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Hunderttausende gegen Belo Monte

Im Film "Eine andere Welt ist möglich?" beleuchtet Martin Keßler den geplanten Bau des Megastaudamms Belo Monte in Brasilien.

Aus Porto Alegre Gerhard Dilger

"Eine andere Welt ist möglich? – Kampf um Amazonien" – so heißt der rundum empfehlenswerte Dokumentarfilm, den Regisseur Martin Keßler nun auch in mehreren brasilianischen Städten vorgestellt hat.

Im bislang besten Film über den geplanten Bau des Megastaudamms Belo Monte am Rio Xingu, einem Nebenfluss des Amazonas, lässt Keßler vor allem jene zu Wort kommen, die von dem höchst umstrittenen Megaprojekt bedroht sind und sich seit Jahrzehnten dagegen wehren. Darunter ist auch der austrobrasilianische Bischof Erwin Kräutler, der jüngst mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde.


Der Fluss Xingu soll zur größten Talspere Brasiliens aufgestaut werden. (Foto: Amazon Watch) 

Keßler hat vor allem das Weltsozialforum in Belém 2009 genutzt, um den Kontext von Belo Monte auszuleuchten: Die von den brasilianischen Steuerzahlern hoch subventionierte Wasserkraft kommt vor allem multinationalen Aluminium-Konzernen zugute. Antonia Melo von der lokalen Protestbewegung beklagt sich, dass Regierung und der Staatsbetrieb Eletronorte den Dialog verweigern. "Viele reden über Amazonien, ohne es zu kennen", sagt der damalige Präsident Lula da Silva auf dem Weltsozialforum 2009, und, an die Adresse ausländischer Journalisten: "Kümmert Euch um Eure Angelegenheiten, Brasilien kümmert sich um die seinen".

Es ist derselbe Lula, der jetzt auf dem Weltsozialforum in Dakar den Afrikanern geraten hat, die sozial und ökologisch äußerst fragwürdige Agrarpolitik der Brasilianer zu übernehmen, von der vor allem das nationale und transnationale Agrobusiness profitiert. So habe man die "grüne Wüste Cerrado" urbar gemacht, sagte Lula – in Wirklichkeit verschwindet das wertvolle Ökosystem gerade unter Zucker- oder Sojamonokulturen. Lulas Tipp: Der Hunger in Afrika sei durch die Ausweitung einer "grünen Revolution" auf Afrikas Savannen in den Griff zu bekommen.

"Dolchstoß ins Herz Amazoniens"

In Brasilien, wo die Umweltbehörde Ibama vor ein paar Wochen eine offenbar rechtswidrige Genehmigung für den Baubeginn erteilt hat, geht unterdessen die Debatte über Belo Monte weiter. Letzte Woche demonstrierten Hunderte Indigene und Flussbewohner aus der Xingu-Region in Brasília und überreichten Regierungsbeamten gut 600.000 Unterschriften gegen das auch volkswirtschaftlich widersinnige Mammutprojekt. Kritiker erinnern immer wieder daran, dass allein die hohen Transmissionsverluste, die sich bei einer Modernisierung des Stromnetzes bedeutend verringern ließen, der fünffachen Kapazität von Belo Monte entsprechen.

Erwin Kräutler spricht von einem "Dolchstoß ins Herz Amazoniens": "Es geht nicht nur um Belo Monte. Es geht um den Dominoeffekt. Wenn Belo Monte durchgeführt wird, kommen drei weitere Dämme am Xingu infrage und auch am Tapajos." Insgesamt seien im gesamten Amazonasgebiet über 100 Wasserkraftwerke vorgesehen: "Damit ist Amazonien am Ende, und das hat Folgen. Nicht nur für Amazonien, sondern für die ganze Welt."

Präsidentin Dilma Rousseff war nicht zu sprechen. Antonia Melo zeigte sich nach dem Treffen mit den Funktionären frustriert: "Die Regierung sagt, sie will den Dialog, aber sie ist nicht bereit, auch nur einen Fitzel an dem Projekt zu ändern", meinte die Aktivistin. "Was ist das für ein Dialog?"


Indigene auf dem Weltsozialforum in Belém 2009. (Fotos: Martin Keßler / neuewut.de)

Zu den ersten Profiteuren werden die europäischen Konzerne Alstom (Frankreich), die Siemens-Tochter Voith-Hydro (Deutschland) und Andritz (Österreich) gehören, die Generatoren und Turbinen liefern sollen - ein entsprechender Vertrag wurde letzte Woche unterzeichnet. Nennenswerte Proteste dagegen gibt es aber nur in Österreich.

Martin Keßler, der soeben aus Brasilien zurückgekehrt ist, hat dort für das kürzere Nachfolgeprojekt "Countdown am Xingu"gedreht, doch dessen Realisierung wird schwierig. So platzte vor kurzem die lange vereinbarte Kooperation mit Arte - wegen "mangelnder Sendeplätze", wie man dem Filmemacher beschied. Er wird nun auf Youtube ausweichen müssen.

"Es ist eine Katastrophe", sagt Kessler. Auch aus der staatlichen Filmförderung flössen immer mehr Mittel in TV-Hochglanzproduktionen. Reisefeatures über Amazonien gebe es genug, soziopolitische Themen seien immer weniger gefragt: "Verblödung statt Aufklärung, das ist die Devise".


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