Energiedemokratie statt Klimagerechtigkeit
Die Bewegung für Klimagerechtigkeit stößt an ihre Mobilisierungsgrenzen, meint Klimaaktivist Tadzio Müller. Er hofft daher auf eine neue Protestbewegung, die verschiedene Spektren vereint. Das mögliche gemeinsame Ziel: Mehr Energiedemokratie. Erste Mission: Den Castor stoppen.
Aus Berlin Felix Werdermann
Tadzio Müller glaubt nicht mehr an eine große Bewegung für Klimagerechtigkeit. Der Klimaaktivst erzählt, lange Zeit habe er gedacht, das Konzept der Klimagerechtigkeit könne eine Klammer sein, um Umweltbewegte, Entwicklungsorganisationen und Globalisierungskritiker gemeinsam auf die Straße zu bringen. Auf einer Diskussionsveranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung am Mittwochabend in Berlin zieht er allerdings ein nüchternes Fazit: "Alle haben festgestellt: Es gibt eine Mobilisierungsobergrenze. Es kommen nicht so wahnsinnig viele."

Zieht nicht mehr? Forderung nach Klimagerechtigkeit, hier in Kopenhagen, Dezember 2009.
Müller ist in der Klimabewegung nicht irgendwer: Vor zwei Jahren gehörte er zu den Hauptorganisatoren des Klimacamps in Hamburg, im letzten Jahr mobilisierte er als Sprecher des internationalen Netzwerks "Climate Justice Action" (Aktion Klimagerechtigkeit) gegen die Klimakonferenz in Kopenhagen. Dort saß er mehrere Tage lang in Untersuchungshaft, weil ihm vorgeworfen wurde, er habe zu Landfriedensbruch und Gewalt gegen die Polizei aufgerufen. Die Anschuldigung, zu Gewalt angestiftet zu haben, scheint zwar ziemlich absurd, aber immerhin ist er dadurch in der internationalen, radikalen Klimabewegung bekannt geworden.
Neue Allianzen für die Kommunalisierung des Energiesektors
Nun sucht er nach Möglichkeiten, auch hierzulande noch mehr Menschen für eine andere Energiepolitik zu mobilisieren. "Wir müssen mittelfristig schauen, wie wir in Deutschland eine Energiebewegung hinkriegen." Die Forderung nach "Energiedemokratie" könne dabei ein gemeinsamer Ansatzpunkt sein. Darunter verstehe er, dass der Energiesektor vergesellschaftet, kommunalisiert und demokratisiert werde – außerdem müsse er erneuerbar werden. Tatsächlich könnte die Forderung nach einer Rekommunalisierung der Stromversorgung neue Allianzen hervorbringen: Attac und Linkspartei befürworten solche Reformen, auch die Stadtwerke könnten zu Partnern werden.

Eine Bewegung entsteht aber nicht aus dem Nichts. Dafür müssten "kollektiv die Regeln des energiepolitischen Normalwahnsinns" gebrochen werden, meint Müller. Wie das aussehen kann, lässt sich vielleicht schon in wenigen Wochen im Wendland beobachten. Am ersten Novemberwochenende soll ein Castortransport mit hochradioaktivem Atommüll nach Gorleben rollen. Einige Atomkraftgegner wollen den Castor nicht nur durch eine Sitzblockade aufhalten, sondern auch "schottern". Das bedeutet, sie möchten die Steine aus dem Gleisbett entfernen um die Strecke unbefahrbar zu machen. Die Polizei ist bereits nervös und warnt, solche Aktionen seien strafbar.
Castor schottern: "Mehr als ziviler Ungehorsam"
Uschi Volz-Walk stört das nicht. Die Aktivistin begrüßt die neue Aktionsform: "Castor schottern ist mehr als ziviler Ungehorsam, mehr als eine Blockade." Der radikale Protest sei ein "massiver Regelbruch" und gehe damit "einen Schritt weiter" - jetzt, wo die Blockaden "in der Mitte der Gesellschaft angekommen" seien. Tatsächlich beteiligen sich immer mehr Menschen an dieser Protestform. So ruft dieses Jahr der Umweltverband BUND erstmals zu Castorblockaden auf. Viele BUND-Mitglieder hatten sich bereits in den vergangenen Jahren daran beteiligt, der Verband hatte sich aber offiziell zurückgehalten - aus Rücksicht auf die teilweise konservative Klientel. Nun wolle man ein "Gegengewicht setzen" zu den "Versuchen, den Protest zu kriminalisieren", sagt Thorben Becker, Energieexperte beim BUND.
Das dürfte ohnehin schwer werden, denn der Aufruf der Kampagne "Castor schottern" wurde schon von 164 Gruppen und zahlreichen Einzelpersonen unterzeichnet, unter anderem von mehreren Universitätsprofessoren und Bundestagsabgeordneten. Wie viele Menschen sich hinterher tatsächlich beteiligen, ist bislang noch nicht abzusehen. Zu wenige sollten es aber nicht werden, meint Uschi Volz-Walk: "Wir brauchen natürlich Tausende, um den Schotter wegzubekommen."
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 11 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





Noch 8 Tage bis Cancún: "Das programmierte Scheitern ist ein Strukturelement derzeitiger Klimadiplomatie", sagt Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info in der Debatte 'Wozu brauchen wir noch Klimakonferenzen?'
Vom 12. bis 16. Oktober finden weltweit Aktionen für Klimagerechtigkeit statt - ausgerufen von indigenen Bewegungen in Amerika und dem Netzwerk Climate Justice Action. Höhepunkt hierzulande soll eine Aktion im rheinischen Braunkohlerevier werden.
2.000 Delegierte und Beobachter aus 190 Ländern zerbrechen sich in Bonn den Kopf darüber, wie der Neustart der Klimaverhandlungen nach Kopenhagen funktionieren könnte. klimaretter.info hat mit Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam darüber gesprochen, wie es nach Kopenhagen weitergeht
UNEP-Chef Achim Steiner sieht das Zwei-Grad-Ziel in Gefahr, sollte es auf der Klimakonferenz in Durban keine Einigung geben
Am heutigen Montag konstituiert sich die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität. Klimaretter.info sprach mit Kommissions-Mitglied und SPD-Vordenker Michael Müller.
Energieintensive Unternehmen sind in Deutschland von zahlreichen Energieabgaben befreit - bei Ökosteuer, Emissionshandel, Erneuerbare-Energien-Gesetz existieren Ausnahmeregelungen. Arepo Consult hat die Auswirkungen der Befreiungen in einer Studie untersucht. Sarah Rieseberg von Arepo Consult im Interview mit klimaretter.info.
"Organisatoren von Gewalt und Aufruhr" während des Weltklimagipfels in Kopenhagen: Dänisches Gericht verurteilt die Aktivistinnen Stine Gry Jonassen und Tannie Nyboe zu vier Monaten Haft auf Bewährung. Von Reinhard Wolff und Sarah Messina
Die dänische Justiz macht neuen Anlauf zur Kriminalisierung der Klimagipfel-Protestbewegung: Am Mittwoch beginnt der nächste Kopenhagen-Prozess. Weil sie "Push!" gerufen haben sollen, stehen die Sprecherinnen eines Klimanetzwerks vor Gericht. Aus Stockholm Reinhard Wolff
Die Organisation Rising Tide feiert ihr 10-jähriges Bestehen - direkte Aktionen für Klimaschutz seit dem Klimagipfel in Den Haag. Die Organisation ist inzwischen in drei Kontinenten präsent
"World Energy Outlook 2010" der Internationalen Energie-Agentur: Der rapide steigende Energiebedarf Brasiliens, Chinas und anderer Schwellenländer wird die Ölpreise in den kommenden 25 Jahren explodieren lassen. Und: Der Anteil regenerativer Erzeugungsarten an der weltweiten Stromproduktion wird laut IEA bis 2035 auf gut ein Drittel wachsen.
In Luxemburg entscheiden die Umweltminister der 27 EU-Länder: Vor dem Klimagipfel in Mexiko ist in Sachen EU-Klimaziel nichts Neues zu entscheiden. Erst nach Cancún steht "die Option" einer ambitionierteren Zielmarke wieder auf der Europa-Agenda.
Ungeladene Gäste in Smoking und Abendkleid: Nach einer Protestaktion beim Klimagipfel in Kopenhagen drohen elf Greenpeace-Aktivisten jetzt bis zu einem Jahr Haft.
Der Ansturm auf den alternativen Klimagipfel in Bolivien hat selbst die Organisatoren überrascht. Mit dem "Abkommen der Völker" soll das Ergebnis von Cochabamba in die UN-Verhandlungen auf dem Weg zum nächsten Klimagipfel in Mexiko eingebracht werden. Tadzio Müller, Klima-Aktivist aus Berlin findet: Der Aufwand hat sich gelohnt
Transparency International legt einen globalen Korruptionsbericht zum Klimawandel vor: Im Fokus stehen unter anderem die Klimadiplomatie und der Emissionshandel.
Der UN-Generalsekretär fürchtet, dass auf dem internationalen Verhandlungsparkett keine Lösung für das Klimaproblem gefunden wird



