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"E10 ist eine Mogelpackung"

 

Hans-Udo Weiland, 68, ist seit 2007 Landesvorsitzender des BUND Sachsen. Seit 30 Jahren bearbeitet er in verschiedenen BUND-Landesverbänden schwerpunktmäßig die Themen regenerative Energien, Biomasse, Ersatzbrennstoffe und Klimawandel. Hans-Udo Weiland hat bis zur Rente für IBM als Systemanalytiker gearbeitet. Er ist ausgebildeter Informatiker und Unternehmensberater.


Klimaretter.info: Der BUND Sachsen fordert Autofahrer zum Boykott der "Mogelpackung im Ökogewand" auf. Warum ist E10 eine Mogelpackung?

Hans-Udo Weiland: Der Begriff "Bio" wird gerne verwendet, um dem Verbraucher Gesundheit, Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit zu suggerieren, wobei die einzige Verbindung zu "Bio" darin besteht, dass der Alkohol aus eigens dafür angebauten Pflanzen hergestellt wird. Was gerne verschwiegen wird, sind die Belastungen von Luft, Boden und Gewässern beim Anbau der Energiepflanzen in Intensivlandwirtschaft.

Die zur Erzeugung von Dünger und Pestiziden sowie beim Anbau und Ernte der Pflanzen erforderliche Energie wird ebenso ignoriert wie die zum Transport von Rohstoff, Endprodukt und Abfall sowie zur Produktion des Bio-Ethanol eingesetzte Energie. Neben einer vollständigen Energiebilanz ist darüber hinaus eine CO2-Bilanz unverzichtbar. Erst diese Gesamtbetrachtung könnte Auskunft darüber geben, in wieweit E10 tatsächlich eine Verbesserung der Energiegewinnung im ökologischen Sinn darstellt. 

Seit dem letzten Jahr gibt es die schon lange geforderte Zertifizierung in Deutschland. An Tankstellen dürfen nur Agrokraftstoffe verkauft werden, die ein solches Nachhaltigkeitszertifikat besitzen.

Hier drängt sich das Gefühl auf, dass mal wieder der Bock zum Gärtner gemacht wird. Genauso könnte die Polizei auf die Idee kommen, Gebäudesicherungssysteme von Einbrechern entwickeln zu lassen. Die Durchführung der Zertifizierung ist eine Schwachstelle des gesamten Zertifizierungssystems. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sieht die Produktion von Biomasse zur Energiegewinnung, speziell zur Bio-Ethanol-Herstellung sehr kritisch. Im Forschungsbericht 1/2009 wird der derzeitigen Förderpolitik und der Praxis der Biomassenutzung aus ökologischen Gründen eine klare Absage erteilt. Ein Grund dafür ist, dass auf mehr als zehn Prozent der deutschen Landwirtschaftsflächen nur ein Prozent des Kraftstoffbedarfs erzeugt wird. 


Eine Fabrik von innen: Hier wird Agro-Ethanol hergestellt. (Foto: US-Landwirtschaftsministerium)

Sie kritisieren die Politik der Sächsischen Landesregierung, die den Energiepflanzenanbau auf immer größeren Flächen unterstützt. Wie hat sich die Flächennutzung durch den Anbau von Energiepflanzen bisher verändert?

Aufgrund der Förderpolitik steigt die Fläche für den Anbau von Biomasse überproportional an. So hat sich die Fläche für den Maisanbau allein in den Jahren 2005 bis 2007 von 70.000 auf 350.000 Hektar verfünffacht. Wenn der Landwirt aufgrund von Fördermitteln bei der Erzeugung von Energiepflanzen mehr pro Hektar verdienen kann als er für Nahrungs- und Futtermittel bekommt, bleibt ihm ja in vielen Fällen gar nichts anderes übrig, als hier mitzumachen. Aber selbst wenn alle landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland zum Biomasseanbau genützt würden, könnte der Energiebedarf nur zu sieben Prozent gedeckt werden.

Wieviel Hektar Anbaufläche werden derzeit hierfür gebraucht?

Bundesweit werden derzeit mehr als 12 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen für den Biomasseanbau genutzt. Der Flächenbedarf im Jahr 2010 beträgt in Sachsen circa 17 Prozent. 

Welche Folgen hat das für die Landwirtschaft?

Ein wichtiger Aspekt ist, dass der Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln Flächen entzogen werden, weil es sich aufgrund der völlig fehlgestalteten Förderpolitik des Staates wesentlich mehr lohnt, Energiepflanzen anzubauen. Die Folge sind bei uns in Deutschland steigende Preise, zum Beispiel beim Weizen, die unausweichlich zu steigenden Nahrungsmittelpreisen führen. Das bekommt ein anderer Zweig der Landwirtschaft, die Schweinezucht, bitter zu spüren. Die Produktionskosten für Schweinefleisch steigen, die Erlöse sinken. 

Stehen also in Sachsen Nahrungsmittelanbau und Energiepflanzenanbau in direkter Konkurrenz zueinander?

Die Erzeugung von Biomasse schränkt die Flächen zur Erzeugung von Nahrungs- und Futtermitteln immer weiter ein. Damit steigen die Preise für diese Produkte. Bisher gibt es allerdings in Sachsen keine Übersicht über Flächenansprüche der Nahrungs- und Futtermittelerzeugung, konkurrierender energetischer Nutzungen und anderer Flächennutzungen. Das bedeutet, die Staatsregierung fördert den Biomasseanbau, ohne zu wissen, welche Auswirkungen das auf die übrigen Wirtschaftsbereiche haben wird. 

Welche Probleme sehen Sie aus Sicht des Naturschutzes?

Brachflächen werden reaktiviert und so ihrer ökologischen Funktion beraubt. Aus wirtschaftlichen Gründen wächst der Druck durch erhöhten Pestizideinsatz die Erträge pro Hektar zu steigern. Außerdem stehen immer weniger Flächen für den ökologischen Landbau zur Verfügung, mit der Folge, dass immer mehr ökologisch erzeugte Lebensmittel aus dem Ausland eingeführt werden müssen und dieser Markt der einheimischen Landwirtschaft auf Dauer verloren geht.

Die Agentur für Erneuerbare Energien weist darauf hin, dass Energiepflanzen die Agrarlandschaft ökologisch bereichern können. Nicht nur Raps, Mais und Ölpalme eignen sich demnach für die Spritproduktion, sondern auch Exoten wie Silphie, Jatropha und Sudangras. Ist bei dieser Artenfülle das Argument, Energiepflanzen beförderten Monokulturen, noch aufrecht zu erhalten?

Entscheidend ist nicht, was in der Fruchtfolge angebaut wird. Entscheidend für die Artenvielfalt ist die Strukturvielfalt. Raps soweit das Auge reicht, oder Mais oder Rüben oder was auch immer bedeutet Strukturarmut und das hat vergleichbare Folgen wie echte Monokulturen. Pflanzenvielzahl als Artenvielfalt zu definieren ist fachlich auch nicht tragbar. Entscheidend sind Lebensgemeinschaften aus Pflanzen und Tieren, die in ihrem für sie typischen Biotop ein funktionierendes Ökosystem bilden.


Der Stoff, aus dem einmal Agro-Sprit werden soll: Getreide. (Foto: Schulze von Glaßer)

Eines der Hauptargumente von Gegnern der jetzigen Gesetzgebung bezieht sich auf den so genannten Verdrängungseffekt. Dem Argument zufolge würden zwar die Energiepflanzen für Agrokraftstoffe nicht mehr auf ökologisch wertvollen Flächen angebaut. Jedoch würde dann eben Rinderhaltung oder Palmölplantagen für die Kosmetikindustrie auf gerodetem Urwald erfolgen. Würden Sie die Entwicklung hin zu mehr Agrokraftstoff im Tank unterstützen, wie es der Verband der Deutschen Agrokraftstoffindustrie VDB fordert, wenn es ein Zertifizierungssystem für die gesamte Agrarwirtschaft gäbe?

Nein. Biokraftstoffe sind auch nach Ansicht des Bundeslandwirtschaftsministeriums nicht sinnvoll. Sie können nicht ökologisch nachhaltig erzeugt werden. Jede Zertifizierung betrachtet immer nur einen Teilaspekt und belegt keinesfalls die Unbedenklichkeit des Produkts. Die Argumente vom VDB sind mit der Brille der hinter ihm stehenden Unternehmen zu verstehen, den Anforderungen wissenschaftlicher Nachprüfbarkeit genügen sie keinesfalls.

Häufig wird argumentiert, der Anbau von Energiepflanzen trage zur regionalen Wertschöpfung bei. Kann es sich ein Land wie Sachsen erlauben, darauf zu verzichten?

Eine regionale Wertschöpfung ohne Betrachtung der langfristigen Folgen zu propagieren, ist verantwortungslos. Regionale Wertschöpfung dieser Art hat es jahrzehntelang zu Zeiten der DDR gegeben, ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Bevölkerung und die katastrophalen Folgen für Natur und Umwelt. Die gleiche Denkweise finden wir aber leider in vielen staatlichen und wirtschaftlichen Bereichen immer noch vor.

Momentan können Autofahrer E10 boykottieren, indem sie weiter nur Kraftstoffe mit einer Beimischung von lediglich fünf Prozent Bioethanol tanken. Wie lange soll es den 5-Prozent-Treibstoff noch geben?

Die Politik dieser Bundesregierung endet spätestens 2013. Dann liegt es in der Verantwortung der Wähler, eklatante Missstände wie die Förderung der Biomasse-Energieerzeugung abzustellen.

Interview: Eva Mahnke

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