Energiewende: Heimat Ade!
Jetzt haben wir sie, die Energiewende: Aus den großen Atomkraftwerken werden kleine dezentrale Windkraftwerke, Sonnenkraftwerke, Biomassekraftwerke. Hurra? Ein Windrad vor jedem Horizont? Maiswüsten für die Biomasse? Solarparks statt grünem Rasen? Halten wir kurz inne: klimaretter.info läßt die Aspekte der Energiewende diskutieren.

Teil 1 unserer Debattenserie
von Georg Etscheit,
Kolumnist und Korrespondent von klimaretter.info
Was vor einem Jahr noch niemand für möglich hielt, ist geschafft. Deutschland steigt aus der Atomkraft aus. Unumkehrbar. Jetzt steht Deutschland die "Energiewende" bevor, ein Kraftakt von historischer Dimension. Denn das Abschalten der Atomreaktoren ist ja nur der erste Schritt. Danach gilt es, wenn der Klimaschutz ernst genommen werden soll, auch der fossilen Stromerzeugung ein Ende zu setzen. Deutschland, so jubeln die Verfechter eines "Green New Deal" wird erneuerbar. Und alles wird gut!
Wirklich? Was die "grüne" Energiewende konkret bedeutet, kann man schon vielerorts studieren. Vor allem in Nord- und Ostdeutschland, aber auch im vermeintlich heilen Touristenland Bayern, hat der Bioenergieboom ganze Landstriche in monotone Maiswüsten verwandelt. Wertvolle Ackerflächen sind mit Solarkollektoren zugepflastert worden. Und darüber drehen sich die Symbole der Energiewende, Tausende und Abertausende von Windrädern, die neuesten höher als der Kölner Dom. Innerhalb von nur einem Jahrzehnt haben ganze Landstriche ihr Gesicht verloren. Aus uralten, gewachsenen Kulturlandschaften wurden "Energieregionen".

Ist das schön? Wind-Spargel in Spanien. (Foto: Paul Langrock)
Windräder haben mit Mühlenromantik nichts zu tun, auch wenn die "grüne" Energiebranche den Bürgern weiszumachen versucht, dass die schöne neue Welt der Erneuerbaren auch optisch und emotional ein Gewinn sei. Wie einst die Atomindustrie spricht sie schönfärberisch von "Wind-" und "Solarparks" und heimst dabei noch den Beifall von Grünen und Naturschutzverbänden ein. Dabei handelt es sich bei Windkraftwerken, bei Biogas- und Fotovoltaik-Freiflächenanlagen und natürlich auch bei Wasserkraftwerken um großtechnische Bauten, die das Landschaftsbild genauso beeinträchtigen wie die tristen Gewerbegebiete, die monströsen Logistikzentren und schrecklichen Neubausiedlungen aus dem Fertighauskatalog, mit denen das Land mittlerweile fast flächendeckend überzogen ist. Ganz abgesehen von immer und immer neuen Straßen, Brücken, Hochspannungsleitungen…
Die Zersiedlung Deutschlands - allein in Bayern wird jedes Jahr eine Fläche der Größe Augsburgs zugepflastert - schreitet ungebremst voran. Und die Energiewende hat dieser Entwicklung einen neuen Schub verliehen. Doch es soll ja erst richtig losgehen. Jetzt kommen auch noch die letzten einigermaßen unzersiedelten, unzerschnittenen, "freien Landschaften" an die Reihe. Denn jetzt wollen auch Bayern und Baden-Württemberg Gas geben beim Ausbau der Windkraft. Und weil der Wind in den Höhenlagen der bislang noch ziemlich unberührten süddeutschen Mittelgebirge besonders kräftig weht, sind sie das primäre Ziel neuer Begehrlichkeiten der Windkraftindustrie.Der Landschaftsschutz, ohnehin ein schwaches Instrument, kommt dabei unter die Räder. Wenn selbst Grüne und Umweltverbände fordern, Landschaftsschutzgebiete nicht generell von der Ausweisung neuer Vorrangebiete für die Nutzung der Windenergie auszunehmen, ist dies ein denkbar schlechtes Zeichen. Wer kann denn in Zukunft unter Verweis auf landschaftsästhetische Gesichtspunkte noch gegen die Ansiedlung eines neuen Baumarktes oder Freizeitparks auf der "grünen Wiese" oder gegen eine neue Straße glaubwürdig zu Felde ziehen?

Noch massig Platz für Windräder in Bayern: Hier am Königssee, im Hintergrund der Watzmann. (Foto: Kiko2000/wikipedia)
Die "Schönheit" einer Landschaft, so heißt es immer wieder, sei kein feststehender Begriff. Landschaftsbilder hätten sich schon immer gewandelt. Und jetzt sei eben, im Zeichen der Erneuerbaren, wieder ein solcher Wandlungsprozess in Gang, den man hinnehmen müsse. Diese Argumentation verkennt, dass es sich beim Ausbau der erneuerbaren Energien nicht um einen Prozess organischen Wachstums im Einklang mit regionalen Eigenarten und Traditionen handelt, sondern um eine Revolution. Auch wenn Windrädern für sich genommen eine gewisse Eleganz nicht abgesprochen werden kann, sind sie industrielle Massenprodukte, die überall in der Welt gleich aussehen. Sie tragen massiv dazu bei, Landschaften ihren je typischen Charakter zu rauben und verstärken den Trend zur Uniformierung von Städten, Dörfern und Landschaften im Zeichen der Globalisierung.
Keine Windkraft im Allgäu und im Chiemgau!
Den Ausbau der Erneuerbaren, insbesondere der Onshore-Windkraft so sensibel wie möglich zu gestalten und dabei die in Nord- und Ostdeutschland gemachten Fehler eines oft wilden, rein marktgetriebenen Ausbaus im Süden nicht zu wiederholen, ist die Herausforderung der kommenden Jahre. Landschaftliche "Ikonen" wie das Allgäu, der Chiemgau, die Fränkische Schweiz oder der Hochschwarzwald sollten insbesondere von Windkraftwerken unbedingt frei gehalten und neue Windräder vor allem in bereits "vorgeschädigten", bereits industriell überformten Landstrichen errichtet werden. Möglich wäre es auch, vorhandene Verkehrsachsen, Verkehrsinseln und Industriebrachen verstärkt für den Ausbau der Erneuerbaren zu nutzen.
Eine von manchen grünen Hardlinern geforderte rein dezentrale Energieerzeugung nach dem Motto "Jedem Dorf sein Windrad" wäre der Tod deutscher Landschaften wie wir sie kennen. Deswegen wird um großindustriell erzeugte Offshore-Windkraft kein Weg herumführen. Und auch der Import eine gewissen Anteils von "Wüstenstrom", wie er im Rahmen des Desertec-Projektes derzeit angedacht wird, sollte kein Tabu sein, zumal dann, wenn der größte Teil der Wertschöpfung in den Erzeugerländern bleibt und mit hilft, diese aus der Armutsfalle zu befreien. Die nötigen Stromnetze sollten, mit Ausnahme einiger weniger "Stromautobahnen", unter die Erde verlegt werden, wie es Dänemark schon vormacht.

Offshore statt Verspargelung der deutschen Landschaft? (Foto: J. Treblin)
An allererster Stelle stehen müssen allerdings Stromsparen und Energieeffizienz. Warum gibt es noch nicht längst eine deutschlandweite Energiesparkampagne etwa mit Großplakaten nach dem Beispiel der Aids-Aufklärung? Warum keine Abwrackprämie für betagte Elektro-Hausgeräte? Warum keine Anreize für die Industrie, veraltete Elektromotoren und Pumpen gegen weniger energieintensive Modelle auszutauschen? Warum kein Verbot von Standby-Schaltungen? Ohne ein generelles "Weniger" wird es nicht gehen, vor allem dann nicht, wenn man ernsthaft die Elektrifizierung des Straßenverkehrs anstrebt. Der Stromverbrauch würde sich damit fast verdoppeln. Wer denkt, diese gewaltigen Energiemengen - die Umstellung des Luftverkehrs auf Biokerosin ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt - könnten alle aus unbedenklichen, "grünen" Quellen stammen, ist ein Illusionist. Zumindest wären die Kollateralschäden einer solchen Art der Energieerzeugung durchaus mit denen der Atom- oder Kohlekraft vergleichbar.
Am Ende stellt sich natürlich wieder die Wachstumsfrage. Ewiges Wachstum und Energiesparen, auch im Sinne eines Verzicht auf bestimmte energieintensive Dienstleistungen, gehen nicht zusammen. Und die Erfolge von reinen Effizienzmaßnahmen werden regelmäßig durch Reboundeffekte ausgeglichen oder sogar überkompensiert. Ein "Green New Deal", mit seinem Herzstück der Energiewende, darf nicht ein verkapptes Wachstumsprogramm alten Musters sein. Erst wenn alle Möglichkeiten einer dauerhaften Reduktion des Energieverbrauchs ermittelt und auf den Weg gebracht sind, sollte man sich überlegen, welche Kapazitäten in Sachen "grüner" Energie überhaupt benötigt werden. In diesem Fall dürfte es auch engagierten Landschaftsschützern leichter fallen, weitere, unvermeidliche Beeinträchtigungen in Kauf zu nehmen.
Bisher in unserer Debattenserie erschienen:
Georg Etscheid - Energiewende: Heimat Ade!
Hanno Böck - Wind: der schnellste Weg zur Energiewende
Franz Untersteller - Kein "Durchregieren" für die Energiewende
Prof. Michael Succow - Die "Vermaisung" der Landschaft ist ein Fluch
Claudius da Costa Gomez - Biogas unverzichtbar für die Energiewende
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Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
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Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
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Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
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Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
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Von Michael Succow
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