Kreuzungskur für ein Sensibelchen

serie_meer_gross.pngIn Zeiten des Klimawandels werden Hochwasser immer zerstörerischer. Besonders davon betroffen sind die in Flussdeltas gelegenen Megastädte Asiens - beispielsweise im Mekongdelta. Doch auch jenseits der dramatischen Bilder macht sich eine schleichende Katastrophe breit: Vietnams Kornkammer versalzt langsam. Teil 16 der klimaretter.info-Serie: Strategien gegen den Anstieg des Meeresspiegels.

Aus Bangkok Marwaan Macan-Markar (IPS)

Stolz bezeichnen die Bewohner des Mekong-Deltas ihre fruchtbaren Anbauflächen als "Reiskammer Vietnams". Und tatsächlich: Gleich dreimal ernten die Reisbauern im südlichen Vietnam, jährlich 16 Millionen Tonnen Reis. Das hat Vietnam nach Thailand zum zweitgrößten Reisexporteur der Welt werden lassen. Doch dieser Reichtum wird zunehmend durch die Erderwärmung bedroht: Der steigende Meeresspiegel sorgt dafür, dass Salzwasser immer tiefer in das Delta dringt - und zunehemnd die Böden versalzt.


"Reiskammer Vietnams:" Gleich dreimal wird im Mekong-Delta jedes Jahr geerntet. (Foto: Stuemer)

Vor 30 Jahren floss das Salzwasser aus dem Südchinesischen Meer allenfalls zehn Kilometer weit ins Festland hinein. "Heute sind es
wegen des gestiegenen Meeresspiegels schon 40 Kilometer. Die Zukunft des Deltas steht auf dem Spiel", warnte Nguyen Van Bo von der Vietnamesischen Akademie für Agrarwissenschaften. Sieben Prozent aller Reisfelder würden durch den Anstieg des Meeresspiegels geschädigt. Viele Reisbauern hätten deshalb schon umgesattelt und züchteten mittlerweile Garnelen. "Das ist ein großer Unterschied zu früher, als Reisanbau und Garnelenzucht saisonal betrieben wurden."

Wissenschaftler des Internationalen Reisforschungsinstituts (IRRI) aus Manila, Phillipinen, versuchen deshalb mit vietnamesischen Kollegen eine neue Reissorte zu züchten, die gegen Salzwasser resistent ist. Zudem soll sie mehr als zwei Wochen überflutete Gebieten überleben.

Es gibt bereits die flutbeständige Reisvarietät 'Scuba', die das Gen SUB 1 in sich trägt. "IRRI versucht nun eine Sorte zu entwickeln, mit der beide Probleme behoben werden können. Denn auch die Pflanzen, die Überschwemmungen aushalten, können aufgrund des Salzgehalts eingehen", sagte Bjoern Ole Sander, der für das weltweit wichtigste nichtstaatliche Reisforschungszentrum arbeitet.

Flutresistent ohne Genveränderungen

Die Suche nach dem neuen Reis führt auch in den indischen Bundesstaat Orissa, wo der Scuba-Reis zuerst gezüchtet wurde. Selbst Pflanzen, die zwei Wochen lang völlig überflutet waren, fingen wieder zu wachsen an. Andere Sorten überleben bereits nach einer Woche unter Wasser nicht. Der Scuba-Reis sei ohne Genmanipulation entwickelt worden und könne 17 Tage unter Wasser überleben, erklärt Sander.

Die Entwicklung einer gegen Salzwasser resistenten Varietät, die mit dem Scuba-Reis gekreuzt werden kann, ist eine weitaus größere Herausforderung. "Es wird mindestens vier Jahre dauern, bis wir eine passende Sorte haben werden", schätzte Sander. "Damit wäre eine Antwort auf die Probleme gefunden, die Überschwemmungen und Salzwasser im Mekong-Delta anrichten."

Auf einem Treffen in der thailändischen Hauptstadt Bangkok warnten asiatische Agrarwissenschaftler und Klimaforscher Mitte April davor, dass sich die Situation in Vietnam weiter zu verschärfen droht. Andere große Reisproduzenten wie Thailand würden zudem durch Wetteranomalien beeinträchtigt. Die Reispflanze aus der Familie der Süßgräser (Poaceae) gilt als Sensiebelchen unter den Getreidepflanzen. Neue Untersuchung zeigten, dass die gestiegenen Temperaturen der vergangenen 25 Jahre bereits Mindererträge von 10 bis 20 Prozent zur Folge haben.

Rund 17 Millionen der insgesamt 87 Millionen Vietnamesen, die in der feuchten Deltaregion leben, haben beim Reisanbau von dem Netzwerk der Wasserläufe profitieren können. Diese Arterien werden durch den Mekong,  gespeist. Die Reisbauern kämpfen aber nicht nur mit Fluten und Salzwasser. Zu schaffen macht ihnen auch der Energiehunger Chinas: Vier gebaute Staudämme an dem längsten Strom Südostasiens mit 4.880 Kilometern, verhindern, das der Schwemmboden, der früher während der Monsun-Regenfälle entstand, nach wie vor angespült wird. Dadurch hat die natürliche Fruchtbarkeit der Böden abgenommen.


Dicht besiedelt: Die Stadt Mỹ Tho im Mekondelta hat über 1,6 Millionen Einwohner. (Foto: Adam Jones/ adamjones.freeservers.com)

Ein Bericht des Nationalen Instituts für Hydrometeorologie und Umweltwissenschaften warnte 2009 davor, dass fast ein Drittel des 39.000 Quadratkilometer großen Deltas, bei einem Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter verloren geht. Studien der Weltbank in 87 Entwicklungsländern kamen zu dem Ergebnis, dass die Bewohner des Mekong-Deltas zu den am stärksten durch den Meeresspiegelanstieg gefährdeten Gemeinschaften der Welt zählen.

Trotz Warnungen, nach denen im Jahr 2050 bereits 21 Prozent der asiatischen Ernten durch den Klimawandel geschädigt sein werden, steht die Landwirtschaft bisher nicht auf der Agenda der Weltklimagipfel. Derzeit läuft in Bonn die Frühjahrskonferenz der UN-Klimarahmenkonvention UNFCCC. "Es fehlt die Voraussetzungen für den Start eines speziellen Programms über Landwirtschaft und die Einflüsse des Klimawandels, kritisierte Bruce Campbell von der Beratungsgruppe für Internationale Agrarforschung (CGIAR). "Bei den UNFCCC-Verhandlungen gibt es keine gemeinsame Stimme für die Landwirtschaft."

Bislang in der Serie erschienen:

Teil 1: Die Malediven - Ein Land plant den Umzug
Teil 2: Singapur verpflichtet holländische Deichbauer
Teil 3: Bangladesch - Überleben im Hochbunker
Teil 4: Pazifik - Das Paradies bittet um Asyl
Teil 5: Venedig - Mit Schleusentoren und Mose
Teil 6: New York - Die zukunftslose Stadt
Teil 7: Die Niederlande - Holland lässt die Häuser schwimmen
Teil 8: Shanghai - Die Last des Wirtschaftsbooms
Teil 9: Deutschland - Was die Schafe lehren
Teil 10: Grönland - sonnig, mild, 18 Grad Celsius
Teil 11:  USA - Die ungehörte Botschaft der der chesapeake bay
Teil 12: Thailand - Flutwelle rollt auf Bangkok zu
Teil 13: Forschung - Der Meeresspiegel steigt schneller
Teil 14: Nigeria - Wasser im Traum und unter dem Bett
Teil 15: USA - Der große Meersspiegelhumbug

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