte der Energiewende diskutieren.

Teil vier unserer Debattenserie

 

Ein Gastbeitrag des Greifswalder Naturschützers und Trägers des Alternativen Nobelpreises, Professor Michael Succow

 

Ich mag keine Windräder. Sie verschmutzen den Horizont, sie erzeugen störende Rotorgeräusche, sie verursachen bei Sonne unangenehme Licht- und Schatteneffekte. Wo sie stehen und sich drehen, wird man keine Erholung finden. Mir persönlich geben die weiten Landschaften mit hohem Himmel und großem Horizont Kraft, in denen der Kirchturm noch die höchste Erhebung ist. In unserem überhitzten, lauten Mitteleuropa haben immer mehr Menschen Sehnsucht nach Ruhe, Stille, Weite. Deswegen muss es von Windkraftanlagen unbelastete Regionen geben. Wir dürfen sie nicht unserem Strom- und Energiehunger opfern.

Doch ich plädiere nicht gegen die Energiewende. Wir brauchen die erneuerbaren Energien. Das ist ja wohl inzwischen dem Letzten klar. Deswegen, keine Frage: Die Windkraftanlagen werden Teile unserer Landschaften mitbestimmen. Aber es muss nun darum gehen, sie konzentriert in Windparks anzulegen und in Gebieten, die bereits in ihrer Naturausstattung entwertet sind. Also etwa in Industriegebieten, in Regionen, die durch Straßen- und Bahntrassen zerschnitten sind.


Streitfrage Windkraftanlage: Wo können und sollen sie errichtet werden, damit sie dem Bedürfnis des Menschen nach Ruhe, Stille, Weite so wenig wie möglich im Weg stehen? (Foto: Michael Schulze von Glaßer)

Der 2010 verstorbene Ökoenergie-Pionier und SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer hat zum Beispiel vorgeschlagen, verlärmte Streifen an Autobahnen für Windkraftanlagen auszuweisen – etwa quer durch Deutschland entlang der A 7. Das wäre tolerabel. Wer auf Autobahnen durch die Lande rast, nimmt ohnehin kaum etwas von der Umgebung wahr, und in Deutschland wird ja leider immer schneller gefahren. Allerdings: Wo die Autobahn durch Landschaftsschutzgebiete führt, sollte man keine Windräder aufstellen. Ansonsten wäre es in Ordnung.

Der Staat muss Vorrangflächen ausweisen für Windkraft und die Anlagen dort konzentrieren. Zwei Prozent der Landesfläche reichen dafür aus. Es ist so möglich, deutlich mehr Windstrom zu ernten als heute – auch, weil neue Anlagen inzwischen höher sind und mehr leisten. In Gebieten, wo wie in Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Sachsen-Anhalt bereits viele Anlagen stehen, sollte dem sogenannten Repowering - dem Ersetzen alter Anlagen durch neue - der Vorzug vor der Neu-Errichtung von Anlagen gegeben werden. Und dort, wo Windräder in der Vergangenheit zu nahe an Siedlungen gebaut wurden, sollte man sich nicht scheuen, sie wieder abzubauen. Das ist immerhin ein Vorteil der Windkraftanlagen gegenüber den Atomkraftwerken. Man kann sie in einer Woche wieder beseitigen.


Je weiter weg, desto besser? Um den Strom von Offshore-Windanlagen bis dorthin zu transportieren, wo er gebraucht wird, müssen neue Stromtrassen gebaut werden, die ihrerseits Naturzerstörung mit sich bringen. (Foto: Colcon Flyer / wikipedia)

Grundsätzlich gilt: Wir müssen von der Natur retten, was noch zu retten ist. In den Bundesländern haben wir Großschutzgebiete, die bis zu 25 Prozent der Fläche ausmachen – Nationalparke, Biosphärenreservate, Naturparke. Diese Gebiete müssen von Windkraftanlagen komplett frei bleiben. Daran darf nicht gerüttelt werden. Diese Naturräume sind nicht vermehrbar, und sie werden für Menschen in der zunehmend technisierten Welt an Bedeutung gewinnen.

Die Offshore-Windkraft in Nord- und Ostsee sehe ich überwiegend positiv. Sind Offshore-Parks einmal gebaut, entstehen damit erstmals neue Ruheräume für die Fische, wo sie vor der grassierenden Überfischung geschützt sind. Dort können sie ihre Kinder groß ziehen, ohne dass irgendjemand dort Fangnetze hineinwirft. Die Sorge, dass Vögel gefährdet werden, erscheint mir unbegründet. Ornithologen berichten sogar, dass die Windparks im Meer beim Vogelzug über die Ostsee von kleinen Vögeln als Rast-Ort genutzt werden könnten, wenn Sturm oder Nebel herrschen. Dazu müssten die Windanlagen mit Rastvorrichtungen ausgerüstet sein, wo etwa die Rotkehlchen, Buchfinken und Braunellen einen Ruheplatz finden können. Das ist ein kleiner Nebeneffekt der Offshore-Parks, der mich versöhnlich stimmen könnte.

Große Offshore-Kapazitäten haben zur Folge, dass viele Kilometer Stromtrassen gebaut werden müssen, um die Elektrizität zu den Ballungszentren ins Ruhrgebiet und nach Süddeutschland zu bringen. Das bringt neue Konflikte mit dem Siedlungs- und Naturschutz. Allerdings gibt es Möglichkeiten, sie zu entschärfen. So hat Niedersachsen gesetzlich festgelegt, Stromtrassen in der Nähe von Wohngebieten und in Schutzgebieten als Erdkabel zu verlegen. Das ist zwar etwas teurer, aber durchaus tragbar.


Bei Biogasanlagen - hier der Blick auf den Vergärungsprozess, bei dem das Gas entsteht - muss man genau hinschauen, ob sie tatsächlich für die Energiewende sinnvoll sind oder nicht. (Foto: Florian Gerlach / Wikimedia Commons)

Ein Negativbeispiel ist demgegenüber die große oberirdische Stromtrasse, die in Brandenburg quer durch das Biosphären-Reservat Schorfheide-Chorin gebaut werden soll. Das muss verhindert werden. Das ist Raubbau an der Natur. Vorrang muss haben, den Ökostrom dezentral zu gewinnen, zu verbrauchen beziehungsweise zu speichern, etwa zukünftig in den Batterien von Elektroautos. Dann ist es nicht nötig, das ganze Land von Nord nach Süd mit immer mehr Stromtrassen zu durchziehen.

Meine Haltung zur Energiewende hat sich übrigens nicht erst erst durch die Atomkatastrophe von Fukushima geändert. Bis Mitte der 1990er Jahre waren meine Maßstäbe in punkto Naturschutz deutlich strikter. Ich habe dann aber erkannt, dass eine Energiewende kommen muss und dass wir bestimmte Eingriffe in die Landschaft tolerieren müssen. Inzwischen haben fast alle Menschen verstanden, dass weder die Atomkraft noch die fossilen Energien eine Zukunft haben dürfen. Die Atomkraft ist zu gefährlich, das liegt auf der Hand. Und das Verfeuern des Kohlenstoffs, den die Natur in Form von Kohle, Erdöl und Erdgas mit gutem Grund in die Erdkruste entsorgt hat, befeuert einen schnellen Klimawandel, der die menschliche Zivilisation bedroht. Ich erlebe mit Freude, dass viele Menschen im Ausland, und da gerade die jüngere Generation, die deutsche Energiewende als Vorbild sehen.

Das heißt freilich nicht, dass man alle Augen zudrücken darf, wenn nur "Energiewende" auf einem Projekt steht. Man muss schon genau hinschauen, um Fehlentwicklungen zu vermeiden, nicht nur bei der Windkraft. Bei der Biomasse-Nutzung zum Beispiel gibt es eine gravierende Fehlentwicklung – den boomenden Mais-Anbau für die Agrogas-Produktion. Diese "Vermaisung" der Landschaft im Namen der "Öko"-Energie ist ein Fluch, sie muss dringend gestoppt werden, denn sie hat mit nachhaltiger Landwirtschaft nichts zu tun. Mais fördert die Erosion, zerstört die Bodenfruchtbarkeit und den Humus, erfordert viel Pestizide Kunstdünger, zudem bietet er nur wenigen Organismen Lebensraum. Das ist subventionierte Unvernunft. 


Mais - inzwischen massenhaft für die Agrogas-Produktion angebaut - fördert die Erosion, zerstört die Bodenfruchtbarkeit und braucht überdurchschnittlich viel Pestizide und Kunstdünger. Und tritt in Konkurrenz zu Ackerflächen, die für die Lebenmittelproduktion benötigt werden. (Foto: Konstanze Staud)

Biomasse soll durchaus für Öko-Energie genutzt werden, aber anders. Am sinnvollsten ist es, agrarische Reststoffe, Gartenschnitt und Lebensmittelabfälle für die Agrogas-Gewinnung zu nutzen. Auch gut gemanagte Holzäcker sind in Ordnung, wenn sie zum Beispiel auf degradierten Böden angelegt werden, die zur Lebensmittelerzeugung nicht taugen. Es sind, anders als beim Mais, immerhin Dauerkulturen, in denen Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren entstehen und der Boden durch neu entstehenden Humus verbessert wird. 

Ein riesiges Potenzial liegt aber auch in der Revitalisierung der Niedermoore, die heute generell entwässert, trockengelegt sind. Wenn man sie wieder vernässt, also neu wachsen lässt, dann entsteht dort viel Biomasse – und zwar zweifach: unterirdisch in der Wurzelmasse, die das Treibhausgas CO2 bindet, oberirdisch in den schnell wachsenden Schildröhrichten und Erlenbruchwäldern, die ohne Schädigung des Ökosystems geerntet und genutzt werden können. Pilotprojekte für diese "Paludikultur" gibt es in der Ukraine, in Weißrussland, aber auch in China.


Durch Vernässen von trockengelegten Mooren können Kohlendioxidsenken geschaffen werden, das heißt CO2 wird im Boden gebunden. (Foto: Reimer)

Auch bei uns gibt es Regionen, wo diese Renaturierung sehr sinnvoll wäre, insbesondere in Norddeutschland. Ein Beispiel ist Niedersachsen, wo Dauer-Maisanbau ausgerechnet in Niedermooren stattfindet, die dadurch sukzessive zerstört werden. Dort wird auf den entwässerten Flächen Gülle aus den unzähligen Tierproduktionsanlagen ausgebracht. Das bewirkt einen Torfabbau von drei bis vier Zentimetern jährlich, was riesige Mengen des darin gespeicherten Kohlendioxids freisetzt. Zudem wird das Grundwasser stark belastet. Diese Art der Landwirtschaft ist nicht mehr zu akzeptieren, die nachfolgenden Generationen werden es bitter bezahlen müssen.

Bisher in unserer Debattenserie erschienen:

Georg Etscheid - Energiewende: Heimat Ade!
Hanno Böck - Wind: der schnellste Weg zur Energiewende
Franz Untersteller - Kein "Durchregieren" für die Energiewende
Prof. Michael Succow - Die "Vermaisung" der Landschaft ist ein Fluch
Claudius da Costa Gomez - Biogas unverzichtbar für die Energiewende

ZUR PERSON

Michael Succow (70) ist einer der renommiertesten Naturschützer Deutschlands. Der Biologe und Agrarwissenschaftler, emeritierte Professor der Universität Greifswald, hat maßgeblich dafür gesorgt, dass in den neuen Bundesländern nach der Wende große Naturschutzgebiete entstanden. Der Coup gelang Succow als kurzzeitiger Vize-Umweltminister in der letzten DDR-Regierung. Auf sein Betreiben beschloss sie in der letzten Sitzung vor der Auflösung im September 1990 ein Nationalpark-Programm, mit dem sieben Prozent der Landesfläche zum Nationalpark oder Biosphärenreservat deklariert wurde.

Nach der Wende wurde Succow Direktor des Botanischen Instituts der Uni Greifswald, wo er den Studiengang "Landschaftsökologie und Naturschutz" aufbaute. Succow initiierte viele Naturschutzprojekte in Osteuropa sowie in Zentral- und Ostasien. Er ist einer der weltweit führenden Experte für Moore.

Succow ist Träger des Alternativen Nobelpreises und zahlreicher weiterer Auszeichnungen, sowie Gründer der Michael Succow-Stiftung für Naturschutz. klimaretter.info/jw 

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