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Gewerkschaften streiten über CCS

Unter dem Titel "Brückentechnologie oder Krückentechnologie?" hat der DGB zu einer kontroversen Diskussion über die Kohlendioxid-Abscheidetechnologie CCS eingeladen. Der DGB Berlin-Brandenburg hatte sich im Vorfeld bereits zurückhaltend positiv über CCS geäußert, aber auf der Veranstaltung kamen vor allem Kritiker zu Wort.

Aus Berlin Hanno Böck

Mit der CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage) sollen Kohlekraftwerke klimafreundlicher werden. Kohlendioxid soll im Kraftwerk abgeschieden und in unterirdische Gesteinsschichten eingelagert werden. In den Gewerkschaften ist das Thema umstritten – während bei den erneuerbaren Energien gerade neue Arbeitsplätze entstehen, gibt es weiterhin eine starke Lobby von Gewerkschaftern aus der Kohlewirtschaft. Vor allem die IG BCE (Bauen, Chemie Energie), die Arbeiter aus Kohletagebauen und Kraftwerken vertritt, sieht in CCS eine große Chance. Der DGB Berlin-Brandenburg hatte im Vorfeld versucht, den verschiedenen Interessen gerecht zu werden – man sei für CCS-Demonstrationsprojekte, allerdings sei ein großtechnischer Einsatz von CCS nur bei garantierter Sicherheit zu verantworten. Gegen die Demonstrationsprojekte im brandenburgischen Beeskow und Neutrebbin gibt es aber gerade massive Proteste aus der Bevölkerung.


CCS-Debatte beim Deutschen Gewerkschaftsbund. (Foto: Böck)

Den Auftakt bildete ein Vortrag von Martin Faulstich vom Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung. Der Sachverständigenrat hatte im vergangenen Jahr mit einem Gutachten für Furore gesorgt, welches die Möglichkeit eines schnellen Umstiegs auf erneuerbare Energien deutlich optimistischer als die Bundesregierung einschätzte: 100 Prozent Erneuerbare bis 2050. Im Januar schob der Rat noch einmal nach und erklärte das Ziel sogar bis 2030 für möglich.

In seinem Vortrag betonte Faulstich erneut, dass weder eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke noch der Neubau von weiteren Kohlekraftwerken nötig sei. CCS für deutsche Kohlekraftwerke hält Faulstich für nicht sinnvoll – allerhöchstens für sogenannte Prozessemissionen (etwa aus der Stahl- und Zementindustrie) oder für Kraftwerke in Schwellenländern wie China sei CCS eine Option.

Den Part des klaren CCS-Befürworters übernahm am Donnerstag in Berlin Hubertus Altmann, Vorstand der Abteilung Kraftwerke bei Vattenfall Europe. Altmann hielt zwar seinen Vortrag, musste anschließend jedoch wegen eines wichtigen Termins die Veranstaltung verlassen – obwohl er für eine spätere Podiumsdiskussion eingeplant war. Von Bürgerinitiativenvertretern, die im Publikum zahlreich präsent waren, kamen hierzu klare Worte: Vattenfall kneife – wie schon bei früheren Gelegenheiten - vor der Diskussion mit seinen Kritikern.


Proteste gegen CCS, hier eine Bürgerinitiative aus der Altmark/Niedersachsen vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. (Foto: J. Treblin)

Ernst Kern vom Wasserverband Nord sieht seine Branche durch CCS bedroht: "Wir brauchen unser Grundwasser nicht mehr von oben zu schützen und die Menschen mit Wasserschutzgebieten und ähnlichen Maßnahmen zu belästigen, wenn es von unten bedroht wird", so die deutliche Ansage von Kern. Wenn Kohlendioxid in großen Mengen in den Boden eingepresst werde, kann Salzwasser verdrängt werden und in süßwasserführende Grundwasserschichten eindringen.

Ralf Krupp, Geologe und Geochemiker, sieht vor allem in der durch CCS sinkenden Effizienz ein großes Problem. Selbst modernste Kohlekraftwerke haben ohnehin nur einen geringen Wirkungsgrad von etwa 40 Prozent. Allein neun Prozent des Stroms seien notwendig, um den Kohlebergbau zu betreiben. Krupp rechnet damit, dass allein die Abscheidung des CCS aus dem Abgas eines Kraftwerks 30 Prozent mehr Energie benötige. Weitere 19 Prozent seien notwendig, wenn das Kohlendioxid, wie es geplant ist, über mehrere hundert Kilometer durch Leitungen transportiert wird. In bisherigen Berechnungen sei dies, so Krupp, vernachlässigt worden. Der Geologe, der bereits für den BUND ein Gutachten zur Kohlendioxidspeicherung verfasst hat, kommt zu dem Schluss, dass insgesamt doppelt so viel Kohle nötig ist, um ein CCS-Kraftwerk zu betreiben. Dadurch stiegen auch die direkten Emissionen des Kohlebergbaus – etwa entweichendes Methan – welches nicht durch Abscheidungstechnologien aufgefangen werden könne.


Kohlendioxid-Leck in Weyburn/Kanada. (Foto: Ecojustice)

Ob die Technologie überhaupt funktioniere, daran zweifelt Krupp: Er verwies auf einen Fall im kanadischen Weyburn: Bei dem CCS-Vorzeigeprojekt wird Kohlendioxid in ein Ölfeld zur Erhöhung der Ausbeute injiziert. Ein lokales Farmerehepaar berichtet von Kohlendioxidaustritten in Seen und sterbenden Tieren, eine Studie bestätigt, dass das Kohlendioxid aus dem CCS-Projekt stammt. Die Berichte wurden zwischenzeitlich jedoch von einem Forschungsinstitut der Ölindustrie bestritten. Auch bei einem weiteren internationalen Vorzeigeprojekt im Norwegischen Sleipnir sieht Krupp deutliche Anzeichen für Leckagen – man habe bei seismologischen Untersuchungen nur etwa drei Viertel der injizierten Kohlendioxid-Menge wiedergefunden. Doch wenn ein Kohlendioxid-Lager nur geringfügig leckt macht die ganze Technologie keinen Sinn.

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