Frankreichs Atomgegner wittern ihre Chance

Die Welt nach Fukushima: In einer Serie beleuchtet klimaretter.ino die Auswirkungen auf die Welt. Heute: Frankreich, dass nach den USA weltweit die meisten Atomkraftwerke unterhält. Seit in Japan der GAU droht, haben Atomkraftkritiker in Frankreich wieder eine Stimme. Eine Debatte um ein Ende der Atomkraft wie in Deutschland hatte Frankreich noch nie – doch genau das könnte nun kommen.

Aus Paris Susanne Götze

In Japan waren vor dem Erdbeben am vergangenen Freitag 54 Reaktoren am Netz. Noch vor dem Unglücksland liegt die Atomnation Frankreich mit ganzen 58 Atomkraftwerken. Über einen Atomausstieg wurde in der Öffentlichkeit noch nie wirklich debattiert. Während in Deutschland zwölf Jahre Laufzeitverlängerung Hunderttausende auf die Straße brachten, laufen die alten Atomkraftwerke in Frankreich ohne großes Aufsehen weiter.


Frankreich baut neue Atomkraftwerke - hier in Flammanville - und die Politik weigert sich großenteils, nach der Katastrophe in Japan über die Sicherheit der französischen AKW zu diskutieren. (Foto: asn.fr)

Die Grünen Spitzenpolitiker Nicolas Hulot und Daniel Cohn-Bendit (Europe Écologie-Les Verts) haben nach den Explosionen in den japanischen Kernkraftwerken und dem immer noch drohenden GAU eine Volksabstimmung zur Atomkraft gefordert. Sie nutzen damit die Gunst der Stunde, endlich eine nationale Grundsatzdebatte zur Atomkraft ins Rollen zu bringen. Ein Referendum lehnen Regierungspolitiker allerdings ab. Der konservative Minister für Energie und Umwelt, Eric Besson, sagte am Montagmorgen im Radiosender France Inter, dass er keinen Grund für ein Referendum sehe. Die Atomkraft sei immer noch die billigste Energieform und ein Erdbeben in Frankreich nicht zu erwarten – Japan sei Opfer einer Umweltkatastrophe von biblischem Ausmaß und zudem sei keine Energieform zu 100 Prozent sicher. Wenn die Franzosen unbedingt einen Ausstieg wollten, könnten Sie dies bei der nächsten Präsidentenwahl geltend machen, so die zynische Antwort Bessons auf die Forderungen der Grünen.

Premierminister Francois Fillon wie auch Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet zeigten ebenfalls wenig Verständnis für eine nukleare Grundsatzdebatte, im Gegenteil: Zwar wolle man weiterhin an der Sicherheit der Kraftwerke arbeiten, ein Grund zur Abschaltung sei Japan aber nicht. Französische Umweltschützer werfen der Regierung vor, der Debatte aus dem Weg zu gehen. Greenpeace Frankreich nannte es einen Skandal, dass französische Regierungspolitiker in einer Situation wie dieser die Energieform nicht nur verteidigten, sondern auch noch Werbung für sie machten.

Mahnwachen, Treffen im Elysee und angeblicher Verrat

Am Montagabend traf Präsident Nicolas Sarkozy mit den Machern des Umweltgesetzes "Grenelle" zusammen, um weitere Schritte auf der umweltpolitischen Agenda zu diskutieren. Erst am Dienstag erklärte der französische Außenminister Alain Juppé öffentlich, dass sich Japan auf eine nukleare Katastrophe zu bewege. Erstmals räumte dabei ein Mitglied der Regierung unter Präsident Nicolas Sarkozy ein, dass ernsthaft über die Sicherheit der französischen Atomkraftwerke und sogar über eine Reduzierung der Reaktoren nachgedacht werden könne – allerdings sei dies nicht in den kommenden 20 bis 30 Jahren realistisch, meinte Juppé gegenüber dem Fernsehsender Europe 1. Sarkozy hatte in den letzten Tagen immer wieder betont, die Ereignisse in Japan seien kein Grund für einen Ausstieg.


Wie sicher sind die französischen Atomkraftwerke? Die Organisation Sortir du Nucleaire hat eine Übersichtskarte erstellt.

Während die Grünen die Regierung auf Trab halten, organisiert das Netzwerk Sortir du Nucléaire den zivilen Druck auf der Straße: In Paris und anderen französischen Städten finden derzeit verschiedene Mahnwachen und Demonstrationen statt. Das Netzwerk erklärte, dass es höchste Zeit sei, sofort aus der Atomkraft auszusteigen und unterstützt die Idee eines Referendums.

Doch auch die Umweltschützer haben in Frankreich keine reine Weste, meint jedenfalls der Journalist Fabrice Nicolino, der soeben sein neues Buch "Qui a tué l’écologie?" ("Wer hat die Ökologie getötet?") herausgebracht hat. Er klagt die Umweltorganisationen wie Greenpeace, WWF und auch Nicolat Hulot an, den Umweltschutz verraten zu haben. Denn das Umweltgesetz "Grenelle" hat die Regierung in Zusammenarbeit mit einer Kommission aus eben diesen Umweltverbänden und Grünen Prominenten erarbeitet. Ganz abgesehen von dem mageren Ergebnis: der Atomausstieg kommt darin kein einziges Mal vor.


Französische Anti-Atom-Aktivistinnen bei einem Protest in Lyon. (Foto: Mariannes/sortirdunucleaire.org)

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