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Zweite Supermacht Weltsozialforum

Zum elften Mal treffen sich Zehntausende als Gegenöffentlichkeit zum Weltsozialforum. 2003 noch als "Zweite Supermacht" gehandelt, machen sich heute Ermüdungserscheinungen bemerkbar.

Aus Porto Alegre Gerhard Dilger

Heute beginnt im senegalesischen Dakar das Weltsozialforum (WSF). Bis zum 11. Februar diskutieren voraussichtlich 40.000 Menschen über soziale und ökologische Gerechtigkeit, Gleichheit und die Selbstbestimmung der Völker. Auf dem Programm stehen Diskussionsforen zur Klimagerechtigkeit, zur Ausbeutung natürlicher Ressourcen, zur Nahrungsmittelsicherheit, zum Weltgipfel Rio plus 20 und zur Landnahme.

WSF2010Dilger
Auftaktdemonstration zum Weltsozialforum 2010. (Fotos: Dilger)

Das Weltsozialforum hat bereits eine zehnjährige Geschichte: Gut 15.000 TeilnehmerInnen aus 120 Ländern kamen Ende Januar 2001 zum ersten Weltsozialforum ins sommerliche Südbrasilien. Es war ein ungewohnter Anblick: Auf dem modernen Campus der Katholischen Universität von Porto Alegre drängten sich Studierende und Indígenas aus Brasilien, afrikanische Intellektuelle, Basisaktivisten aus Indien, nordamerikanische Umweltschützer, italienische Kommunalpolitiker, Feministinnen aus Australien – angereist war auch eine Handvoll deutscher Aktivisten von Nichtregierungsorganisationen.

Den größten Wirbel verursachte die Landlosenbewegung MST, die den französischen Kleinbauernaktivisten José Bové zur demonstrativen Zerstörung eines Monsanto-Versuchsfeldes für Gensoja einlud. Auf einer transatlantischen Videokonferenz lieferten sich Globalisierungskritiker mit einem Team um den Finanzjongleur George Soros in den Schweizer Alpen ein Wortgefecht.

"Davos ist die Vergangenheit, Porto Alegre die Zukunft", begann Walden Bello von der linken Denkfabrik Focus on the Global South in Bangkok sein Plädoyer für eine Neuordnung des internationalen Handels- und Finanzsystems. Der gewünschte Gegenpol zum "neoliberalen Einheitsdenken" war geschaffen.

2003, vor der Irak-Invasion, sah die New York Times neben den USA die "Weltöffentlichkeit" gar als zweite Supermacht. Das Weltsozialforum boomte und globalisierte sich, 2004 zog es nach Indien, 2010 machte das Weltsozialforum wieder Zwischenstation in Porto Alegre. Regionale und thematische Foren finden mittlerweile auf allen Kontinenten statt, doch auch Ermüdungserscheinungen sind nicht zu übersehen. Und wie vor zehn Jahren dominieren Franzosen, Italiener, Spanier, Brasilianer. Von Ausnahmen abgesehen, bleibt man unter sich.

Deutschland kaum vertreten in Dakar

In Europa hat die Strahlkraft des WSF besonders nachgelassen. Gerade 14 deutsche Organisationen, darunter die GEW, der EED und die Rosa-Luxemburg-Stiftung, sind in Dakar vertreten, genauso viele wie aus Haiti. "Ohne starke soziale Bewegungen auf lokaler und nationaler Ebene gibt es nichts auf internationaler Ebene zu koordinieren", meint Asbjörn Wahl von Attac-Norwegen, deshalb müsse das Hauptaugenmerk auf der Arbeit im eigenen Land liegen.

In Südamerika sieht es besser aus. Dort tragen mittlerweile viele vormalige Aktivisten sozialer Bewegungen Regierungsverantwortung – und leisten handfeste materielle und logistische Unterstützung. Doch das hat seinen Preis: Auf dem WSF bleibt Kritik an den linken oder Mitte-Links-Regierungen verhalten, kontroverse Debatten sind Mangelware. Die brasilianische Regierung hat die meisten sozialen Bewegungen und Gewerkschaften kooptiert und sie dadurch entpolitisiert.

Der Soziologe Emir Sader aus Brasilien sitzt im Internationalen Rat, dem obersten WSF-Gremium. Er fordert seit Jahr und Tag eine engere Verknüpfung zwischen den "postneoliberalen" Regierungen Südamerikas und dem WSF, das sich wegen "selbstauferlegter Begrenzungen" von den "real existierenden Konstruktionen der anderen möglichen Welt" abgekoppelt habe. Der Belgier Eric Toussaint sieht das ähnlich. Die größte Schwäche des WSF sei es, dass keine Endresolutionen und Aktionspläne verabschiedet werden könnten – die Charta der Prinzipien aus dem Jahr 2001 schließt dies ausdrücklich aus.

Indgena
Indigena auf dem Alternativen Klimagipfel im bolivianischen Cochabamba 2010.

Daran wird sich wohl auch in Dakar nichts ändern – im Internationalen Rat dominieren "Horizontalisten" wie WSF-Mitbegründer Francisco Whitaker. "Viele kleinere Dinge zusammengenommen ergeben den Wandel", lautet sein Credo. "Er vollzieht sich durch langsames Eindringen, nicht spektakulär. Der Forumsprozess als solcher ist unsichtbar."

"Das WSF ist und bleibt die beste Möglichkeit, uns international auszutauschen", meint Alicia Sánchez vom chilenischen NRO-Netzwerk Acción pragmatisch. Und immer wieder schwärmen Teilnehmer von Motivationsschüben, die von den Treffen mit Gleichgesinnten aus aller Welt ausgehe.

Die inhaltliche Spannbreite des WSF ist enorm, in Belém 2009 gab es 22 Abschlusserklärungen. Schwer vorstellbar, dass sich diese Vielfalt sinnvoll von oben bündeln ließe. So wird es wohl weiter bei einem bunten Nebeneinander bleiben: Während sich in Dakar die Kleinbauernaktivisten der Vía Campesina für Ernährungssouveränität stark machen, soll Brasiliens Ex-Präsident Lula, ein Förderer des Agrobusiness auch in Afrika, ausgerechnet über die "System- und Zivilisationskrise" referieren. So bleiben nach zehn Jahren WSF mehr Fragen als Antworten.

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