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Ein neues Klimaziel? 750 Gigatonnen!

Kaum hat sich die Welt in Kopenhagen quasi auf ein Klimaziel verständigt, nämlich die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad zu beschränken, werden Diskussionen losgetreten, das Ziel nach oben hin aufzuweichen. Doch neue Zieldebatten kosten wertvolle Zeit – sie sollte hingegen genutzt werden, um die dringlichste Frage zu beantworten: Wie kann die Weltgemeinschaft es schaffen, den Trend global steigender Emissionen bis zum Jahr 2015 umzudrehen?

Teil 9 der Zwei-Grad-Debatte auf klimaretter.info

Von Andreas Grabolle
Beratungsgesellschaft C02Online

"750 Gt" – das klingt sportlich. Doch dies ist nicht die Typenbezeichnung eines neuen Sportwagens, sondern das Kürzel für 750 Gigatonnen. Diese Menge an Kohlendioxid, also 750 Milliarden Tonnen, dürfen bis zum Jahr 2050 noch in die Atmosphäre gelangen, um das Zwei-Grad-Ziel bei der globalen Erwärmung wenigstens mit einer Zweidrittel-Wahrscheinlichkeit noch erreichen zu können.

Die Begrenzung des weltweiten Temperaturanstiegs auf höchstens zwei Grad Celsius ist äußerst ratsam, weil oberhalb dieses Limits die Folgen des menschengemachten Klimawandels als nicht mehr beherrschbar angesehen werden. Angesichts der drastischen Konsequenzen einer Zielverfehlung erscheint der Anspruch, das Ziel mit einer Zweidrittel-Wahrscheinlichkeit zu erreichen, sogar noch zu bescheiden. Doch leider ist das, was ratsam ist, längst nicht politisch durchsetzbar.

Der Wunsch insbesondere vieler Inselstaaten, die Erwärmung der globalen Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad seit Beginn der Industrialisierung zu begrenzen, dürfte – das muss man inzwischen realistisch zugeben – kaum mehr erreichbar sein. Selbst das Zwei-Grad-Ziel wird bisweilen als nicht erreichbar angesehen, und es wird über Alternativen nachgedacht. Doch die Zielmarke ist ein wichtiger, weil international anerkannter, wissenschaftlicher und politischer Kompromiss, die sich schon in vielen Köpfen festgesetzt hat. Statt diese Grenze gleich wieder in Frage zu stellen, ist es wichtiger, zunächst über die Wege dorthin zu verhandeln. Wie beim Planen eines Finanzhaushaltes wäre der nächste logische Schritt, das zur Verfügung stehende Budget festzulegen und zu verteilen.

Die USA wären in sechs Jahren pleite, Deutschland in zehn

Der Ansatz eines weltweiten CO2-Budgets von 750 Gigatonnen stammt vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). 750 Gt klingt nach viel – doch angesichts eines jährlichen Ausstoßes von derzeit etwa 30 Gigatonnen CO2 weltweit, wäre das "verfügbare" globale Budget schon in 25 Jahren am Ende.

Der WBGU hat vorgeschlagen, das globale Budget zu gleichen Teilen auf jeden einzelnen Erdenbürger umzulegen – und dann nach Bevölkerungszahl auf die einzelnen Länder. Dies würde den Gedanken einer globalen "Kohlenstoffgerechtigkeit" verwirklichen, und aus den nationalen Emissionsbudgets ließen sich klare Reduktionsverpflichtungen für jedes einzelne Land ableiten.

Bei diesen nationalen Budgets werden die gewaltigen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern deutlich: So hätten die USA ihren Anteil an der erlaubten 40-Jahres-Menge bereits nach sechs Jahren aufgebraucht, Russland, Deutschland und Japan nach neun, zehn beziehungsweise elf Jahren, China nach 24, Mexiko nach 26 Jahren. Die Malediven hingegen würden mit ihren momentanen Treibhausgas-Emissionen 61 Jahre brauchen, um ihr nationales Budget auszuschöpfen und Indien sogar 88 Jahre. Burkina Faso könnte mit seinem Budget sogar rund 2.900 Jahre weitermachen wie bisher.

Was würde der Budgetansatz bezogen auf den Einzelnen bedeuten? Verteilte man das globale Budget pro Kopf, stünde jedem Menschen für die nächsten 40 Jahre ein Budget von etwa 110 Tonnen CO2 zur Verfügung. Jeder könnte demnach bis 2050 pro Jahr im Schnitt knapp drei Tonnen emittieren. Danach wäre wegen der weiter wachsenden Weltbevölkerung nur noch eine Tonne pro Kopf und Jahr vertretbar. Der aktuelle Durchschnitt der deutschen CO2-Emissionen liegt bei elf Tonnen pro Kopf und Jahr.

750 Gt ist praktischer als die berühmten "Zwei Grad"

Die enormen Unterschiede der nationalen Budgets eröffnen die Möglichkeit und zeigen gleichzeitig die Notwendigkeit eines weltweiten Emissionshandels zwischen den Ländern. Erhielten die Emissionsrechte aller Menschen einen Geldwert, würden arme Staaten die Rechte ihrer Bürger verkaufen und das Geld für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum verwenden können. Auch Schwellenländer dürften ihre Emissionen zum Teil zunächst weiter steigern, wären aber zu Emissionsminderungen motiviert, um übrigbleibende Rechte zu versilbern. Reiche Staaten mit einem derzeit hohen CO2-Ausstoß könnten die notwendigen Rechte kaufen, um die Reduktionsziele volkswirtschaftlich komfortabel zu erreichen.

Ein wesentlicher Vorteil des WBGU-Vorschlags ist, dass dafür nur wenige klimapolitische Parameter verhandelt werden müssten. Dazu gehört das Jahr, für das die Bevölkerungsgröße jedes Landes festgelegt wird, zudem der Zeitraum für ein globales Budget mit einem Anfangs- und Endjahr sowie die Wahrscheinlichkeit, mit der das Zwei-Grad-Ziel eingehalten werden soll. Hier ist ein nicht unerheblicher Spielraum möglich, der allerdings für einige Verhandlungspartner den Anreiz erhöhen kann, überhaupt darüber zu verhandeln.

Das globale Klimabudget würde das Zwei-Grad-Ziel nicht ersetzen, denn das Budget berechnet sich aus ebendiesem Ziel. Mit dessen Umsetzung jedoch in nationale Emissionsmengen würden die Verantwortlichkeiten transparent und erforderliche Maßnahmen der Bevölkerung besser zu vermitteln. In jedem Falle ist ein Klimaziel von 750 Gt plastischer und einleuchtender als die berühmten „Zwei Grad“. Konkrete Mengen von Kohlendioxid lassen sich einfacher nachvollziehen als deren wahrscheinliche Wirkungen auf das komplizierte Klimasystem der Erde. Damit wäre dann aber auch die Herausforderung klarer, vor denen (vor allem) die westlichen Industriegesellschaften stehen. Denn ein Ziel von 750 Gt, das zeigt der Blick auf die gegenwärtigen Emissionen, ist durchaus sportlich.

Andreas Grabolle ist Wissenschaftsjournalist und arbeitet unter anderem für die gemeinnützige Beratungsgesellschaft co2online in Berlin.

 

 

Bisher erschienen in der Zwei-Grad-Debatte bei Klimaretter.info:

Oliver Geden - Tschüss, Zwei-Grad-Ziel!
Hermann E. Ott - "Zwei Grad" für Oma Herta
Eicke Weber - Emissionen senken? Ist das öde!
Marcel Hänggi - Mehr Erneuerbare? Nutzt allein nichts!
Inge Paulini - Die Zwei-Grad-Grenze muss bleiben!
Diana Vogtel - Nicht neue Ziele, neue Bilder braucht die Klimapolitik
Camilla Bausch, Malte Meinshausen - Keinen Druck vom Kessel nehmen!
Thomas Seltmann - Vergesst das Klima!

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Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
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Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
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