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Wie grün ist Joachim Gauck?

Der "Präsident der Herzen" wird Nachfolger von Christian Wulff. Zu ökologischen Themen hatte der frühere DDR-Bürgerrechtler bislang wenig zu sagen. Zwar hat er einst die Umweltbewegung im DDR-Untergrund gefördert, Gaucks ökologische Einlassungen seitdem sind aber ein gesammeltes Schweigen.

Eine Analyse von Georg Etscheit

Christian Wulff war ein Totalausfall, in moralischer wie politischer Hinsicht, abgesehen vielleicht von seinem, ach-so-mutigen, Eintreten für den Islam in Deutschland. Zu den anderen großen Themen seiner kurzen Amtszeit, Finanzkrise, Fukushima, Energiewende, hatte er offenbar nichts zu sagen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, mit welchen Leuten er sich privat wie beruflich umgab. Von Profil neurotischen Eventmanagern und Multimillionären mit Zweitwohnsitz in Florida oder Finca auf Mallorca kann man kein Verständnis für Kapitalismuskritik, Zweifel am immerwährenden Wachstum oder ökologische Probleme wie den Klimawandel erwarten.


Hat bislang zum Klimawandel wenig zu sagen: Joachim Gauck. (Foto: Tohma, Wikimedia Commons)

Jetzt also Joachim Gauck. Dass der wortgewaltige Pastor, DDR-Bürgerrechtler und legendäre Chef der Stasi-Unterlagenbehörde in der Bundesversammlung am 18. März mit überwältigender Mehrheit zum neuen Bundespräsidenten gewählt wird, daran gibt es keinen Zweifel mehr, nachdem am Sonntag auch Bundeskanzlerin Angela Merkel dem Drängen von SPD, Grünen und FDP nachgab und Gauck als gemeinsamen Kandidaten von Regierung und Opposition auf den Schild hob.

Und es ist zu erwarten und zu hoffen, dass der "Präsident der Herzen" - wie der gescheiterte Präsidentschaftskandidat Gauck in den Medien genannt wurde - volle fünf Jahre im Amt bleibt. Wenn der Republik nacheinander das dritte Staatsoberhaupt vor Ende seiner regulären Amtsperiode von der Fahne ging, könnte man den Posten gleich ganz abschaffen.

Dass Gauck weitaus mehr und Klügeres zu sagen hat als Wulff, wird niemand bestreiten. Der 72-jährige wird wohl einer der besten Redner, die das Amt bisher gesehen hat. Thematisch beschäftigt er sich vor allem mit dem Freiheitsbegriff, was ihn in Zeiten, wo offenbar ein Übermaß von Freiheit für viele Gegenwartsprobleme verantwortlich ist, zuweilen etwas antiquiert wirken lässt.

Der Ex-Pastor und die "Bewahrung der Schöpfung"

Doch hat Gauck auch Antworten auf die drängenden ökologischen Herausforderungen, wo das Streben nach Freiheit in besonderem Maße von "Verantwortung" begleitet sein muss? Was hat Gauck etwa zum Klimawandel zu sagen? Und zu allen anderen Fragen, die sich mit der "Bewahrung der Schöpfung" befassen, wie es der Pastor wohl formulieren würde. Wie grün ist Gauck?

Die Ergebnisse einer ersten Bestandsaufnahme sind ernüchternd. Unvergessen seine Einschätzung der Occupy-Bewegung, die er als "unsäglich albern" abkanzelte. Der Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung von Märkten entledigen könnte, sei eine "romantische Vorstellung", doziert er, während im Frankfurter Bankenviertel die Kapitalismuskritiker kampierten.

Irritierend war auch sein Kommentar zum wirren Sarrazin, dessen fremdenfeindlichen Schinken "Deutschland schafft sich ab" er "Mut" attestierte. Das Wort "Klimawandel" tauchte bei Gauck bislang nur dann auf, wenn er gegen die von ihm diagnostizierte "Angst-Sucht" der Deutschen zu Felde zog und steht dann aus seiner Perspektive auf einer Stufe mit Schweinegrippe und EHEC. Ansonsten: totale Fehlanzeige. Gaucks ökologische Einlassungen - ein gesammeltes Schweigen.


Politische Aufbruchszeit: Joachim Gauck (r.) mit dem späteren DDR-Innenminister Peter Michael Diestel in der ersten frei gewählten Volkskammer 1990. (Foto: Bundesarchiv)

Allerdings darf man dem knorrigen Rostocker, der sich zu DDR-Zeiten stark für die Friedens- und Umweltbewegung einsetzte, auch kein Unrecht tun. Wenn Gauck davor warnt, sich ganz der Angst und dem Alarmismus zu verschreiben, heißt das nicht, dass er die dahinter stehenden "Sorgen" nicht anerkennt. Es komme vielmehr darauf an, "sich nicht von der Sorge regieren und besitzen zu lassen", wie er einmal in einer Rede formulierte. Ein beherzter Glaube an Gott vertreibe nicht die Sorgen, nehme ihnen aber ihre "beherrschende, tödliche Macht". Ganz Pastor und christlicher Prediger ruft Gauck den Menschen zu "Fürchtet Euch nicht!"  - sondern "Nehmt die Herausforderungen an!".

In der Tat scheint es albern, dass sich viele Leute nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima mit Geigerzählern eingedeckt haben. Gleiches gilt für jene Menschen, die kein Schweinefleisch mehr essen, nur weil "Bild" eine Horrorstory über die Schweinegrippe gedruckt hat. Ein solches Angst gesteuertes Verhalten ist in der Regel nicht nachhaltig und löst keine Probleme.

Bessere Kandidaten für den Klimaschutz waren ohne Chance

Insofern hat Gauck Recht. Aber man sollte sich auch keine Illusionen machen. Gauck ist konservativer, als es den Anschein hat. Allerdings eher im Sinne eines Werte gebunden Konservativismus. Ein antikommunistischer Reaktionär ist Gauck nicht.

Natürlich wären Kandidatinnen und Kandidaten wie die grüne Bundestagsvizepräsidentin Kathrin Göring-Eckardt oder auch der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber für ökologisch gesinnte Wähler die bessere Alternative gewesen. Sie sind in dieser Hinsicht keine unbeschriebenen Blätter und halten beide etwa die Bekämpfung des Klimawandels für eine zentrale Menschheitsaufgabe. Ganz zu schweigen von Klaus Töpfer, dem Öko-Guru der Union und langjährigen Chef des UN-Umweltprogramms.

Doch für diese Kandidaten hätte sich nie und nimmer eine Mehrheit in der Bundesversammlung gefunden. Göhring-Eckardt (wie auch Frankfurts Ex-Oberbürgermeisterin Petra Roth) waren als "schwarz-grünes" Signal unerwünscht, Huber galt, wie auch der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßkuhle, als zu SPD-nah und wäre als Vorbote einer Neuauflage der Großen Koalition gewertet worden. Der grün durchwirkte Töpfer ist vor allem in der FDP nicht gelitten.


Sie wollten ihn vor 2 Jahren: jetzt bekommen sie ihn: Bürger für Gauck hieß 2010 die Kampagne, mit der etliche damals Wulff verhindern wollten. (Foto: Thorben Geyer/Wikipedia)

Insofern erscheint Gauck allemal besser als ein aalglatter Parteikarrierist wie Wulff es war oder ein dröger Apparatschik wie dessen Vorgänger Horst Köhler. Dieser immerhin hatte den Klima- und Ressorcen-Schutz zu mindest auf seiner politischen Agenda. Wiederholt hatte Wulffs Vorgänger für einen "Paradigmenwechsel" geworben und eine Wirtschaftsweise gefordert, "die unser Planet verkraften kann" - das sei nicht zuletzt auch eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Benzin muss teurer werden - Köhler sprach sich auch für unpopuläre Maßnahmen aus. Zuletzt forderte er mehr "Kostenwahrheit" in der Transportbranche und trat für eine Flugbenzinsteuer ein.

Es gibt also eine gewisse ökologische Latte, die Wulffs Vorgänger seinen Nachfolgern aufgelegt hat - wenn auch nicht besonders hoch. Gauck, der Bundespräsident in spe, ist ein nachdenklicher Mann, der sicher bereit ist, eigene Positionen zu überdenken. Vielleicht gilt dies auch für seine bisherige Vernachlässigung "grüner" Themen.

Klar ist: Mit dem Mann wird das Land noch einige Überraschungen erleben. Und vermutlich keine, die die Fremd-Finanzierung seines Urlaubs betrifft.


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