100.000 halten Mahnwache
In mehr als 400 deutschen Städten halten Atomstrom-Gegner Mahnwachen für die Opfer in Japan ab: Von den Bildern aus Japan aufgewühlt, schreien sie ihre Verzweiflung und Sorgen raus. Vor dem Kanzleramt ist die Opposition prominent vertreten, aber für Gabriel, Roth, Trittin und Co. wird die Mahngewache richtig schmerzhaft. Bundeskanzlerin Merkel will heute erste Atomkraftwerke abschalten lassen.
Aus Berlin Nick Reimer
Vielleicht 3.000 Menschen sind es, die vor das Kanzleramt Angela Merkels in Berlin gezogen sind. Deutschlands Regierungschefin hatte keine Stunde zuvor den Austieg aus dem Austieg des Atomausstieges verkündet, was soviel bedeuten soll, wie: die Laufzeitverlängerung ist zurück genommen - zumindest partiell, also für drei Monate. Aber das reicht den Menschen hier nicht mehr aus: "Abschalten, Abschalten", skandieren sie immer wieder.

Zur Mahnwache hatte in Berlin ein Bündnis aus Naturfreunden, Campact und Anti-Atom-Initiativen aufgerufen. Gekommen war auch viel Politprominenz. Zum Beispiel Sigmar Gabriel. "Wir wollen kein Moratorium", sagte der SPD-Chef zu den Plänen der Regierung. "Wir wollen, dass die Kernkraftwerke endlich abgeschaltet werden." Gabriel warf der Regierung "taktische Spielchen" mit der deutschen Bevölkerung vor und geißelte das Bild der Union, die Atomkraft sei eine Brückentechnologie ins erneuerbare Zeitalter: "Gucken Sie doch ins Fernsehen, da können Sie bewundern, wie diese Brücke eingestürzt ist."
Ins gleiche Horn stieß Bündnisgrünen-Chefin Claudia Roth: "Wir wollen kein Moratorium, denn die Regierung versucht mit diesem nur Zeit zu gewinnen". Statt eines solchen Schrittes müssten jetzt sofort die sieben ältesten Atomkraftwerke, die die neuen Sicherheitsüberprüfungen nicht erfüllen könnten, "endgültig abgeschaltet werden", so Roth. Wie Gabriel wurde sie immer wieder von frenetischem Beifall und Sprechchören "Abschalten! Abschalten!" unterbrochen.
Allerdings erlebten weder Gabriel noch Roth noch die Berliner Spitzenkandidatin der Bündnisgrünen Renate Künast noch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit eine harmonische Veranstaltung. Es war der BUND-Energie-Experte Thorben Becker, der den vollen Mund der Politiker ins Verhältnis zu ihren Regierungsleistungen setzte. "Hier stehen viele führende Parteimitglieder und zwei ehemalige Umweltminister" - selbstverständlich war Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) auch gekommen - "die nach dem 11. September die Chance gehabt hätten, den Atomausstieg tatsächlich zu bewerkstelligen", so Becker. Deshalb sei wichtig, das die Anti-Atom-Bewegung wachsam bleibe und auch dann weiterhin die politisch Handelnden unter Druck setze, wenn die im Vorfeld von Wahlen erklärtermaßen atomkritischen Kräfte das Heft des Handelns übernommen haben sollten.

Politprominenz, die sich vom BUND-Energieexperten Thorben Becker (am Mikrofon) tadeln lassen muss (und entsprechend schaut): Claudia Roth (Bündnisgrüne), Gesine Lötzsch, Gregor Gysi (beide Linke), Sigmar Gabriel (SPD) und Renate Künast, (von links nach rechts). (Fotos: Reimer)
Das war vor dem Kanzleramt nicht die einzige Mahnwache in Berlin. Auf dem Alexanderplatz hatten sich an der Weltzeituhr gut 500 Anti-Atomkraft-Gegner versammelt. Und diese beiden Berliner Mahnwachen waren nicht die einzigen an diesem Montagabend: In der Rhein-Neckar-Region, in Heidelberg und Mannheim, fanden Mahnwachen statt, in Düsseldorf kamen gut 500 Teilnehmer, vor der Zentrale des Energiekonzerns RWE in Essen, vor der einzigen Uranfabrik Deutschlands im westfälischen Gronau, in Heidelberg, Hamburg, Potsdam, Wien, Dresden....
Insgesamt zählten die Organisatoren in mehr als 400 Städten Proteste, von mehr als 100.000 Menschen. Jochen Stay, Sprecher von ausgestrahlt: "Der massive Zulauf zu den Protesten zeigt, dass die Bundeskanzlerin mit ihrer Moratoriums-Strategie gescheitert ist. Die Bevölkerung nimmt ihr nicht ab, dass sie es in punkto Sicherheit ernst meint. Denn nur ein stillgelegtes AKW ist ein wirklich sicheres AKW."
Allerdings will die Bundeskanzlerin heute Ernst machen. In Berlin erwartet sie jene fünf Ministerpräsidenten, auf deren Herrschaftsterritorium Atomkraftwerke stehen: also die Regierungschefs aus Hessen (hier gibt es 2 Reaktoren), Baden-Württemberg (4), Bayern (5), Niedersachsen (3) und Schleswig-Holstein (ebenfalls 3). Den durchgesickerten Plänen zu Folge sollen die störanfälligsten Atomkraftwerke Isar I (Bayern), Biblis A (Hessen) und Neckarwestheim I abgeschaltet werden.

Unterdessen scheint die Lage am japanischen AKW-Standort Fukushima außer Kontrolle geraten zu sein. Zwar gibt es immer noch keine wirklich klaren Informationen. Die Nachrichtenagentur Kyodo beruft sich aber auf Betreiberkreise, nach denen nun auch der Reaktorbehälter des Blocks 2 beschädigt worden ist - und Radioaktivität in größerem Umfang austritt. Zumindest wurden alle Mitarbeiter schnellstens evakuiert.
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 11 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





Auch am zweiten Tag der Havarie des Atomkraftwerks Fukushima ist das Ausmaß der Katastrophe unklar. Samstag Vormittag kam es zu einer Explosion, die das Reaktorgebäude zerstörte. Die japanische Regierung hat eine Kernschmelze zunächst bestätigt, später jedoch wieder dementiert. Unklar ist zur Zeit auch, wie der Zustand von vier weiteren AKWs und einer Wiederaufarbeitungsanlage ist, in denen ebenfalls Probleme gemeldet wurden.
Nach dem Erdbeben in Japan kam es im Atomkraftwerk Fukushima möglicherweise zu einer Kernschmelze. Explosion zerstört Reaktorgebäude, Dach eingestürzt. Behörden befürchten weit über 10.000 Tote.
Gebäude des Reaktor 3 total zerstört, im Reaktor 2 sollen die Brennstäbe frei liegen
Erstmals räumt die Regierung eine "vorübergehende" Kernschmelze nach dem verheerenden Erdbeben und anschließendem Tsunami am Atomkraftwerk Fukushima I ein. Ein Nachbeben im Nordosten des Landes verursachte offenbar keine weiteren AKW-Schäden.
Klimaretter.info empfielt eine Linkliste zu Hintergründen und aktuellen Nachrichten der Ereignisse in Japan
Die Welt nach Fukushima: In einer Serie beleuchtet klimaretter.ino die Auswirkungen auf die Welt. Heute: Frankreich, dass nach den USA weltweit die meisten Atomkraftwerke unterhält. Seit in Japan der GAU droht, haben Atomkraftkritiker in Frankreich wieder eine Stimme. Eine Debatte um ein Ende der Atomkraft wie in Deutschland hatte Frankreich noch nie – doch genau das könnte nun kommen.
Die Welt nach Fukushima: In einer kleinen Serie beleuchtet klimaretter.info, welche Auswirkungen das Reaktorunglück auf die Atompläne einzelner Länder hat. Heute: Schweden, das sich selbst gern als Atomtechnik-Vorreiter sieht. Dummerweise weist nun ausgerechnet das "Entsorgungskonzept" grobe Mängel aus.
Nachdem sich in Reaktor 3 kurzfristig der Druck erhöht hatte, ist dieser wieder gesunken
Die Welt nach Fukushima: Eigentlich kann einem Atomkonzern wie Areva nichts Schlimmeres passieren als ein Fukushima. Doch von Depression keine Spur: Der Konzern hält schon wieder Ausschau nach neuen Geschäftspartnern und die Areva-Chefin wird als Retterin gefeiert.
Kommt es zur Atomkatastrophe, entstehen Schäden in Billionenhöhe. Die AKW-Betreiber haften in Deutschland und Japan zwar im Prinzip unbegrenzt. Das vorhandene Geld reicht aber nur, um einen Bruchteil der Schäden auszugleichen.
Eine Tsunami-Warnung wurde nach dem Beben der Stärke 7,1 wieder aufgehoben, am AKW Fukushima fiel kurzzeitig die Kühlung aus. Einen Monat nach der großen Katastrophe am 11. März gedenkt Japan der Opfer und erweitert die Evakuierungszone.
Rettungsversuche am Akw: Hubschraubereinsatz, Wasserwerfer - und Freiwillige, die das Risiko einer Verstrahlung eingehen, um die Katastrophe zu verhindern.
Kühlung mit Löschfahrzeugen wird fortgesetzt. Tepco: Regierung beschließt Todesurteil für Mitarbeiter
Fukushima hat auch Konsequenzen für die deutsche Atompolitik. Merkel: "Die Geschehnisse lehren uns, dass eintreffen kann, was wir nicht für wahrscheinlich gehalten haben".
Merkel einigte sich am Dienstagmorgen mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer, in denen Atomkraftwerke betrieben werden, die sieben ältesten deutschen AKW zeitweise stillzulegen. Auch das Pannen-AKW bleibt vom Netz. Opposition: Nichts als Wahlkampfmanöver.


