"China investiert massiv in ausländische Bezugsquellen"

von Hanns Günther Hilpert,
Asienexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik
In der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts ist die Weltnachfrage nach Energie und Rohstoffen unerwartet rasch und stark angestiegen. Chinas Industrialisierung, Infrastrukturaufbau und Einkommensentwicklung haben zu dieser Entwicklung nicht unerheblich beigetragen. Während die Energieintensität der chinesischen Wirtschaft über 25 Jahre lang im Zuge des Reformprozesses sank, steigt sie seit 2002 wieder an, und der Energie- und Rohstoffkonsum der Volksrepublik wächst seitdem um etwa 1,5-mal schneller als das Bruttoinlandsprodukt des Landes. Träger dieses Umschwungs ist der rasante Aufschwung von Chinas Schwerindustrie. Dank der rasch expandierenden Binnennachfrage und günstiger Investitionsbedingungen hatten die Entfaltung und Modernisierung der Schwerindustrie nach der Jahrtausendwende Fahrt aufgenommen. Es wurde massiv in den Aufbau von Fertigungskapazitäten für Stahl, Aluminium, Chemie, Glas, Zement investiert.1 Infolge von Chinas steigender Importnachfrage2 haben auch weltweit die Preise für Energie und Rohstoffe3 angezogen, wodurch sich wiederum die Terms of Trade im Welthandel zugunsten der Energie- und Rohstoffanbieterländer verschoben haben. Nicht nur China selbst, sondern auch Deutschland und Europa müssen aufgrund dieses Anstiegs der relativen Preise Einkommens- und Wohlfahrtsverluste hinnehmen.
Die Tatsache, dass Chinas Rohstoffhunger eine der zentralen Ursachen dieses weltwirtschaftlichen Strukturwandels ist, kann allein kein Anlass für Vorwürfe an Peking sein. Höchst kritisch ist indes die staatliche Ressourcenpolitik zu sehen, die die Knappheiten auf dem globalen Markt weiter zuspitzt. So lassen die weltmarktwidrig niedrigen Festpreise für Energie und Rohstoffe in Chinas Binnenwirtschaft eine Überschussnachfrage entstehen. Importsubventionen und Exportrestriktionen müssen daher dafür sorgen, dass die inländische Marktversorgung dennoch gesichert werden kann. Aus dieser Marktstrukturverzerrung entstehen auf den Märkten außerhalb Chinas Angebotslücken, die sich in Form von Preisfluktuationen und Versorgungsengpässen niederschlagen.4 Leidtragende sind die nicht-chinesischen Energie- und Rohstoffverbraucher.
Um die Versorgung der heimischen Wirtschaft mit Energie und Rohstoffen langfristig sicherzustellen, investiert China massiv in die Förderung und Erschließung ausländischer Bezugsquellen. Angesichts der zahlreichen Funktionsdefekte auf den internationalen Energie- und Rohstoffmärkten5 vertraut man in Peking nicht auf das freie Spiel der Marktkräfte.6 Es ist wohl unvermeidlich, dass die Volksrepublik als Außenseiter und Newcomer in Konflikt mit den etablierten Produzenten gerät, unabhängig davon, ob chinesische Unternehmen direkt in die Erschließung neuer Energie- und Rohstoffquellen investieren oder sich über Akquisitionen und Beteiligungen in bestehende Lagerstätten und Unternehmen einkaufen. Zwangsläufig müssen sie im Bieterprozess Konkurrenten preislich aus dem Feld schlagen, etablierte Unternehmen aufkaufen oder in politisch kritische Standorte gehen (Birma, Iran, Sudan, Zimbabwe). Oder sie verschaffen sich den Zugang über innovative Tauschhandelsstrategien wie in Afrika: Dort errichten oder modernisieren chinesische Bauunternehmen die physische Infrastruktur des Landes und erhalten im Gegenzug das Recht, die lokalen Rohstoffe auszubeuten.

Obwohl es sich um die beiden weltgrößten Treibhausgasproduzenten handelt: Beim Pro-Kopf-Ausstoss ist China den USA noch nicht ebenbürtig. (Foto: Piotr Fajfel/Oxfam)
Da die chinesische Energie- und Ressourcenwirtschaft bei ihren Auslandsaktivitäten auf die aktive finanzielle und politische Unterstützung des Staates zurückgreifen kann, sehen sich westliche Unternehmen einem unfairen Wettbewerb ausgesetzt – durchaus zu Recht. Die für die Wirtschaftspolitik aber wichtigere Frage lautet: Gefährdet Pekings Ressourcenpolitik die europäische Versorgungssicherheit? Schließt China exklusive Lieferverträge, so dass Dritte von einer ordentlichen Marktbelieferung ausgeschlossen werden? Eben dies wäre ein Verstoß gegen den Geist, wenn nicht den Buchstaben des WTO-Vertrags. Nach den bisherigen Erfahrungen zumindest scheint dies nicht der Fall zu sein. Chinesische Energieunternehmen verhalten sich meist genauso gewinnorientiert wie westliche. Das unter ihrer Regie geförderte Öl und Gas wird auf dem freien Weltmarkt an den höchsten Bieter verkauft.7 Solange die Volksrepublik auf Exklusivverträge verzichtet, lassen sich ihre Ressourceninvestitionen für die Weltmarktversorgung sogar positiv sehen. Denn erstens erschließt sie damit neue Bezugsquellen in Ländern, die westlichen Firmen verschlossen sind, und vergrößert damit das Weltangebot. Und zweitens erhalten die westlichen Akteure durch den Eintritt der chinesischen Staatsunternehmen Konkurrenz. Der weltwirtschaftliche Wettbewerb wird intensiver.8 Nicht Chinas Ressourcenpolitik in Afrika und Lateinamerika ist das ordnungspolitische Problem, sondern seine Preispolitik im chinesischen Binnenmarkt, die Importsubventionen und Exportrestriktionen.
Hanns Günther Hilpert, ist als stellvertretender Forschungsgruppenleiter der Stiftung Wissenschaft und Politik für Asien zuständig.
Anmerkungen:
1 Siehe Daniel H. Rosen/Trevor Houser, China Energy. A Guide For The Perplexed, Washington, D.C.: Center for Strategic and International Studies and Peterson Institute for International Economics, Mai 2007, S. 7–10 (17).
2 Auch die Energie- und Rohstoffnachfrage anderer Schwellenländer hat nach 2002 zugenommen. Diese Entwicklung ist aber in der Dimension mit dem überraschend starken Nachfrageschub aus China nicht vergleichbar.
3 Zuweilen wird China auch für die steigenden Preise für Nahrungsmittel verantwortlich gemacht. Tatsächlich deckt die Volksrepublik ihren Nahrungsmittelbedarf weitgehend aus eigener Produktion und ist etwa bei Schweinefleisch, Fisch, Obst und Gemüse sogar Nettoexporteur. China ist allerdings Nettoimporteur von Soja und einigen anderen Agrarrohstoffen (z.B. Baumwolle, Wolle, Gummi). Problematisch ist auch die Ausbeutung globaler Fischbestände durch China, siehe: Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), „How China Stabilized Grain Prizes during the Recent Globalfood Price Crisis“, in: Crop Prospects and Food Situation, 4 (2009) 4, S. 33–35; Zentrale Markt- und Preisberichtstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft (ZMP), China bei Nahrungsgütern meist Selbstversorger, ZMP vom 5.4.2008, <www.zmp.de/presse/pressemitteilungen/2008/2008_04-25-chinamarkt.asp> (Zugriff am 5.6.2008).
4 Beispielhaft für den Erdölsektor: Lisa Peterskovsky, Die subventionierte Preispolitik der Volksrepublik China im Erdölsektor, Ruhr-Universität Bochum, 2009
5 Für einen Überblick: Paul Collier/Anthony J. Venables, International Rules for Trade in Natural Resources, Genf: WTO, Januar 2010 (WTO Staff Working Paper ERSD-2010-06), S. 2–10; Alfred Endres/Immo Querner, Die Ökonomie natürlicher Ressourcen, Köln u.a.: W. Kohlhammer, (2. Aufl.) 2000, S. 69–100; Graham A. Davis, Trade in Mineral Resources, Genf: WTO, Januar 2010 (WTO Staff Working Paper ERSD-2010-01), S. 25–33.
6 Zur chinesischen Energie- und Rohstoffpolitik auf den internationalen Märkten siehe: Wenran Jiang, „Fuelling the Dragon: Chinas’s Rise and Its Energy and Resources Extraction in Africa“, in: The China Quarterly, 199 (2009), S. 585–609; Rosen/Houser, China Energy [wie Fn. 1], S. 28–36; James Tang, With the Grain or against the Grain? Energy Security and Chinese Foreign Policy in the Hu Jintao Era, Washington, D.C.: Brookings Institution, 2006, <www.brookings.edu/~/media/Files/rc/papers/2006/10china_tang/tang2006.pdf> (Zugriff am 16.2.2010); o.V., „A Ravenous Dragon“, The Economist 13.3.2008.
7 Siehe Rosen/Houser, China Energy [wie Fn. 1], S. 33.
8 Für eine Bestandsaufnahme: Theodore H. Moran, Is China Using Its Checkbook to Lock Up Natural Resources Around the World?, Washington, D.C.: Peterson Institute for International Economics, 13.1.2010, <www.piie.com/realtime/?p=1148> (Zugriff am 16.2.2010).
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