"Fracking lenkt total ab"

Verseucht die Erdgas- und Erdölförderung Mensch und Umwelt? Immer mehr Proben deuten auf eine Belastung mit Quecksilber und Benzol im Umkreis deutscher Förderstätten hin. Am Freitag protestieren Bürgerinitiativen mit kontaminierten Wasser- und Bodenproben vor dem Bundesrat. Sie sprechen von Krebsgefahr und sogar von Todesfällen. Der Bundesrat beriet auch über die Fracking-Technik.

Aus Berlin Susanne Scheckel und Susanne Götze

Freitag früh um acht Uhr vor dem Bundesrat. Bernd Ebeling läuft aufgebracht zwischen roten Anti-Fracking Schildern und einem Menschenknäuel aus Journalisten und Umweltschützern umher. Von Zeit zu Zeit öffnet er ein Einweckglas mit einer braunen Brühe und hält es dem Publikum herausfordernd unter die Nase: "Benzol!" Der giftige Kohlenwasserstoff, dessen Geruch man von Tankstellen kennt, entweiche aus dem Wasser, das er aus einem öffentlichen Entwässerungsgraben neben einer Ölförderstelle entnommen habe, erklärt der Umweltschützer und Bauingenieur jedem, der es wissen will.

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Kathrin Otte von der Gesundheitsinitiative GENUK wartet vor dem Bundesrat, um den eintreffenden Politikern die Beweise zu zeigen: Bei der Erdöl- und Gasförderung werde gepfuscht. (Foto: Susanne Scheckel)

Ebeling gehört zu einer Reihe von Bürgern, die am Freitag vor dem Bundesrat einen sofortigen Stopp der Fracking-Technologie und der deutschen Erdöl- und Erdgasförderung forderten. Über 460.000 Unterschriften für ein sofortiges Fracking-Verbot übergab Christoph Bautz von der Zivilgesellschaftsplattform Campact einem Vertreter des Umweltministeriums.

In der Frage, welche Technologie genau zu verbieten sei, sind sich die Protestierenden allerdings nicht ganz einig. Gegenüber klimaretter.info erklärt Bautz, dass man nicht grundsätzlich gegen jede Art der Gasförderung sei, die als eine Brückentechnologie gehandelt werde. Zwar werde auch bei der Förderung von konventionellen Gasvorkommen Fracking eingesetzt, aber eben nicht immer. Bautz: "Problematisch wird’s, wenn mit Wasser gearbeitet wird oder mit Chemikalien." Der Chemiecocktail werde hinuntergepumpt, um auch kleinere Gas- oder Ölblasen ausbeuten zu können: Ein Vorgehen, das bei großen, leicht zugänglichen Vorkommen, die man nur anbohren müsse, nicht notwendig sei.

Die Dauer-Emissionen im Normalbetrieb sind das Problem

Bernd Ebeling, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Uelzen, sieht das allerdings anders. Auch er ist gegen Fracking und dabei auf einer Linie mit Campact. Er betont aber, dass auch die ganz normale Erdgasförderung sehr giftig sei, und ärgert sich: "Das Fracking lenkt total ab." Giftige Schwermetalle und Kohlenwasserstoffe, die tief unter der Erde eingeschlossen sind, werden Ebeling zufolge bei konventionellen Bohrungen nach oben gespült: Insbesondere Quecksilber und Benzol befänden sich in der Nähe von Gas- und Ölförderstätten in Boden, Wasser und Luft.

Am Gasfeld im niedersächsischen Söhlingen habe die Bürgerinitiative außerhalb der Bohrschächte, die offensichtlich undicht seien, weit über 100 Milligramm Quecksilber pro Kilogramm Erde gemessen. Die gesetzlichen Grenzwerte, so Ebeling, lägen mit 20 Milligramm pro Kilogramm in Wohngebieten und 80 Milligram pro Kilogramm in Industrie- und Gewerbegebieten deutlich darunter.

Fracking ist demnach nur die schmutzige Spitze des Eisbergs und hat vor allem durch die Diskussion um Schiefergas in den letzten Monaten viel Aufmerksamkeit bekommen. Die Frage der permanenten Belastung der Böden, der Luft und der Oberflächengewässer durch die Förderung fossiler Rohstoffe wie Gas und Öl hingegen werde bis heute totgeschwiegen, meint Kathrin Otte vom Gemeinnützigen Netzwerk für Umweltkranke (GENUK). Quecksilber oder Benzol würden vor allem als ständige Schadstoffemissionen beim Förderprozess in die Umwelt verbracht.

"Vom nachweislich in die Umwelt gelangten Quecksilber weiß man, dass es sich beim Einatmen im Körper in das hochtoxische Nervengift Methylquecksilber umwandelt und langfristige gesundheitliche Folgen haben kann", erklärt Otte, die sich für Menschen einsetzt, die sich durch Umwelteinflüsse schwere Krankheiten eingehandelt haben. Das Nervengift könne zu Kopfschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisproblemen bis hin zu schweren neurologischen Beeinträchtigungen, Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten oder sogar zu Krebs führen.

Hohe Krebsraten durch Öl- und Gasförderung?

In Söhlingen im Landkreis Rotenburg (Wümme), wo das Unternehmen Exxon Mobil Erdgas fördert, soll es beispielsweise seit drei Jahren eine erhöhte Krebsrate geben. Weder Ärzte noch Betroffene wagen sich Kathrin Otte zufolge aber bisher an die Presse. "Es wird so getan, als gebe es das Problem gar nicht", sagt die Aktivistin. "Was das Erkennen, Diagnostizieren und Therapieren von Umweltkrankheiten angeht, ist Deutschland ein Entwicklungsland."

Auch die Anwohnerin Silke Döbel ist sich nicht sicher. Seit einigen Jahren fällt ihr aber auf, dass es in der Familie, im Bekanntenkreis und der Nachbarschaft immer mehr Krebsfälle gibt: "Allein vier Krebstote haben wir letztes Jahr in unserer engeren Nachbarschaft: Wir haben keine Beweise, aber wir wollen eine Prüfung", sagt Döbel. Auch im Bekanntenkreis der 43-jährigen Kosmetikerin haben Menschen mit der Erkrankung zu kämpfen. Sie organisierte deshalb eine Unterschriftensamlung: Immerhin 700 Söhlinger haben unterschrieben und fordern ein offizielles Gutachten. "Als wir Unterschriften gesammelt haben, ist uns klar geworden, dass wir nicht allein mit unserem Problem sind", so Döbel.

Immerhin läuft jetzt eine Krebsregisterabfrage gemeinsam mit einem örtlichen Gesundheitsamt. Aber Beweise zu sammeln und den Ängsten der Bürger nachzugehen wäre eigentlich Aufgabe der verschiedenen zuständigen Behörden. Die allerdings würden einfach nicht auf die Forderungen der Initiativen nach einem Umweltmonitoring oder der Anfertigung von Studien über Gesundheitsrisiken reagieren, beschweren sich die Bürgerinitiativen.

Nun auch offizielle Messungen über den Grenzwerten

Ganz aus der Luft gegriffen scheinen die Bedenken der aufgebrachten Bürger nicht zu sein. Das Landesbergamt Niedersachsen hat in dieser Woche erstmals die Ergebnisse eigener Proben veröffentlicht: In der Nähe der Erdgasförderstätten im Heidekreis und im Landkreis Rotenburg/Wümme wurden dabei erhöhte Quecksilberwerte festgestellt. Allerdings betonte das Landesamt, dass zumindest an einem Standort im Heidekreis weder Mensch noch Umwelt durch die Werte gefährdet seien. Zwei von 14 Proben lagen aber deutlich über den Grenzwerten, wie das Amt mitteilte. Trotzdem wurde Exxon Mobil Deutschland aufgefordert, weitere Untersuchungen durchzuführen. Strafrechtliche Ermittlungen werden derzeit zumindest nicht ausgeschlossen.

Der Naturschutzbund Nabu hatte Ende Mai bereits 40- bis 70-fach überhöhte Quecksilberwerte in der Nähe von Söhlingen gemessen. Das Quecksilber sei durch belastetes Wasser in den Boden gelangt, das von den Bohrplätzen abgelaufen sei – auch Umweltaktivist Bernd Ebeling fühlte sich da bestätigt. Nach Berichten des Norddeutschen Rundfunks sollen Vertreter der zuständigen Landkreise und des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) schon im Juni mit Exxon über eine Sanierung der kontaminierten Böden verhandelt haben.

Ausgelöst worden war die Bodenuntersuchung durch Berichte von einem "Säureregen", bei dem ein Zusammenhang mit sogenannten Fackelarbeiten an Gasförderstellen vermutet wurde. Bei diesen Arbeiten zur Optimierung der Förderung wird das anfallende Gas komplett abgefackelt. Anwohner klagten über Atembeschwerden und Löcher in Pflanzen.

Bundesrat überweist Fracking-Entwurf in die Ausschüsse

Im Bundesrat ging es am Freitag aber vor allem um das Fracking von unkonventionellen Gas- und Öllagerstätten – die Probleme bei der konventionellen Förderung haben es bisher noch nicht auf die Bundesebene geschafft. Einige Bundesländer hatten zuvor ein generelles Fracking-Verbot gefordert. Alle Anträge dazu wurden in die Bundesrats-Ausschüsse verwiesen.

In der Debatte stellte der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) klar, wie unhaltbar die bisherige Rechtspraxis ist. Der aus dem Bergrecht stammende Rechtanspruch auf Genehmigung, wenn Rohstoffe gefördert werden sollen, habe dazu geführt, dass selbst Wasserversorger und Bürgermeister nicht beteiligt werden, wenn unter ihren Wasserschutzgebieten oder unter Gemeinden Rohstoffe mit Hilfe von Fracking ausgebeutet werden. Niedersachsen wolle den Rechtsanspruch der Unternehmen in eine Ermessensentscheidung umwandeln, bei der der Antrag auch abgelehnt werden kann, wenn Schutzgüter verletzt werden. Sein Land wolle auch kein Pilotprojekt, wie es von der Bundesregierung angestrebt werde, betonte Wenzel.

Die hessische Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) bekräftigte das Ziel, Fracking bei der unkonventionellen Förderung von Gas und Öl generell zu verbieten. Das gebiete der Schutz des Grundwassers. Für Hinz reichen die kürzlich von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Umweltministerin Barbara Hendricks (beide SPD) vorgelegten Eckpunkte für ein Fracking-Gesetz nicht aus, um die Risiken auszuschließen. Zu fragen sei auch, so Hinz, warum das Fracken in Tiefen von mehr als 3.000 Metern erlaubt werden solle. Auch dort könnten Grundwasserverunreinigungen entstehen.

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Wasser und Chemie in die Erde pumpen: Dagegen meldeten sich Fracking-Gegner am Freitag vor dem Bundesrat zu Wort. (Foto: Susanne Scheckel)

Florian Pronold, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, bemühte sich sichtlich, beim Thema Fracking und Bergrecht die Wogen zu glätten. Die Eckpunkte, die im Herbst in ein Gesetzesverfahren münden sollen, seien die strengste Regelung, die je in der Bundesrepublik gegolten habe. Weil es keinerlei Erkenntnisse über die Auswirkungen der Technologie in dieser Tiefe gebe, müsse die Forschung dazu erlaubt werden. Pronold sieht daraus resultierend sogar die Chance, eine "fortschrittliche grüne Umwelttechnologie aus Deutschland" zu schaffen.

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