"Bei Vattenfall lief scheinbar alles schief"
Drei Tage lang, von Montag bis Mittwoch dieser Woche, hatten Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace die Baustelle des vierten Blocks im Vattenfall- Braunkohlekraftwerk Boxberg (Sachsen) besetzt. Hier ein Interview mit einer von ihnen: Viktoria.
Ihr habt drei Tage auf dem Besucherparkplatz von Vattenfall gelebt, wie war eure Ausrüstung?
Viktoria: Wir waren mit einigen PKW auf dem Gelände, in denen schliefen wir auch. Wir das heißt: Kletterer und Leute zur Unterstützung. Die Kletterer waren alle mit Sicherheitskleidung und Lebensmitteln ausgestattet. Das umfasste auch Anzüge, die weder Wind noch Regen durchließen.
War Vattenfall in irgendeiner Weise auf einen solchen Protest vorbereitet?
Viktoria: Bei Vattenfall lief scheinbar alles schief: Zuerst konnten wir einfach auf das Gelände fahren, ohne daran gehindert zu werden. Das Tor zur Baustelle stand offen, die Wachfrau ließ und passieren. In den Zeitungen war am nächsten morgen nachzulesen: Wie im Krimi. Kurz nach drei Uhr rasten drei Transporter durch eine Halbgeschlossene Schranke auf das Baustellengelände, der Wachmann konnte sich nur mit einem Sprung zur Seite in Sicherheit bringen. Schon abgefahren, wie Medien die Tatsachen verdrehen.
Gab es noch mehr Verdrehungen?
Viktoria: Es hieß sogar, Greenpeace sei nicht zum Gespräch bereit. Diese Behauptung war von der Polizei gekommen. Tatsächlich suchten wir immer wieder das Gespräch mit Vattenfall. Das erste fand schon am Montag vor neun Uhr Morgen statt. Schon in dieser ersten Unterhaltung begann sich heraus zu kristallisieren, dass Herr Porsche, der Projektleiter der Baustelle, gar keine Lust hatte über den Klimaschtz zu sprechen.
Seine einzige Sorge galt den Aktivisten, die da oben auf dem Kran ihr Leben riskieren würden. Auf die Erwiderung, dass die Aktivisten voll ausgestattet und ausgebildet seien und ihr Leben nicht gefährden würden, durch den Klimawandel hingegen heute jährlich mehr als 150.000 Menschen sterben würden, ging er nicht ein.

Die Baustelle des Kühlturms für den neuen Braunkohleblock in Boxberg. Foto: Greenpeace
Gab es weitere Gesräche die ergebnisreicher verliefen?
Viktoria: Es kam Montagabend noch zu einer weiteren Unterhaltung. Vattenfall behauptete, sie würden was für den Klimaschutz tun und die 675 Megawatt an anderer Stelle wieder einsparen. Auf die Frage, wann dies geschehen würde antworte Herr Porsche: Nicht heute, nicht morgen - übermorgen. Das hat einfach nur noch einmal gezeigt, dass der Mann überhaupt nicht verstanden hat, worum es beim Klimaschutz geht. Übermorgen ist es zu spät!
Währenddessen hatte Vattenfall die Hauptzufahrt absperren lassen, jedoch einen anderen befahrbaren Weg vernachlässigt. Über diesen konnten dann Lebensmittel-Nachschub und Aktivisten auf das Gelände kommen. Nach einem Tag Hin-und Herfahrens war auch dieser Eingang dicht. Da es netterweise so lange gedauert hatte, bis die Einfahrt ordentlich verbarrikadiert war, konnte noch Material herein- bzw. heraus geschafft werden.
Und danach musstet ihr Hunger leiden?
Viktoria: Nein, überhaupt nicht. Wir waren gut ausgestattet. Außerdem ließ sich zu Fuß auch immer wieder Nachschub auf´s Gelände bringen. Dienstag taten uns die Wachmänner am Eingang einen großen Gefallen, als sie gegen Mittag einen Imbisswagen vorfahren ließen. Das schien nicht im Sinn von Vattenfall. Schnell kam jemand und wies den Fahrer an, sofort das Gelände zu verlassen. Da die Pommes aber schon in der Fritteuse waren, bekamen wir noch unsere Mahlzeit.
Hat Vattenfall eigentlich die Polizei gerufen?
Viktoria: Die ersten Polizisten begegneten uns am späten Montagmorgen. Allerdings waren die Beamten gar nicht an uns oder unserer Aktion interessiert. Ein Busfahrer hatte wohl etwas zu begeistert die Banner an der Kränen bewundert und dabei eine Straßenlaterne umgefahren. Deswegen waren die Beamten da. Als man später feststellte, dass wir nicht einfach nach wenigen Stunden wieder von den Baukränen herunterklettern würden, kam Bereitschaftspolizei aufs Gelände.
Wann haben die ersten Kletterer die Kräne verlassen?
Viktoria: Montagabend wurden sechs Kräne verlassen. Unten Sicherheitsangestellte und Polizei, um die Aktivisten in Empfang zu nehmen. Trotzdem konnten einige völlig unbehelligt vom Kran klettern und durch den Haupteingang rausspazieren.
Und die Kletterer auf dem siebten Kran?
Viktoria: Sie wollten oben bleiben, wenn es sein muss auch länger. Ziel war es ja, ein ernsthaftes Gespräch mit Vattenfall zum Thema Klimaschutz und über die Gefahr, die von Kohlekraftwerken ausgeht, durchzusetzen.
Als dann klar war, dass es zu keinem Gespräch kommen würde, hatten die Kletterer schon mehr als 60 Stunden oben ausgeharrt. Wie war die Stimmung als sie den Kran verließen?
Viktoria: Die Stimmung war super. Auch wenn es noch nicht zu dem Gespräch gekommen ist, wir hatten ein sichtbares Zeichen gesetzt. Auch die Aktivisten die die ganze Zeit den Kran nicht verlassen hatten, waren grandios gelaunt. Man muss mal bedenken, sie waren über 60 Stunden dort oben gewesen.
Während dieser Zeit brannte teilweise die Sonne vom Himmel, teilweise regnete es in Strömen, der Wind pfiff eisig und die Nächte waren bitterkalt. Dazu schliefen die Aktivisten in 75 Metern Höhe. Schon wir unten waren nach einiger Zeit mit wenig Schlaf nicht mehr voll fit und dachten nur: Respekt!
Am Mittwochmorgen haben dann noch einmal 20 Kletterer Stop CO2 auf die Außenseite des Kühlturm-Neubaus gepinselt. Wie konnte das fuktionieren, wenn doch Vattenfall mittlerweile in Alarmbereitschaft war?
Viktoria: Funktionieren konnte es durch die Nachlässigkeit des Wachpersonals. Dieses war zwar schon am Montag aufgestockt worden, trotzdem gelang es den Kletterern den Kühlturm zu erklimmen. Einige konnten sogar - nachdem die Buchstaben auf den Kühlturm gemalt waren - ohne auch nur einem Wachmann zu begegnen, die Baustelle wieder verlassen.
Weitere Fotos und Texte zu der Aktion finden sich auf der Homepage von Greenpeace Deutschland.
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