Zurück auf Los

Von Gerhard Scherhorn
freier wissenschaftlicher Mitarbeiter am
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
Probleme kann man nicht mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Albert Einstein hat das über die Weltwirtschaftskrise von 1929 gesagt. Es gilt auch für die Finanzkrise von 2008, für die permanente Beschäftigungskrise, für die immer bedrohlicher werdende Klimakrise, für die kommende Ressourcenkrise. Doch welche Denkweise diese Probleme verursacht, davor verschließen wir die Augen.
Lieber erlauben wir den Märkten auch weiterhin, sich vom Ganzen der Wirtschaft abzukoppeln. Der Markt bleibt in unserem Denken nur für Privatgüter zuständig. Über die Kollektiv- oder Gemeingüter wird in anderen, eigenen Sphären entschieden: in den Räumen der Öffentlichen Güter, der Kollektiven Aktionen, der Allmenden oder Common Pool Resources. Dabei übersehen wir, dass die Märkte in die Gemeingüter hineinreichen.

Die Weite des Himmels - Für Gemeingüter ist der Markt nicht zuständig. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
Das Recht der Privateigentümer, über ihre Grundstücke, Produktionsanlagen, Fahrzeuge und so weiter nach Belieben zu verfügen, hat ja die Folge, dass aus dem privaten Eigentum heraus ungezügelt auf Gemeingüter zugegriffen werden kann, also unter anderem auf Atmosphäre, Atemluft, Bodenfruchtbarkeit, Wasserreinheit, Fischreichtum, Artenvielfalt, Gesundheit und Beschäftigung. Darauf beruht schließlich das bisherige Wirtschaftswachstum, und ohne dieses Wachstum mag man sich die Zukunft der Wirtschaft lieber nicht vorstellen.
Es beruht darauf, dass Gemeingüter übernutzt werden. Die meisten sind bereits in ihrem Bestand so weit dezimiert, dass sie dringend geschont und regeneriert werden müssten. Dazu müssten wir sie so behandeln wie unsere privaten Besitztümer und Produktionsanlagen - wir müssten in ihre Erhaltung und Erneuerung beziehungsweise ihren Ersatz reinvestieren. Das ersparen wir uns bisher, was die Preise verbilligt und die Gewinne überhöht, aber die Substanz verzehrt.
Im Klartext heißt das: Mit dem Segen des Wettbewerbs- und des Gesellschaftsrechts verweigern wir Gemeingütern die Ersatzinvestitionen, die wir Privatgütern zugestehen. So schützt unsere Wirtschaftsordnung die Freiheit des Wettbewerbs auch dann, wenn der "Markterfolg" durch Ausbeutung von Gemeingütern erzielt wird, wenn die "Marktleistung" also auf der Externalisierung privater Kosten beruht. Ist das wirklich eine Freiheit, auf die wir stolz sein können?
Wäre uns nicht von Grund auf wohler, wenn wir von der Verantwortung des Marktes für die Gemeingüter ausgehen würden, nicht nur in einzelnen Umwelt-, Sozial und Verbraucherschutzvorschriften, sondern in den Grundsätzen der Wirtschaftsordnung? Wenn es zum unlauteren Wettbewerb erklärt würde, Kosten auf Gemeingüter abzuwälzen? Wenn es zu den
Pflichten der Unternehmen gezählt würde, Gemeingüter zu schonen, zu regenerieren, zu ersetzen? Wenn auch Banken, Investmentfonds, private Investoren bei der Geldanlage auf den Schutz der Gemeingüter verpflichtet würden? Das könnte die Denkweise bewusst machen und beseitigen, die heute den Keim zu den nächsten Krisen legt.
Gerhard Scherhorn ist freier wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und ehemaliger Direktor der Arbeitsgruppe "Neue Wohlstandsmodelle" sowie ehemaliger Leiter der Forschungsgruppe "Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren".
Der Text erschien erstmals in der Zeitschrift natur+kosmos.
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