Meer bedroht 60 Millionen Afrikaner

FotoIn Südafrika wird der Meeresspiegel wohl deutlich schneller steigen als im Weltdurchschnitt. Millionen Menschen werden ihre Heimat verlieren. Doch nur Kapstadt investiert bislang in Schutzmaßnahmen. Teil 25 der klimaretter.info-Serie: Strategien gegen den Anstieg des Meeresspiegels.

Von Annika Joeres

Darryl Colenbrander verbringt sein Leben mit dem Meer. In seiner Freizeit geht er Wellenreiten, unter der Woche versucht er, Kapstadt auf den Anstieg des Meeresspiegels vorzubereiten. Sein offizieller Job: Er leitet das Coastal Management Programme, das Küstenschutzprogramm. Auf einer Karte hat er eine Linie um die Vier-Millionen-Metropole gezogen, seine set-back line.

BildKapstadt ist die einzige Stadt in ganz Afrika, die einen Küstenschutzplan entwickelt. (Foto: Georgio Shizhao/​Wikimedia CommonsShizhao/​Wikimedia Commons)

Hinter dieser Linie drohen schon jetzt Überschwemmungen bei Hochwasser oder Sturm. Langfristig wird diese Zone unter Wasser stehen. Schon jetzt darf jenseits dieser Linie nicht mehr neu gebaut werden, und mittelfristig werden die Menschen, die dort leben, umgesiedelt.

Das sei eine Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl erfordere, sagt Colenbrander. Er ist gelernter Philosoph, nicht Ingenieur oder Naturwissenschaftler, und versucht, auch gesellschaftliche und soziale Aspekte bei seinen Planungen zu berücksichtigen. "Jede Küste ist ein komplexer Raum", sagt er, "wer sie verändern möchte, muss die Tradition und Geschichte ihrer Bewohner achten. Wenn wir sagen: 'Wir wollen euch schützen' – dann versteht darunter jeder Bürger etwas anderes."

Colenbrander sagt, die Ratschläge des Weltklimarates IPCC seien wichtig und richtig, müssten vor Ort aber jeweils neu verhandelt und umgesetzt werden. "In Südafrika haben wir das Erbe der Apartheid. Einige Küstenstreifen waren nur Weißen zugänglich, andere für Schwarze reserviert. Diese historischen Ungerechtigkeiten müssen wir für unsere Schutzpläne beachten." Bis heute wohnen gerade die Armen in der Nähe des Meeres. Jenseits der set-back line. Es wäre ein fatales Signal, deren Unterkünfte als erste abzureißen, sagt Colenbrander, und: "Es kann keine Lösung für alle geben."

Dürftige Datenlage

Insgesamt ist die Datenlage auf dem afrikanischen Kontinent nicht sehr gut. Eine Visualisierung vorhandener Pegelaufzeichnungen durch das Rechercheportal Correctiv stützt sich für Afrika auf wenige Messpunkte. Nur aus Häfen, die für den Welthandel bedeutsam sind, liegen Daten vor. Sechs von acht Messpunkten liegen in südafrikanischen Häfen.

Hier ist das Meer in den vergangenen 30 Jahren um mehr als zehn Zentimeter angestiegen. Etwa in dem großen Industriehafen Port Elizabeth oder in der nahe Kapstadt gelegenen Simons Bay, wo viktorianische Häuser an die britische Kolonialzeit erinnern. Auch in Port Nolloth, wo Kupfererze umgeschlagen werden, oder in East London, wo früher Leder gehandelt wurde und heute die Daimler Benz AG Autos und Lastwagen bauen lässt.

Einzig im Hafen von Sansibar in Tansania, mehr als dreitausend Kilometer weiter nördlich, ist der Pegel einige Jahre lang gesunken, möglicherweise beeinflusst durch zahlreiche Bauten in der Nähe der Messstellen. Zuletzt stieg das Meer auch hier um rund zwei Zentimeter.

Kein Geld für Schutzmaßnahmen

"Das Fehlen der Daten aus Afrika behindert wissenschaftliche Prognosen über den Klimawandel", sagt Sally Brown, Umwelt- und Meereswissenschaftlerin im südenglischen Southampton. Brown prognostiziert schwere Zeiten für die afrikanische Bevölkerung: "Das Meer wird nicht so stark steigen wie etwa in Südasien. Aber die Menschen in Afrika sind viel weniger geschützt als in den Industriestaaten."

Es gebe nur sehr wenige Studien und noch weniger ausgearbeitete Bauprojekte, mit denen die Staaten die steigenden Meere eindämmen könnten. Brown hat Verständnis dafür: "Wenn es in einem Staat erst einmal darum geht, Krankenhäuser und Schulen zu bauen, ist für den Schutz vor potenziellen Klimaschäden keine Zeit und kein Geld da." 

Bisweilen wollen Reiseunternehmer Strände mit umstrittenen Bauprojekten schützen. So haben auf Sansibar einige Luxusresorts Schutzwälle vor ihre Sandstrände gesetzt, die Strömungen oder Wellen nun zu anderen Küsten der Insel leiten. Fischer und Anwohner protestierten gegen die eigenmächtigen Aktionen, die Strände jenseits der Touristentempel anschwellen oder verschwinden lassen. Laut Meeresforscherin Brown werden in den kommenden zehn Jahren rund 1,6 Millionen Menschen in Tansania von Überschwemmungen betroffen sein.

Das Gute im Schlechten

60 bis 70 Millionen Afrikaner leben in Zonen, die höchstens zehn Meter über dem Meeresspiegel liegen – und bald im salzigen Wasser versinken könnten. Bei einem durchschnittlichen Szenario der Klimaforscher wird der Indische Ozean bis 2100 um 43 Zentimeter ansteigen und 16 Millionen Menschen aus ihren Häusern und Wohnungen vertreiben. Am schwersten betroffen sein werden Mosambik, Guinea, Nigeria, Guinea-Bissau und Südafrika. Aber bislang entwickelt nur Kapstadt einen Schutzplan für seine Küsten.

Mehr als eine Milliarde Euro jährlich werden Länder wie Algerien, Marokko, Kamerun, Tunesien und Libyen im Jahr 2100 ausgeben müssen, um an den Küsten zu reparieren, was das steigende Wasser zerstört hat, so hat es Sally Brown mit Kollegen errechnet. Noch teurer wäre es, keine Schutzmaßnahmen zu ergreifen – und die Schäden durch das Hochwasser zu ertragen.

BildAuch den Indischen Ozean lässt die globale Erwärmung im Laufe dieses Jahrhunderts immer weiter ansteigen. (Foto: Julie Grundy/​Go Greener Oz/​Flickr)

Bei allen Schreckensszenarien: In Kapstadt hofft Darryl Colenbrander auch, dass der Klimawandel dazu führt, alte Trennungen zwischen Schwarz und Weiß aufzuheben. "Wir haben jetzt die Chance, das Unrecht der Vergangenheit wiedergutzumachen", sagt er. Denn alle müssten ja nun mehr Abstand zur Küste nehmen. Arm und Reich. Rund 75 Prozent der risikoreichen Zonen seien derzeit bebaut. Mit Surfclubs und Slums, Bars und Bretterbuden. Vor dem Klimawandel aber sind alle gleich. Und müssen alle weichen.

Die Autorin ist Redakteurin des Recherchezentrums Correctiv, mit dem klimaretter.info kooperiert. Die Correctiv-Redaktion finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Ihr Anspruch: mit gründlicher Recherche Missstände aufzudecken und unvoreingenommen darüber zu berichten. Wenn Sie Correctiv als Fördermitglied unterstützen möchten, finden Sie Informationen unter correctiv.org

 
Bild

Zuletzt erschienen in der Meeresspiegel-Serie:

Teil 24: Europa kann nicht alle schützen
Teil 23: Tuvalu - "Auf keinen Fall siedeln wir um"
Teil 22: Florida Keys - Ein Paradies geht unter
Teil 21: Hilferuf der Inselparadiese
Teil 20: Kamerun - Wenn der weiße Strand im Meer versinkt
Teil 19: St. Petersburg sucht eine Strategie
Teil 18: Bangladesch - Beton für zehn Prozent
Teil 17: Mauritius - Lernen gegen den Klimawandel

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen