Verzerrte CCS-Debatte in Norwegen

Von Marie Lindberg,
Referentin für CCS bei der norwegischen Umweltorganisation zero
Norwegen ist weltweit als Vorreiterland für die Klimaschutzmaßnahme CCS bekannt. Seit 1996 wird Kohlendioxid bei der Herstellung von Erdgas abgeschieden und in der Nordsee gespeichert. Seit 2008 wird das Gleiche in Nord-Norwegen beim Snøhvit-Projekt gemacht. Weitere CCS-Projekte in Norwegen sind die Anlagen auf Kårstø und Mongstad, wo die Technik für die Reinigung von Gaskraftwerken eingesetzt werden soll.
Der Bau von Mongstad wurde bereits 2005 beschlossen, und hätte ursprünglich 2014 in Betrieb gehen sollen. Seitdem ist das Projekt jedoch immer wieder verschoben worden. Die Gründe hierfür sind komplex und teilweise umstritten. Ein Hauptproblem ist der Vertrag, der 2006 zwischen der norwegischen Regierung und dem Projektträger Statoil eingegangen wurden. Der Vertrag ist so gestaltet, dass dem Entwickler Statoil keine Kostenbegrenzungen für die Projektentwicklung gesetzt wurden. Statoil kann die zeitlichen Rahmen überschreiten, ohne dass es für das Unternehmen Konsequenzen hat.
Die norwegische Umweltbewegung war ursprünglich gegen die Einrichtung von Gaskraftwerken in West-Norwegen. Die Organisationen haben erst CCS gefordert, als der Bau von Gaskraftwerken politisch nicht mehr zu vermeiden war. Im Koalitionsvertrag aus dem Jahr 2005 wurde festgehalten, dass erst ein Gaskraftwerk gebaut werden sollte. Ein paar Jahre später sollte eine CCS-Anlage dazu eingerichtet werden. Dies war ein Kompromiss mit der Umweltbewegung, die CCS vom ersten Tag des Betriebs des Gaskraftwerks gefordert hatten.
Am 4. März dieses Jahres hat die Regierung die Entscheidung getroffen, den Investitionsbeschluss für Mongstad um zwei weitere Jahre zu verschieben, von 2014 auf 2016. Als Begründung dafür wird das Risiko beim Einsatz von Aminen genannt. Die Grundlage des Entschlusses ist ein Brief vom Statoil, in dem die Gesundheitsgefahren als zu hoch und ungewiss bezeichnet werden. Dies ist jedoch sehr umstritten. Selbst die norwegische staatliche Umweltagentur KLIF (Klima og Forurensingsdirektoratet) kommt zu anderen Ergebnissen. Amine werden in sogenannten Post-Combustion-Verfahren eingesetzt, um das Kohlendioxid abscheiden zu können.
Kritikern zufolge wurden die Warnungen über die Gesundheitsgefahr von Aminen von Anfang an überhört. Das ist nicht korrekt. Bei der Wahl dieser Abscheidungstechnologie wusste man natürlich, dass Amine chemische Verbindungen sind, die nicht unbegrenzt emittiert werden dürfen. Die Amine sind jedoch unterschiedliche Verbindungen, und nicht alle Amine sind gefährlich. Als krebserregend wird nur eine Art von Aminen eingestuft: Aromatische Amine. Es ist uns nicht bekannt, dass aromatische Amine in das Abscheidungsverfahren eingesetzt werden sollen. Aker Clean Carbon, einer der größten Entwickler von Abscheidungsanlagen, gibt sogar an, Methoden entwickelt zu haben, mit denen die Aminen aus dem Verfahren ganz entfernt werden können.
Im Jahr 2008 fing man an, als Teil der Projektvorbereitungen, verstärkt zu den Auswirkungen von Reaktionsprodukten von Aminen zu forschen. Amine können unter bestimmten Bedingungen degradieren und mit anderen Stoffen reagieren. Die Verbindungen, die dann entstehen, sind Nitrosamine und Nitramine. Die Begründung für die Verschiebung der Investitionsentscheidung auf Mongstad war die Gesundheitsgefahr bei diesen zwei Stoffen. Allerdings wurden in den vergangenen Jahren etliche Forschungsstudien zu den Nitrosaminen durchgeführt. Ergebnis dieser Studien ist, dass das Gesundheitsrisiko bei den Nitrosaminen deutlich geringer ist als bis dahin angenommen. Es fehlt allerdings immer noch an Wissen über die Nitramine, die von den Experten allerdings als harmloser als die Nitrosamine bezeichnet werden.
Viele Umweltorganisationen in Norwegen kritisieren die Entscheidung der Regierung stark. Die angegebene Gesundheitsgefahr ist deutlich geringer als bisher angenommen und kein Grund, das Projekt aufzuhalten. Stattdessen sollte das Projekt vorangetrieben werden und gleichzeitig weiter der Einsatz von Nitraminen geforscht werden. Solange die Welt weiterhin fossile Energieträger nutzt, werden wir auf die CCS-Technologie als Klimaschutzmaßnahme leider nicht verzichten können.
Die Umweltorganisation zero wird unter anderem von BP, Statoil, ExxonMobil, Total und Shell finanziert.
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