Forscher starten Gas-Leckageversuch
Nahe Wittstock in Brandenburg wollen Wissenschaftler Kohlendioxid ins Grundwasser einleiten, um zu sehen, was passiert. Eine Bürgerinitiative wehrt sich.
Aus Berlin Johanna Treblin

Das idyllische Städtchen Wittstock in Brandenburg. Eine BI fürchtet um das Trinkwasser der Stadt. (Foto: RuckSackKruemel/Flickr)
Seit Januar laufen in der Kyritz-Ruppiner Heide nahe Wittstock in Brandenburg Vorbereitungen für die Forschungsarbeiten, die im März beginnen sollen. 13 tiefe Löcher von bis zu 21 Metern werden in den sandigen Grund gebohrt. Das Kieler Institut, das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ) und das Institut für Wasserbau der Universität Stuttgart wollen hier testen, welche Auswirkungen es haben kann, wenn CO2 ins Grundwasser gelangt. Dazu wird das Gas gezielt ins Grundwasser gepumpt – "nicht großflächig und zeitlich sehr begrenzt", sagt dazu Projektkoordinatorin Anita Peter von der Universität Kiel. Geplant ist, 100-prozentiges Kohlendioxid für zehn Tage zu injizieren. Die Gesamtmenge beträgt 840 Kilogramm.
"CO2 kann auf verschiedene Arten ins Grundwasser gelangen", sagt Peter. Beispielsweise bei Geothermiesonden, die mit CO2 als Wärmeträger betrieben werden. CO2 gelte dabei als "nicht gewässergefährdende Substanz". Das Trinkwasser der nahen Stadt Wittstock werde durch die CO2-Injektion nicht gefährdet. "Für die Experimente wurde gezielt ein Grundwasserleiter ausgewählt, der bereits aufgrund seiner Vorbelastung nicht für die Trinkwasserversorgung in Frage kommt", heißt es auch seitens des Bundesforschungsministeriums.

Die "Wittstock-Ruppiner Heide". (Graphik: bfn.de)
Rund 100 Kilometer südwestlich vom ehemaligen Truppenübungsplatz Bombodrom liegt die sachsen-anhaltinische Stadt Salzwedel. Das dortige Erdgaslager ist fast leer gepumpt. Die Energiekonzerne Vattenfall und GdF Suez planen, 100.000 Tonnen Kohlendioxid unter anderem aus der Vattenfall-CCS-Pilotanlage Schwarze Pumpe in die Endlagerstätte zu pumpen und zu speichern. Im April 2010 wurde das Projekt zunächst auf Eis gelegt, weil Gaz de France als Eigentümer des Gasfeldes auf das geplante CCS-Gesetz warten will, das wegen Unstimmigkeiten zwischen Bundesumwelt- und Bundeswirtschaftsministerium sowie einiger Bundesländer immer wieder verschoben wird.
Bürgerinitiative vermutet Zusammenhang
Die Bürgerinitiative vor Ort, "Kein CO2-Endlager Altmark", sieht zwischen den beiden Projekten einen Zusammenhang. Zum einen sind an beiden das Kieler Institut für Geowissenschaften unter der Leitung von Professor Andreas Dahmke - Bereich Angewandte Geologie - beteiligt. Auch das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und das Ingenieurbüro Gicon sind bei beiden Projekten mit von der Partie. Darüber hinaus verweist die BI auf eine Stellenausschreibung des Kieler Instituts von 2008 für Doktoranden, die klimaretter.info vorliegt: "Alle Stellen sind an die Bearbeitung von Forschungsprojekten geknüpft, die sich mit sehr aktuellen Themen der CO2-Sequestrierung oder Altlastensanierung beschäftigen", heißt es darin. "Die Projekte sind in größere Verbundprojekte eingebunden, an denen andere Universitäten, Forschungszentren, Industriepartner und Energieversorger beteiligt sind, die nach Abschluss der Promotion berufliche Perspektiven bieten können."
Ausgeschrieben sind Stellen unter anderem für das Projekt CO2Mopa zur Modellierung von CO2-Speicherung anhand von Computersimulationen und für das CO2-Lagerungsprojekt in der Altmark. Eine davon bezieht sich auf einen CO2-Leckageversuch. Der Titel des entsprechenden Projekts (EGR-Teilprojekt 3.2) ist fast identisch mit der Bezeichnung des Versuchs in der Kyritz-Ruppiner Heide. In der Ausschreibung heißt es: "An einem Standort mit ähnlichem geologischem Aufbau wie die Altmark soll die Ausbreitung von CO2 in oberflächennahen Formationen anhand eines Großversuchs untersucht werden."

Protestplakat der BI Kein CO2-Endlager Altmark.
Den Zusammenhang zwischen der CO2-Injektion und dem geplanten CO2-Lager weist Peter gegenüber klimaretter.info zurück: "Das Projekt in der Kyritz-Ruppiner Heide steht nicht im Zusammenhang mit der geplanten CO2-Speicherung in Salzwedel." Der Fokus liege auf der Erforschung der Auswirkungen von Kohlendioxid auf oberflächennahes Grundwasser, das, so Peter, "potenziell durch eine Leckage eines - sehr viel tiefer gelegenen - Kohlendioxid-Speichers in obere Grundwasserleiter gelangen könnte". "Wir betreiben Grundlagenforschung." Weil die Geologie überall sehr unterschiedlich sei, könne man die Ergebnisse der Forschungen in Kyritz-Ruppin nicht auf das geplante CO2-Lager in Salzwedel in der Altmark übertragen.
Die BI hat allerdings noch weitere Kritikpunkte an dem Grundwasser-Versuch bei Wittstock: Das Projekt ist zwar laut Projektbeschreibung eigenständig. Die Modellierungen von CO2Mopa sind jedoch laut eigener Website sowie Beschreibung des Bundesforschungsministeriums zur Hälfte industriefinanziert. Die Modellierungen müssen zwar nicht, können aber laut Forschungsministeriums-Sprecher Ferdinand Knauß auch als Grundlage für den Versuch in Wittstock genutzt werden.
"Die Unabhängigkeit einer wissenschaftlichen Untersuchung darf stark in Zweifel gezogen werden, wenn Drittmittel von Energiekonzernen stammen", sagt BI-Sprecher Lothar Lehmann gegenüber Klimaretter.info. Zumal neben Wintershall, EnBW, Eon und den Stadtwerken Kiel genau die Energiekonzerne beteiligt sind, die in der Altmark, in Brandenburg und in Köln-Hürth CCS-Anlagen planen: Vattenfall und RWE.
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