Das Klima hätte Romney gewählt!

Von Michael Schwarz, Biologe und Experte für Global Change Management
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein Albtraum für Klimaschützer. Das Land hat die dritthöchsten CO2-Emissionen pro Kopf, international agiert es als Blockierer von Klimaabkommen. Tonnenschwere Allradfahrzeuge, fleischlastige Ernährung und Konsumwahn gelten als "way of life". Und keine Besserung in Sicht, im Gegenteil. Die Klimadebatte in den USA ist festgefahren in ideologischer Erstarrung und Ignoranz. Klimaschutz gilt weitläufig als kommunistische Verschwörung und als Vernichter von Arbeitsplätzen.
Mit Romney wäre alles nur noch schlimmer geworden, so die Meinung unter Klimaschützern. Kurzfristig ja – langfristig nein, behaupte ich. Man mag mich für diese Gedanken für verrückt erklären, aber die bittere Wahrheit ist doch die folgende:
Klar, Romney hätte die Blockade der Klimaverhandlungen verschärft, er hätte die amerikanische Umweltbehörde EPA abgeschafft, die Pipeline zur Ausbeutung kanadischer Ölsande genehmigt, die Entstehung grüner Industrien zugunsten der Öl- und Kohlelobby unterdrückt und vieles mehr. Kurz, das Thema nationale und internationale Klimapolitik wäre für mindestens vier weitere Jahre auf Eis gelegt worden und die Emissionen der USA wie global wären weiter ungebremst angestiegen.
Aber was war und ist an Obamas Klimaschutzpolitik wirklich besser? Auch Obama steht für die Verschwendungssucht und den Ölhunger des "American Way of Life". Auch er ist letztendlich ein Produkt der Wallstreet. Auch er hat den Klimaschutz klammheimlich beerdigt. Er schürt lediglich die Hoffnung auf eine schleichende "grüne" industrielle Revolution und tendenziell größere Kompromissbereitschaft zugunsten eines internationalen Klimaabkommens.
Dennoch oder gerade deswegen – das Siechtum internationaler Klimapolitik wird einfach weitergehen. Der Unterschied zwischen den beiden Kandidaten: Obama ist Pflegestufe 3, Romney ist Palliativstation.
Dabei braucht es eine Politik ganz anderer Dimension, um die kommende Megakrise eines sich selbst beschleunigenden Klimawandels noch irgendwie im Zaum zu halten. Dringend nötig wäre eine rasche Dekarbonisierung der Wirtschaft, die Abkehr vom neoliberalen Wachstumszwang, die Aufgabe nationaler Interessen- und Klientelpolitik zugunsten globaler Gerechtigkeitspolitik. Und Amerika als dessen Vorreiter.
Die Realität ist Business as usual, während die Klimabombe tickt. Deswegen braucht es dringend ein radikales Umdenken und das Ende zweier großer Illusionen.
1. Das Ende der Illusion, dass es jemals eine globale und ambitionierte Klimapolitik geben wird, die der Dynamik und den Folgen des Klimawandels gerecht wird.
2. Und das Ende des neoliberalen Wirtschaftsmodells, für das insbesondere die USA als zweifelhaftes Vorbild dienen.
Diese Einsicht wird sich weder durch kollektive Vernunft noch durch die Warnungen einer kritischen Minderheit und schon gar nicht durch eine moderate Politik à la Obama durchsetzen. Zu groß sind die Macht von Big Oil & Co., der Einfluss von Marketing und Medien und die Gewohnheit der Konsumenten. Und zu groß die Versuchung der Umweltorganisationen, auf eine Wende der kleinen Schritte zu hoffen und weitere Jahre für Systemkosmetik zu vertrödeln.
Was es braucht, ist ein radikaler Wandel, ein neues Gesellschaftsmodell auf der Basis eines konsequenten Humanismus, globaler Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit. Oder als Umkehrschluss, es braucht den Kollaps des neoliberalen Modells als Verursacher der Klimakrise.
Warum aber sollte in diesem Sinne nun ausgerechnet Romney die bessere Wahl sein?
Das "alte" Amerika ist ein zerrissenes, an sich selbst krankendes Land. Gigantische Militärausgaben, ein dramatisches Defizit öffentlicher Finanzen, ein drohender Handelskrieg mit China, eine aufgeblähte Finanzindustrie, ideologischen Grabenkämpfe, extreme Ungleichheit von Einkommen und Eigentum, demokratische Institutionen in den Händen von Lobbyisten und Wall Street, eine bedrohliche Schieflage der Handelsbilanz und so weiter. Die Krise ist systembedingt und wird definitiv schlimmer, fraglich ist nur der Zeitpunkt des Kollapses. Romney hätte den ökonomischen und sozialen Selbstmord Amerikas höchstwahrscheinlich um einiges beschleunigt. Und damit das Ende an den Glauben der neoliberalen Wachstumsideologie.
Auch wenn es zynisch klingt – im Sinne der Klimakrise wäre dies eine große Chance. Je schneller der Ruin, um so schneller die Chance zur radikalen Reform. Dieses Land, wie auch der Rest der Welt, braucht nicht nur eine Reform seiner Institutionen und politischen Kultur, es braucht eine komplette Generalüberholung seiner Werte, eine kulturelle Revolution. Ob die USA dabei endgültig als ökonomische Supermacht untergehen oder als Vorreiter einer postkapitalistischen Gesellschaft wiedergeboren werden, steht in den Sternen. So oder so, es wird dem Rest der Welt eine unmissverständliche Botschaft vermitteln.
Die Frage ist nur, ob es für Klima und Ökosysteme bis dahin noch nicht zu spät ist.
Und deshalb hätte das Klima lieber Romney gewählt.

"Auch wenn es zynisch klingt, im Sinne der Klimakrise ist dies eine große Chance. Je schneller der Ruin, um so schneller die Chance zur radikalen Reform." (Foto: Eva Zschirnt)
Übrigens: Guter Journalismus kostet...
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto

Die Schlagzeilen um 23 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Aufruf!
Ihr Wunschzettel zur Bundestagswahl
Der Wahlkampf rollt an und wir möchten wissen: Was erhoffen Sie sich für die Bundestagswahl in der Energie- und Klimapolitik? Schreiben Sie uns das in einem Satz (oder Wort). Einiges veröffentlichen wir in unserem Wahl-Dossier ab Juni. Auf gehts! [E-Mail klimaretter.info]
Die Debatte zur Zukunft des EEG Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Doch nun ist eine grundlegende Reform (über-)fällig. Die Frage ist nur – wie? klimaretter.info hat Fachleute um ihre Vorschläge gebeten. [mehr...] | Umweltzerstörer nach Den Haag! Extreme Umweltzerstörung ist ein Verbrechen gegen das friedliche Zusammenleben. Ein solcher Ökozid soll künftig vor den Internationalen Strafgerichtshof gebracht werden können. Eine Million Unterschriften sind dafür nötig. [mehr] |
In eigener Sache
Unterstützen Sie guten Journalismus
Unabhängiger Journalismus braucht Förderer. Der Klimawissen e.V. unterstützt die Arbeit des Online-Magazins klimaretter.info. Werden Sie Fördermitglied oder spenden Sie für die Berichterstattung! [hier...]
Philipp Rösler: Des-Informationsoffensive
Das Bundeswirtschaftsministerium ist in der „Informationsoffensive“. Mit folgender Darstellung: „Damit nicht Sie zum Strom kommen müssen, sondern der Strom zu Ihnen“, begründet das FDP-geführte Ministerium im Kleingedruckten seinen Appell an die Steuerzahler. Im dazugehörigen Kino-Spot sieht man dann auch, was[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
EEG 2.0 - Die Debatte zur Zukunft des EEG
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E 10 und das Politikversagen - Wie es nun weitergeht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Die Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen-ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Was Doha wert ist - Meinungen und Analysen
Doha Dezember 2012 - COP18
Doha-Countdown - Die Welt vor Doha
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Durban-Countdown - Die Welt vor Durban
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Cancún-Countdown - Die Welt vor Cancún
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Kopenhagen-Countdown - Vor dem Supergipfel
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznań Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13



In seiner Rede zur Lage der Nation trat US-Präsident Barack Obama wieder als der Klimaschützer auf, der er ursprünglich einmal war. Die Chancen, dass er in seiner zweiten Amtszeit mehr erreicht als in den ersten vier Jahren, stehen durchaus gut.
Da ist sie wieder, die Hoffnung, dass Obama ein Versprechen erfüllt, das er vor seiner ersten Wahl gemacht hat: für einen effektiven Klimaschutz im Land zu sorgen. Hoffentlich entpuppt sich das nicht wieder als bloße Rhetorik.
In der Klimapolitik ist die Bilanz von Präsident Barack Obama enttäuschend – doch nur auf den ersten Blick. Tatsächlich ist der Ausstoß von Treibhausgasen landesweit deutlich gesunken. Und beim Ausbau der Erneuerbaren überflügeln die Staaten inzwischen sogar das Energiewende-Land Deutschland. Teil 1 unserer vierteiligen Analyse-Serie zur US-Wahl am kommenden Dienstag.
Am 6. November werden nicht nur Präsident und Kongress neu gewählt. In vielen Bundesstaaten stehen außerdem Landesparlamente, Gouverneure und Volksbegehren zur Wahl. Dabei geht es auch um klima- und energiepolitische Entscheidungen, die für die USA insgesamt richtungsweisend sind. Teil 3 unserer vierteiligen Analyse-Serie zur US-Wahl am kommenden Dienstag.
Ausblick: Egal wer die Präsidentschaftswahl für sich entscheidet, eine ambitionierte Klima- und Umweltpolitik ist von den USA in den nächsten Jahren nicht zu erwarten. Europa muss zum ökologischen Vorreiter werden – und zeigen, dass man damit erfolgreich sein kann. Teil 4 unserer vierteiligen Analyse-Serie zur US-Wahl am heutigen Dienstag.
Obama und Romney hüllen sich in Schweigen bei einem der wichtigsten Themen der heutigen Zeit
Sturm Sandy ruft auf tragische Weise in Erinnerung, dass extreme Wetterereignisse durch den Klimawandel zunehmen werden – und wirft ein grelles Schlaglicht auf das große Versäumnis von Obama und Romney, den Klimawandel nicht zum Thema ihres Wahlkampfes zu machen. Und wir in Deutschland?
Bei seiner "State of the Union"-Ansprache vor dem Kongress will der US-Präsident am Dienstag konkrete Vorschläge vorlegen
Während die USA nicht in der Lage sind ein Klimagesetz zu verabschieden, will China einen Emissionshandel einführen. Das politische System der USA ist der Komplexität des Klimawandels nicht gewachsen. Ein Kommentar von Christian Mihatsch
Die US-amerikanische Umweltschutzbehörde stellt einen Plan zur Anpassung an den Klimawandel vor
Barack Obama hat die Wahl gewonnen. Das ist eine gute Nachricht, findet Arne Jungjohann, Klimaexperte bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington. Denn mit ihm regiert nun auch künftig ein Mann im Weißen Haus, der den Klimawandel als eine der größten Herausforderungen der Menschheit begreift.
Es gibt sie doch, die guten Nachrichten: General Motors, der weltgrößte Automobilhersteller, hat sich der "Climate Declaration" von US-Wirtschaftsunternehmen angeschlossen. Die Initiative soll Präsident Obamas Klimaschutz-Ambitionen für dessen zweite Amtszeit unterstützen. Bis vor kurzem war GM noch einer der Sponsoren des rechtsgerichteten, klima"skeptischen" Heartland Institute.
Bereits mehr als 8.000 Gebiete sind für Minen beansprucht - eine Folge des aus Wildwest-Zeiten stammenden Bergrechts. Im Juli läuft ein zweijähriges Moratorium aus
Der wirtschaftsstärkste US-Bundesstaat macht Ernst mit dem CO2-Emissionshandel. Bei der ersten Auktion kommen mehr als 230 Millionen US-Dollar herein
Im Rahmen einer Steuergesetzgebung setzten die Republikaner eine Klausel durch, nach der Präsident Obama innerhalb von 60 Tagen über das Schicksal der umstrittenen Ölpipeline entscheiden muss


