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Russlands Oligarchen und der Klimaschutz

etscheid

 

Ein Kommentar von Georg Etscheit,
Kolumnist und Korrespondent von Klimaretter.info


Es ist schon bemerkenswert, wenn die Süddeutsche Zeitung, unbestritten ein Qualitätsblatt, einem Mann wie Oleg Deripaska solch ein Forum gibt. Auf Seite zwei des SZ-Wirtschaftsteils vom Donnerstag darf der russische Industrielle, der als „Vorstandsvorsitzender der EN+ Group“, einer „in Russland ansässigen Metall- und Energie-Gruppe“ und Mitglied der „WEF Low Carbon Prosperity Task Force“ vorgestellt wird, seine Vision vom Zeitalter der Erneuerbaren Energien präsentieren. Programmatischer Titel des Beitrags: „Gemeinsam gegen den Klimawandel“. 

Deripaska ist nicht Gospodin irgendwer. Der Unternehmer gehört zu Russlands Superreichen, den „Oligarchen“, der neuen russischen, nun ja, Wirtschaftselite. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war er einer der Sieger der wilden Privatisierung der sowjetischen Aluminiumindustrie. Mit rüden Methoden hart am Rande und wohl auch jenseits der Legalität riss er sich früheres Volkseigentum unter den Nagel und formte daraus den riesigen Mischkonzern Basic Element Ltd.. In der EN+ Group hat Deripaska seine Rohstoff- und Energieaktivitäten gebündelt. Immer wieder war der Multimilliardär im Visier staatlicher Ermittler, unter anderem des österreichischen Bundeskriminalamtes. Die USA verhängten wegen angeblicher Mafia-Verbindungen zeitweise ein Einreiseverbot gegen ihn.

Allerdings war Deripsaka klug genug, sich nicht mit den politischen Machthabern im neuen Russland anzulegen, wie sein Ex-Oligarchen-Kollege Michail Chodorkowskij. Deshalb muss er jetzt auch nicht im Gefängnis schmachten, sondern darf seinen Reichtum genießen, einträgliche Geschäfte machen und staatstragende Artikel in der „Süddeutschen“ schreiben.


Putin und Deripaska: Ganz plötzlich Klimaschützerr? (Foto: www.kremlin.ru)

Der russische Oligarch hatte sich 2007 auch bei dem österreichischen Baukonzern Strabag eingekauft. Gebeutelt von der Finanzkrise, musste er sich aber von seinen Beteiligungen trennen. Erst jüngst gelang es ihm, zunächst 17 Prozent seines früheren Aktienpaketes zurückzukaufen.

Deripaska scheint wieder Oberwasser zu haben. Denn er macht jetzt in Erneuerbare. Und da dürften sich die wieder belebten Beziehungen zu der vor allem in Osteuropa tätigen Strabag auszahlen. Für beide Seiten.

In der „Süddeutschen“ spricht Deripsaka der Menschheit nach den mageren Ergebnissen des Klimagipfels von Cancun Mut zu. Leider würden kurzfristige nationale Interessen immer noch vor das langfristige Wohl der Allgemeinheit gestellt, räsoniert er. Doch Rettung sei nah: Glücklicherweise zögerten führende Geschäftsleute rund um den Globus nicht, zu handeln. „Kooperationen auf regionaler Ebene, zum Beispiel zwischen Russland und China, demonstrieren einen klaren Willen, den Klimawandel zu bekämpfen.“

Vor allem China hat es ihm angetan. Das Land, so schwadroniert er, sei führend in der Carbon-capture-technology und habe „den globalen Trend erkannt, sich der Atomkraft als verlässliche , saubere und sichere Energiequelle zuzuwenden“ (womit Russland ja bekanntermaßen beste Erfahrungen gemacht hat). China habe mehr Atomkraftwerke als der Rest der Welt. „Eben diese Investitionen müssen im Mittelpunkt stehen, um unser aller Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern.“

Doch es geht Deripska nicht nur um die „verlässliche, sichere und saubere“ Atomkraft, sondern auch um Wasserkraft. Genauer gesagt die riesigen Potentiale, die die großen Ströme Sibiriens für die Energieerzeugung bergen. Eine kürzlich getroffene Vereinbarung zwischen der SibEnergo, Teil der EN+ Group, und China Yangtze Power Co, dem laut Deripaska größten börsennotierten Wasserkraftunternehmen Chinas, ein Wasserkraftprojekt in Russland zu entwickeln, zeige, „dass der Fortschritt bereits in vollem Gange ist“.

Man darf mit einiger Sicherheit annehmen, dass Deripaska - wie auch sein Freund Wladimir Putin - die Gefahren einer ungebremsten Erderwärmung für die Ökosphäre nicht allzu ernst nimmt. Ohnehin verbreiten russische Wissenschaftler und Politiker immer wieder die Ansicht, der Klimawandel werde Russland eher nutzen als schaden. Dafür sehen Deripaska, Putin & Co. die wirtschaftlichen Chancen, die sich mit der Entwicklung erneuerbarer Energien bieten, umso klarer.

Ihr Ziel ist es, Chinas unersättlichen Energiehunger mit Strom aus Sibirien zu stillen und damit Ströme an Geld zu verdienen. Dabei dürften sie auf Belange des Umweltschutzes ebenso wenig Rücksicht nehmen wie auf die lokale Bevölkerung. In Sibirien dürfte sich wiederholen, was in vielen Teilen der Welt im Namen des Klimaschutzes passiert. Überall nämlich, in Brasilien, China, der Türkei und bald auch in den noch relativ unberührten Weiten Sibiriens, wachsen gigantische Staudämme aus dem Boden, werden riesige Wildnisflächen geflutet. Dass dabei zumindest in den ersten Jahrzehnten große Mengen an Treibhausgasen frei werden, die die Klimabilanz der vermeintlich saubere Wasserkraft verhageln, scheint den Verantwortlichen kein Kopfzerbrechen zu bereiten.

Es ist überall das gleiche Muster. Die Konzernchefs sehen das Problem der Erderwärmung gelassen oder unterstützen sogar die Leugner des Klimawandels. Auf der anderen Seite nutzen sie alle Chancen, die die Erneuerbaren Energien bieten, zunächst natürlich zusätzlich zu den fossilen Quellen, die weiter nach Kräften ausgeschöpft werden. Sie wollen um jeden Preis ihre Macht ins postfossile Zeitalter hinüberretten, wollen alte durch neue Monopole oder Oligopole ersetzen. Dabei sind den Konzernchefs willfährige Politiker gerne zu Diensten, auch in Deutschland. Hermann Scheers Vision einer selbstbestimmten Energieerzeugung in Bürgerhand bleibt dabei auf der Strecke.

 

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