Florida Keys: Ein Paradies geht unter

FotoAuf den beliebten Florida Keys an der Südostspitze der USA kämpfen die Bewohner mit immer stärkeren Fluten, die ihre Grundstücke bedrohen und das Ökosystem zerstören. Obwohl die Anzeichen des Klimawandels unübersehbar sind, wollen viele von menschengemachten Ursachen nichts wissen. Teil 22 der klimaretter.info-Serie: Strategien gegen den Anstieg des Meeresspiegels.

Aus Key Largo (USA) Susanne Götze

Über den langen Holzstegen, die vor Key Largo weit ins Meer reichen, kreisen Pelikane und picken den Fischern die Shrimps aus ihren Anglertaschen. Die Sonne scheint hier im Süden Floridas an über 300 Tagen im Jahr, die Temperaturen fallen nur selten unter 20 Grad.

BildHaus am Wasser unter Palmen: Die Florida Keys sind für viele ein Paradies auf Erden. (Foto: Susanne Götze)

Auf Strandliegen und an Cocktailbars lassen es sich rund drei Millionen Touristen pro Jahr gut gehen. Vermögende und Möchtegern-Reiche aus der ganzen Welt kaufen sich auf den Keys, wie die Inseln von den US-Amerikanern nur kurz genannt werden, weiße Villen mit Blick aufs Meer. Doch das vermeintliche Paradies ist vom Untergang bedroht.

Die Florida Keys wurden im vergangenen Herbst von den schlimmsten Fluten seit Jahrzehnten heimgesucht. Das Wasser floss nicht mehr ab, es stank verfault, Mangobäume und Blumenstauden gingen ein. Was nützt der schöne palmengesäumte Strand am Grundstück, wenn im Wohnzimmer das faulige Wasser steht? Anfang Mai dieses Jahres stehen viele Straßen wieder unter Wasser. Erschrockene Bewohner posten Bilder auf Facebook: "Es geht wieder los!"

Teure Wassergrundstücke ohne Zukunft

Die Inselgruppe der Keys zieht sich wie eine Kette in den Golf von Mexiko. Das ehemalige Korallenriff liegt nur knapp anderthalb Meter über dem Meeresspiegel. Überflutungen gab es hier schon immer, sogar mehrere Male im Jahr. Sogenannte king tides, besonders große Flutereignisse, und Hurrikans bedrängen die Idylle seit jeher.

Dennoch sind die Key-Bewohner beunruhigt. Dauer und Ausmaß der Fluten stehen in keinem Verhältnis mehr. Die Angst geht um, dass auf den Inseln, wie an vielen Orten der Welt, das Wetter unberechenbar wird. Mitten im Meer sind die Landstreifen schutzlos den Launen der Natur ausgesetzt.

Die 87-jährige Pauline Klein glaubt wie viele ihrer Nachbarn auf der beschaulichen Insel nicht an den menschengemachten Klimawandel. Trotzdem. Irgendwas stimmt nicht. Das Haus von Pauline Klein liegt unweit des Strandes, wie fast alle Grundstücke auf den schmalen Landstreifen der Keys.

An einem lauen Frühlingsabend im Februar erzählt die ältere Dame auf einem Nachbarstreffen wieder von den Überflutungen. "Bei uns waren über 200 Häuser betroffen, das Wasser lief in die Keller und machte die Straßen unpassierbar – wir mussten wochenlang zu unseren Häusern waten". Die alte Frau schüttelt den Kopf. "Ich wohne seit über 30 Jahren hier – so was habe ich noch nicht erlebt!"

"Hier ist alles abgestorben"

Für Chris Bergh ist das alles keine Überraschung. Der Umweltschützer arbeitet für die Organisation The Nature Conservancy und hat sich vor Kurzem ein neues Haus auf Big Pine Key gekauft. "Natürlich habe ich genau hingeschaut, wie hoch das Haus liegt. Es liegt zwar nicht am Wasser, aber dafür ist es sicher und viel billiger als die begehrten Wassergrundstücke." Sein fünfjähriger Sohn könne darin auch in 20 Jahren noch beruhigt leben.

Im alten Jeep fährt der Mittvierziger seine Besucher gern an einen Platz auf seiner Heimatinsel, an dem die Hochwasserfolgen besonders eindrückliche Spuren hinterlassen haben. Vom Highway 1, der sich wie ein langer Wurm über die Inseln schlängelt, geht es über schmale asphaltierte Straßen auf die andere Seite von Big Pine Key. Vorbei an schicken, holzverkleideten Häusern mit weißem Anstrich, durch dichte Kiefernwäldchen und schattige Mangrovenhaine. Am Ende einer Straße wird es licht und die Sonne sengt auf eine kahle Lichtung.

"Hier ist alles abgestorben", sagt Bergh mit besorgtem Blick und zeigt auf Baumstümpfe und ausgeblichene Äste, die auf dem ausgetrockneten Boden verstreut sind. Auf einer Fläche von mehreren Fußballfeldern wächst so gut wie nichts mehr. "Früher war das hier ein Mischwald aus Kiefern, Mangroven und anderen Baumarten", so Bergh. Das war, bevor die Fluten kamen.

BildGroßflächig abgestorbener Wald: Das gab es bisher nicht auf seinen Inseln, sagt Naturschützer Chris Bergh. (Foto: Susanne Götze)

Das Meerwasser drang hier ins Innere der Insel ein und konnte nicht mehr abfließen. Durch Verdunstung erhöhte sich der Salzgehalt des Brackwassers stetig. "Jetzt wachsen hier nur noch ein paar Schwarze Mangroven, die vertragen das Salzwasser noch am ehesten."

Die Lichtung sei ein Vorbote für den schleichenden Untergang der Keys, sagt Bergh. Die grünen Inseln drohten zu verwüsten, weil die immer heftigeren Fluten große Mengen Salzwasser an Land spülen. Ebenso wie der Mensch vertragen Süßwasserpflanzen das Meerwasser nicht und sterben ab.

Wie schnell die Vorboten zur ernsthaften Gefahr für Menschen werden, kann niemand sagen. Bergh und seine Kollegen haben eine interaktive Karte ins Internet gestellt. Auf einer Skala kann man damit den Anstieg des Meeresspiegels simulieren. Studien der Florida International University haben ergeben, dass der Meeresspiegel in Südflorida bis 2030 um 15 bis 25 Zentimeter und bis 2060 sogar um über einen halben Meter ansteigen könnte.

"Viele Grundstücke stehen bei 30 Zentimetern schon dauerhaft unter Wasser", sagt Bergh. "Wenn wir noch einen Sturm dazunehmen" – er klickt auf die Online-Karte – "ist nicht mehr viel von der ganzen Insel übrig". Die Karten bieten auch kommerzielle Agenturen an, bei denen Käufer sich genau über das Überflutungsrisiko der Immobilien beraten lassen können.

Millionen Klimaflüchtlinge in diesem Jahrhundert

Steigt das Meer um "nur" einen Meter bis zum Ende des Jahrhunderts, müssen über vier Millionen Amerikaner an den Küsten der USA ihre Heimat verlassen, hatte eine Studie der University of Georgia errechnet. Dies seien aber sehr konservative Zahlen, gibt die Forschergruppe um den Demografen Mathew Hauer zu bedenken. Andere Szenarien der Studie gehen von bis zu zwei Metern aus. In diesem Fall müssten über 13 Millionen US-Amerikaner umgesiedelt werden.

Die schönen Sandstrände von Key Largo mit den Holzstegen trifft es zuerst. Auf der Nature-Conservancy-Karte werden die Stellen rund um die Inseln schon bei der niedrigsten Stufe von 30 Zentimetern komplett blau. Forscher der Florida University schätzen, dass zehntausende Inselbewohner zu Klimaflüchtlingen werden könnten.

BildEine überflutete Straße – das kommt öfter vor auf den Keys. Aber dass es immer häufiger passiert, macht die Bewohner unruhig. (Foto: Nature Conservancy)

Trotzdem berichten Branchenexperten stolz von satten Preissteigerungen, besonders bei Wassergrundstücken. Immer mehr Menschen machen Urlaub auf den Keys. Langsam gehen den Maklern bei so viel Andrang die Grundstücke aus. Mit der politischen Annäherung an Kuba dürfte es noch viel enger werden – wenn erst mal die Fähren nach Havanna ablegen.

Das ist für Pauline Klein und ihre Nachbarn auch ein Grund zum Wegziehen. Denn nicht nur das steigende Meer, sondern auch die Touristenmassen machen dem einst idyllischen Aussteigerparadies langsam den Garaus.
 

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Zuletzt erschienen in der Meeresspiegel-Serie:

Teil 23: Tuvalu - "Auf keinen Fall siedeln wir um"
Teil 22: Florida Keys - Ein Paradies geht unter
Teil 21: Hilferuf der Inselparadiese
Teil 20: Kamerun - Wenn der weiße Strand im Meer versinkt
Teil 19: St. Petersburg sucht eine Strategie
Teil 18: Bangladesch - Beton für zehn Prozent
Teil 17: Mauritius - Lernen gegen den Klimawandel

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