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Zahrnt: "Ohne Sparsamkeit geht es nicht"

 

Von Prof. Angelika Zahrnt,
Ehrenvorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschlan (BUND), Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) und Fellow am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)

Die Befürworter der Energiewende in Deutschland sind guter Dinge. Und dies nicht allein, weil der Atomausstieg Wirklichkeit werden dürfte, sondern auch weil der Ausbau der erneuerbaren Energien eine Erfolgsgeschichte ist. Dieser wird von breiten Kreisen der Gesellschaft getragen: von Gemeinden und Städten, die möglichst energieautark werden wollen, über Handwerksbetriebe, die neue Tätigkeitsgebiete finden, bis hin zu international tätigen Unternehmen, die mit Energietechnologien "Made in Germany" höchst erfolgreich sind.


(Foto: Reimer)

Ein Blick auf die Anteile erneuerbarer Energien in Deutschland offenbart in der Tat beachtliche Wachstumsraten; die für 2012 erwartete Netzparität für Haushalte (gleiche Kosten für Photovoltaikstrom vom eigenen Hausdach wie für Einkauf vom Netzbetreiber) bestätigt die Erwartung, dass forcierte Anstrengungen die Kosten Erneuerbarer Energien enorm drücken können. Über Schattenseiten der Energiewende wie die Verwendung von inzwischen 14 Prozent der deutschen Ackerflächen für Energiepflanzen wird allerdings geflissentlich hinweggesehen.

Erfolgreiche Umwelttechnologien, insbesondere für die Gewinnung erneuerbarer Energien, nähren eine neue grüne Wachstumseuphorie. Dieses grüne Wachstum soll aus der aktuellen, "normalen" Wachstumsschwäche bzw. Finanz- und Wirtschaftskrise helfen. So betitelte das Bundesumweltministerium die Novemberausgabe 2010 seines Magazins mit "Wachstumsmotor Umwelt und Energie" und singt darin mit Bildern von High-Tech-Produkten eine Lobeshymne auf Green-Tech.

Diese Loblied passt zu den etwas nüchterneren Forderungen internationaler Organisationen wie der OECD, EU, UNEP nach einer neuen Art von Wachstum, das nun grün werden soll, selektiv, smart, ausgeglichen, dauerhaft, inklusiv und gerecht.

Reicht Green Tech aus?

Es stellt sich die Frage, ob eine erfolgreiche Energiewende und Green Tech ausreichen, um die Klima- und Umweltziele zu erreichen. Diese sind in Europa bis 2050: Senkung der Kohlendioxid-Emissionen um 80-95 Prozent und der Ressourcenentnahme um 80-90 Prozent. Hinzu kommen weitere Nachhaltigkeitsziele wie Stop des Biodiversitätsverlustes und des Flächenverbrauchs.

Prof. Bernd Meyer (Universität Osnabrück) errechnete, dass die obigen Senkungsziele der Kohlendioxid-Emissionen und der Ressourcenentnahme in Deutschland eine jährliche Zunahme der Ressourcenproduktivität von bisher 1,5 Prozent auf vier Prozent bis ins Jahr 2050 erfordern (bei einer Annahme des jährlichen Wirtschaftswachstums von einem Prozent). Eine solche Zunahme setzt eine deutliche Erhöhung der relativen Preise von Energie und Ressourcen voraus. Hier ist die Politik gefordert: Sie muss mit Instrumenten wie Steuern, Abgaben, Subventionskürzungen und Zertifikaten den Preis heben. Das weiß sie seit über 20 Jahren, tut aber kaum etwas.


Auch Wachstum: Brot als Abfall im Film "We feed the World". (Foto: We feed the World)

Weshalb? Die bisherige Zögerlichkeit der Politik in punkto umweltpolitischer und –ökonomischer Instrumente erklärt sich wesentlich durch deren potenziell wachstumsdämpfende Wirkungen: Höhere Energie- und Ressourcenpreise lassen befürchten, dass zentrale wachstumsabhängige und –treibende Bereiche, Sektoren und Institutionen unserer Gesellschaft in Strukturkrisen schlittern.

Und so stürzt man sich derzeit vor allem auf jene Aspekte der Klima- und Energiewende, die das wirtschaftliche Wachstum ankurbeln – seien es die Förderung von Green Tech fürs Auto, Erneuerbare Energien oder den Stromnetzausbau. Dies erfolgt auch im Hinblick darauf, die Exportwirtschaft zu unterstützen und so im Umweltbereich Exportweltmeister zu bleiben.

Energie- und Ressourceneinsparung hingegen erhält wenig Aufmerksamkeit in der Diskussion und bei den Maßnahmen zur Klima- und Energiewende. Dies lässt sich mehrfach erklären: Ohne Preiserhöhung ist kaum eine Einsparung zu erwarten, Reboundeffekte fressen Effizienzgewinne auf. Preiserhöhungen aber sind unpopulär – und dämpfen potenziell das Wachstum.


Sollen wir Landschaften mit Wind- und Solaranlagen vollstellen oder mehr Energie sparen? (Foto: First Solar)

Weiter: Sparen ist nicht High Tech, sondern banal und alltäglich und verlangt meist Verhaltensänderungen. Und damit wären wir beim Konsum: Energie- und Ressourceneinsparung sind nur realisierbar, wenn sich Konsum- und Verhaltensmuster ändern und Strukturen entstehen, die dies ermöglichen. Beispielsweise braucht es für Energie- und Ressourcensparen wieder reparaturfähige Produkte und Reparaturwerkstätten, neue Konzepte für ein verändertes Mobilitätsverhalten und Unternehmen, die nicht weiter Verschleiß in ihre Produkte einbauen. Doch dies trifft das Herz der modernen Konsumgesellschaft, die, wie der ARTE-Film "Kaufen für die Müllhalde" zeigt, ihren Glanz, ihre Innovativität, ihre Schnelligkeit und die Arbeitsplätze vieler Menschen dem kurzen Verfallsdatum ihrer Produkte verdankt. Das Credo dieser Konsumgesellschaft ist Wachstum; Energie- und Ressourceneinsparung bremst es aus.

Maßnahmen zugunsten der Klima- und Energiewende schieben vorübergehend das Wachstum an. Doch darf die Wende nicht als Wachstumsprogramm instrumentalisiert werden – sie kann es langfristig ohnehin nicht sein. Maßnahmen dürfen nicht nach ihrer Wachstumsförderung beurteilt werden, sondern nach ihrer Wirksamkeit für die Klima- und Energiewende.

Führen wir uns die notwendigen Produktivitätsziele von vier Prozent bis 2050 und das bisherige umweltpolitische Zögern aufgrund der Wachstumseffekte vor Augen, so wird klar, dass wir die Wende nur erreichen, wenn wir uns parallel vom Paradigma des ständigen gesamtwirtschaftlichen Wirtschaftswachstums verabschieden und uns auf den Weg in eine Postwachstumsgesellschaft machen.

 2010 gab Angelika Zahrnt gemeinsam mit Irmi Seidl das Buch "Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft" heraus.(Metropolis-Verlag, 2010)

Zudem betreiben die beiden Herausgeberinnen den Blog "Postwachstumsgesellschaft".

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Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
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